Russland kann Rubel-Trubel nicht stoppen: 17 Fakten zur Währungskrise

von Lukas Sustala / 16.12.2014

Die russische Zentralbank hat die Leitzinsen in der Nacht auf Dienstag auf 17 Prozent angehoben, um den Rubel zu stützen. Damit ist sie spektakulär gescheitert. NZZ.at präsentiert die 17 wichtigsten Fakten, um die wirtschaftliche Situation in Russland zu verstehen. (Anm.: Einzelne Charts und Daten wurden am Mittwoch um 8:30 aktualisiert)

1. Der Zinsschritt

Eine Erhöhung des Leitzinses um 6,5 Prozentpunkte oder mehr gab es zuletzt in der Russlandkrise 1998 (wobei dieser Sprung nicht auf der Grafik zu sehen ist). Die russische Zentralbank hat in einem mitternächtlichen Meeting die Leitzinsen kräftig angehoben, um Inflation und Rubel-Abwertung einzudämmen (Central Bank of Russia). Mit der Stützung der Währung ist sie vorerst spektakulär gescheitert. Am Dienstag hat der Rubel seinen Trubel fortgesetzt und eine Berg-und-Talfahrt vollführt. Zunächst wertete er stark gegen den Dollar auf, zeitweise mehr als sechs Prozent. Doch die Gewinne wurden innerhalb weniger Stunden wieder abgegeben. Am frühen Nachmittag rutschte der Rubel massiv ab, auf zeitweise 80 gegen den Dollar, ein erneuter Rutsch von 15 Prozent.

2. Dieses Mal ist es wirklich anders

Ich weiß, die schlimmsten vier Worte eines Volkswirts sind „This time is different“. Allerdings hinkt der Vergleich mit der Russlandkrise, den viele Medien bereits am Dienstag in ihren Schlagzeilen machen. Denn die Größenordnung der Intervention ist diesmal eine andere. Joseph Cotterill vom Financial Times Blog FTAlphaville hat eine Analyse der Russlandkrise von der US-Notenbank in St. Louis ausgegraben. Damals sind die Zinsen immerhin auf 150 Prozent angehoben worden, in der Spitze lag die Inflation bei über 200 Prozent.

3. Russland holt zur Zinsspitze auf

Allerdings zeigt ein Vergleich der russischen Zinsen mit der Geldpolitik anderer Länder, dass kaum eine Zentralbank weltweit die Zügel so straff zurrt wie die russische. Der Finanzdatenanbieter Factset vergleicht die Leitzinsen weltweit, höhere haben außer Russland nur Länder wie Weißrussland oder Ghana.

4. Der Rubel ist die meistgeschasste Währung 2014

Keine Währung hat 2014 so viel ihres Außenwerts verloren wie die russische. Der Rubel hat seit Jahresbeginn um 50 Prozent gegen den US-Dollar nachgegeben, mehr noch als die ukrainische Hrywnja.

5. Russland hat noch Dollars …

Im Gegensatz zur Ukraine hat die russische Wirtschaft keinen akuten Liquiditätsbedarf und über das Öl- und Gasgeschäft eine – wenngleich schrumpfende – Devisenquelle. Die Währungsreserven des Landes sind in den Boomjahren kräftig angewachsen und liegen per November noch bei 418 Milliarden Dollar. Die Zentralbank hat in der bis dato erfolglosen Verteidigung des Rubels seit Jahresbeginn aber immerhin schon 90,7 Mrd. Dollar aufgebraucht.

6. … aber sind sie einsatzbereit?

Die aktuellen Währungsreserven sehen aber gleich deutlich weniger eindrucksvoll aus, wenn man sie sich strukturell genau ansieht, wie das der britische Economist getan hat. So sind Teile der Vermögen der beiden russischen Staatsfonds (rund 170 Mrd. Dollar) kurzfristig wohl nicht nutzbar, weil sie in langfristige Infrastrukturprojekte gesteckt wurden. Der Ökonom Anders Åslund von der US-Denkfabrik Peterson Institute for International Economics schätzt, dass die effektiven Währungsreserven Russlands nur bei 203 Milliarden Dollar liegen.

7. Die Inflation gewinnt an Fahrt

Die Abwertung der Währung hat mehrere Effekte, positive und negative. Positiv ist, dass die russische Exportindustrie durch den niedrigeren Rubel international wettbewerbsfähiger wird. Negativ ist für die russische Bevölkerung vor allem die Inflation. Sie ist im November auf 9,1 Prozent gestiegen und wird laut Ökonomen auch im nächsten Quartal auf dem hohen Niveau verharren.

8. Die Sanktionen verschärfen die Teuerung

Der Westen und Russland haben sich im Zuge der Ukraine-Krise gegenseitig mit Sanktionen gestraft. Russlands Präsident Vladimir Putin hatte dabei vor allem einen Importstopp für Lebensmittel verkündet, um Exporteure in Polen und anderen EU-Ländern zu treffen. Die Effekte waren zwar auch in Europa zu spüren (wie etwa Pleiten von Lebensmittelkonzernen und Aufrufe zum Apfel-Verzehr zeigen), doch die russische Bevölkerung leidet wohl am intensivsten unter der wirtschaftlichen Lage. Die Inflationsraten für Fleisch, Milch und Zucker liegen deutlich über der allgemeinen Teuerung von neun Prozent.

9. Der Ölpreis setzt Russland zu

Ein weiterer Grund für den massiven Druck auf Russland ist neben der westlichen Sanktionen auch der Verfall des Ölpreises. Am Dienstag kostete ein Fass Rohöl der Marke Brent erstmals seit 2009 weniger als 60 Dollar pro Fass. Das ist für Russland ein empfindlicher Schock für seine „Terms of Trade“. Diese Kennzahl beschreibt das wichtige Verhältnis von Einfuhren zu Ausfuhren. Ein negativer ToT-Schock heißt, dass ein Land mehr exportieren muss, um seine Importe zu finanzieren, oder seine Importe einschränken muss. In Österreich fand das etwa mit dem Ölschock der 1970er Jahre statt, als die Importe innerhalb kurzer Zeit deutlich teurer wurden. In Russland führen aktuell die Sanktionen und der Rubel-Verfall zu einer Inflation bei den Importpreisen und der Verfall des Ölpreises zu einer Verbilligung der eigenen Exporte. Und Öl ist ein wesentlicher Teil der russischen Exportindustrie, wie das Chart vom „Observatory of Economic Complexity“ des MIT zeigt.

11. Billigeres Öl führt zur Vollbremsung

Die russische Zentralbank hat ihre nächtliche Maßnahme auch mit einem Stressszenario begründet, das die Währungshüter für die Wirtschaft durchgerechnet haben. Demnach dürfte die Wirtschaft 2015 um 4,5 bis 4,7 Prozent schrumpfen, wenn die Ölpreise bei nur 60 Dollar pro Fass zu liegen kommen. Das wäre deutlich weniger, als Volkswirte rechnen. Der IWF hat in seiner aktuellen Schätzung für Russland noch ein Wachstum von 0,5 Prozent für 2015 unterstellt.

12. Russlands Staatsschulden sind aber gering

… so groß die Probleme von Inflation und Währungsverfall auch sind. Noch sind die öffentlichen Finanzen in Russland auch im Vergleich zu westeuropäischen gelinde gesagt solide. Die Brutto-Schulden des russischen Staats machen mit 16 Prozent der Wirtschaftsleistung so wenig aus wie sonst kaum wo auf der Welt. In der Eurozone hat nur Estland eine geringere Staatsverschuldung. Eine Staatsschuldenkrise mit Staatspleite wie 1998 drohe daher heute nicht.

13. Doch Unternehmen klopfen beim Kreml an

Wirkliche Pleiten könnten aber bei Unternehmen und Banken drohen, warnt Neil Shearing, Ökonom bei Capital Economics in London im NZZ.at-Gespräch: „Im nächsten Jahr sind US-Dollar-Schulden im Ausmaß von 130 Milliarden Dollar fällig.“ Die ökonomische Erbsünde („Original Sin“) wurde diesmal vom privaten Sektor begangen. Diese Metapher beschreibt die Situation, in der sich ein Land in fremder Währung verschuldet, also in einer Währung, über die eine Nation und ihre Zentralbank nicht souverän entscheiden können. Der russische Staat ist heute kaum direkt in Dollars verschuldet, aber seine Unternehmen und Banken sind es durchaus. So ist der Ölkonzern Rosneft bereits vorstellig geworden, weil er Dollar-Finanzierung braucht und hat seine letzte 6,88-Mrd.-Dollar Anleihe mit Hilfe der Zentralbank finanziert.

14. Eine Kapitalflucht hat eingesetzt

Laut Schätzungen der russischen Zentralbank sind 2014 mehr als 130 Milliarden Dollar an Kapital aus Russland abgezogen worden. Das wäre doppelt so viel wie noch im Vorjahr. Von direkten Kapitalverkehrskontrollen, die etwa eine Konvertierung von Rubel in andere Währungen einschränken würden, hat die russische wirtschaftspolitische Führung aber bis dato abgesehen, auch wenn sie für Analysten die einzige scharfe Waffe im Kampf gegen einen Rubel-Crash wären (WSJ, Paywall).

15. Durch die Rubelkrise sind Österreichs Banken unter Druck

Am Dienstag sind die Aktien der Raiffeisen Bank International um mehr als drei Prozent gefallen. Das ist ein neues Allzeittief. Die Sorge der Börsianer ist mit einer Zahl zusammengefasst. Das Russland-Geschäft hat in den ersten drei Quartalen bei Raiffeisen 367 Millionen Euro Gewinn beschert, mit einer Eigenkapitalrendite (Return on Equity) von fast 30 Prozent. Russland hat damit knapp zwei Drittel zum bisherigen Ergebnis 2014 beigetragen. Auch die Unicredit Bank Austria ist in Russland stark engagiert. Österreichs Banken zählen zu den wichtigsten ausländischen Geldgebern in Russland.

16. Auch der Konflikt mit der Ukraine kostet

Peter Havlik, Ökonom am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche, beziffert die direkten Kosten des Krieges in einer Studie vom November auf rund 20 Milliarden Euro pro Jahr: „A crude estimate of direct costs of the Ukraine conflict for Russia (based on comparing pre-conflict and current GDP growth forecasts) yields around 1 percentage point of foregone Russian GDP annually during 2014–2016 (nearly EUR 20 billion per year at 2013 prices and the exchange rate in 2014).“

17. Und ein Witz über Russlands Wirtschaft ist überholt

In der jüngsten Russland-Krise hat ein Witz die Runde gemacht: Was haben der Rubel, Öl und Wladimir Putin gemeinsam? Sie nähern sich alle der Zahl 63 an. Öl koste bald nur noch 63 Dollar, der Rubel notiere bei 63 gegen den Dollar und Putin feiere im kommenden Jahr seinen 63. Geburtstag.

Allein, der Witz ist schon überholt. Am Mittwoch in der Früh notierte der Rubel bei 69 gegen den Dollar, der Ölpreis bei nur noch 59,6 Dollar. Einzig Putin steuert noch zielgenau auf die 63 zu.