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Rohstoffe im Ausverkauf

Meinung / von Giorgio V. Müller / 10.12.2015

Die Flaute an den Rohwarenmärkten akzentuiert sich. Verursacher sind die Förderunternehmen, die in der Boom-Phase zu optimistisch budgetiert haben. Die Konsolidierung steht erst am Anfang, meint Giorio V. Müller, NZZ-Wirtschfatsredakteur.

Die Parallelität mag Zufall sein, entbehrt jedoch nicht einer gewissen Ironie: Während die internationale Politik in Paris über die Dekarbonisierung des Energiesystems debattiert, fällt der Preis der wichtigsten fossilen Energie, des Erdöls, immer tiefer. Mittlerweile wird ein Fass (159 Liter) unter 40 Dollar gehandelt, einen Drittel weniger als noch zu Jahresbeginn. Letztmals so günstig war das Erdöl mitten in der Finanzkrise Ende 2008. Für die neuen erneuerbaren Energien aus Wind und Solar ist das keine gute Nachricht, weil dadurch die Konkurrenzfähigkeit der fossilen Energien, die mit Blick auf die Klimaerwärmung ersetzt werden sollen, wieder zunimmt. Für die Belebung der allgemeinen Konjunkturlage richten die tiefen Erdölpreise jedoch wohl mehr aus als die extreme Geldpolitik aller Notenbanken zusammen.

Das billige Erdöl dürfte jedoch weniger mit der Klimapolitik, sondern mehr mit der allgemeinen Flaute an den Rohstoffmärkten zusammenhängen. Bemerkenswert ist vor allem die Breite der Preisrückschläge, die kaum einen Sektor der Rohstoffmärkte verschont lässt. Die Notierungen für wichtige Industriemetalle wie Kupfer, Platin, Eisenerz und Nickel sind in diesem Jahr im ähnlichen Ausmaß wie das Erdöl eingebrochen, ohne dass es eine globale Rezession gegeben hätte. Selbst die Preise für Agrargüter wie Weizen und Kaffee haben sich um rund einen Viertel verbilligt. Die Nachfrage nach Rohstoffen aus dem in den vergangenen Jahren immer wichtiger gewordenen China hat sich jüngst zwar etwas abgeschwächt. Trotzdem ist dies keine ausreichende Erklärung für die gedrückten Preise, zu denen die Rohwaren derzeit gehandelt werden. Doch wenn China niest, scheint der Rest der Welt eine Grippe zu haben.

Die Wurzel des Problems liegt vielmehr in einem zu reichlichen Angebot. Im Erdölbereich ist es das egoistische Verhalten der einzelnen Opec-Länder, das zweifeln lässt, wie geeint das Kartell noch seine Interessen verfolgt. Weil es sich auf keine Produktionslimits mehr festlegen will, wird das globale Überangebot an Erdöl noch länger Bestand haben und tendenziell den Preis drücken. Das dominante Saudi-Arabien kann sich diese Taktik leisten, weil es die günstigsten Förderkosten hat. Mit der Rückkehr der iranischen Produzenten an die globalen Märkte wird sich das Überangebot noch verschärfen.

Der Schweinezyklus hat die Märkte im Griff

Mittel- bis längerfristig sollten sich Angebot und Nachfrage für Rohstoffe wieder einpendeln, denn die tiefen Notierungen veranlassen die großen Energiekonzerne, weniger Geld in die Suche und Erschließung neuer Vorkommen zu investieren. Leidtragende sind die Servicegesellschaften wie der Vermieter von Bohrplattformen – Transocean. Auf diese Weise können die Ölmultis am schnellsten sparen, denn sie wollen weiterhin in der Lage sein, hohe Dividenden auszuschütten.

In der Bergbaubranche ist die Ausgangslage ähnlich. Die am Dienstag angekündigte Restrukturierung von Anglo American unterzieht den südafrikanischen Bergbaukonzern einer Rosskur, die ihn in wenigen Jahren auf einen Drittel seiner derzeitigen Größe zusammenstaucht. Aus heutiger Warte war der Schritt überfällig, denn das Management – das wie viele andere in der Branche an einen „Superzyklus“ der Rohstoffe glaubte – investierte im Sog steigender Notierungen immer mehr in neue Kapazitäten. Exemplarisch sind die Milliarden, die Anglo American in brasilianische Eisenerzminen steckte. Als die Produktion anlief, waren die Preise bereits im Keller. Wie prekär die Lage von Anglo American tatsächlich ist, zeigt, dass die Nettoverschuldung des Unternehmens doppelt so hoch ist, wie es an der Börse bewertet wird.

Charakteristisch für eine zyklische Branche ist, dass die Akteure stets in die gleiche Richtung rennen. Derzeit wollen im Rohstoffgeschäft alle devestieren, Aktiven abstoßen, Kapazitäten drosseln – der Schweinezyklus hat die Märkte voll im Griff. Obwohl schon viele Rohwaren mehrjährige Tiefs erreicht haben, dürfte sich die Flaute noch nicht ausgetobt haben. Üblicherweise ist dies erst dann der Fall, wenn Anzeichen einer Kapitulation auszumachen sind. Noch ist es nicht so weit. Dieser Punkt wird dann erreicht sein, wenn prominente Opfer das Handtuch werfen müssen und die Meinung vorherrscht, die Baisse sei bodenlos. Dann schlägt die Stunde der Mutigen, die zugreifen können und die Gewinner des nächsten Aufschwungs sind.