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Absturz

Russische Airlines unter Kostendruck

von Benjamin Triebe / 03.11.2015

Der Absturz eines Airbus der Kogalymavia erinnert an die prekäre wirtschaftliche Lage kleinerer russischer Fluggesellschaften. Die Frage ist: Sparen sie bei der Sicherheit? NZZ-Korrespondent Benjamin Triebe ist der Frage nachgegangen.

Der Absturz einer russischen Passagiermaschine auf der Sinai-Halbinsel am vergangenen Samstag gilt gemessen an der Opferzahl als das schwerste Unglück in der zivilen Luftfahrt des Landes. Alle 224 Insassen des Airbus A321 sind ums Leben gekommen. Während nach der Ursache geforscht wird, ließ am Montag die Meldung der russischen Behörden aufhorchen, die Angestellten der westsibirischen Fluggesellschaft Kogalymavia hätten seit zwei Monaten keine Gehälter erhalten. Das ist wenig überraschend, denn die wirtschaftliche Lage russischer Airlines hat sich zuletzt markant verschlechtert. Das weckt Befürchtungen, die Fluggesellschaften könnten an der Sicherheit sparen.

Ein Riese und viele Kleine

Die Sicherheit russischer Airlines ist im internationalen Vergleich verbesserungswürdig, allerdings nicht durchwegs. Die größeren Anbieter, allen voran die staatliche Marktführerin Aeroflot, fliegen mit jüngerem westlichem Gerät. Sie lassen dieses auch von ausländischen Anbietern warten, Aeroflot beispielsweise von Lufthansa Technik. Jedoch haben in Russland nach offiziellen Angaben rund 250 Gesellschaften eine Fluglizenz. Nicht selten handelt es sich um kleine regionale Einheiten, die sich in den russischen Teilrepubliken nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus der kommunistischen Konkursmasse formten. Sie haben zwar inzwischen auch Flugzeuge der Typen Airbus und Boeing angeschafft, aber oftmals ältere, gebrauchte Maschinen, die besonders eine konstante Wartung erfordern.

Kogalymavia gehörte mit ehemals nur neun Maschinen gemessen an den Passagierzahlen bereits zu den zwanzig größten Airlines des Landes.

Viele der kleinen Airlines operieren nur innerhalb Russlands und unterliegen keinen westlichen Sicherheitsüberprüfungen. Wie stark das Gefälle in der Branche ist, zeigt die Tatsache, dass Kogalymavia mit ehemals nur neun Maschinen gemessen an den Passagierzahlen bereits zu den zwanzig größten Airlines des Landes gehört. Das Durchschnittsalter russischer Flugzeuge beträgt 21 Jahre, jenes der Unglücksmaschine von Kogalymavia 18 Jahre. In den vergangenen Jahren kam es bei der Airline mehrmals zu Zwischenfällen.

Die reine Charterfluggesellschaft Kogalymavia erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von 7,9 Milliarden Rubel (123 Millionen Dollar) und zog daraus offiziell einen Gewinn von gerade einmal 2,4 Millionen Rubel (37.000 Dollar). Von 2012 bis August 2014 bot sie Charterflüge im Auftrag des deutschen Reiseveranstalters TUI an, bis der Großkunde den Vertrag kündigte. Seither dürfte sich die Geschäftslage mit dem Rubel-Zerfall und der Wirtschaftskrise weiter verschlechtert haben. Nicht nur müssen russische Fluggesellschaften Kerosin in Dollars bezahlen, sondern auch die zumeist geleasten Airbus- und Boeing-Flugzeuge. Gleichzeitig ist der Verkehr auf Auslandsrouten eingebrochen, weil viele Russen aus Kostengründen lieber im eigenen Land Ferien machen.


Credits: REUTERS/Maxim Shemetov/Files

In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres war Kogalymavias Passagierzahl um über 30 Prozent auf 780.000 Fluggäste gesunken. Branchenweit blieb die Zahl der Passagiere etwa konstant – wobei jene auf Auslandsflügen um 14 Prozent zurückging und jene im Inland um 16 Prozent stieg. Da Inlandsflüge weniger lukrativ sind als jene zu Zielen außerhalb Russlands, ist so das Umfeld für die Airlines überproportional härter geworden. Selbst Marktführerin Aeroflot, die deutlich expandierte, schreibt Verluste. Die ehemalige Nummer zwei der Branche, Transaero, steht vor dem Bankrott und hat den Flugbetrieb eingestellt. Bereits im Sommer 2014 hatte der Rubel-Zerfall eine Reihe von Reiseagenturen in den Konkurs geschickt.

Bündel an Missständen

Der wirtschaftliche Druck setzt Fragezeichen hinter die Bereitschaft gerade kleinerer Airlines, sich an alle Sicherheitsregeln zu halten. Hinzu kommen Korruptionsvorwürfe und Berichte über Defizite bei der Ausbildung von Piloten. Lange Zeit war es zudem ausländischen Piloten untersagt, bei einer russischen Fluggesellschaft anzuheuern; das Ergebnis war ein Mangel an qualifiziertem Personal. Das Verbot wurde erst im Jahr 2014 gekippt. Dass all diese bekannten Missstände erst zum öffentlichen Thema werden, wenn sich ein Unglück ereignet, wirft zudem ein schlechtes Licht auf die staatliche Regulierung und Kontrolle.