Alexander Zemlianichenko / AP

Rezession und Arbeitslosigkeit

Russlands Heer an Arbeitslosen geht nicht auf die Straße

von Benjamin Triebe / 17.05.2016

Die Russen müssen sich so stark einschränken wie lange nicht. Arbeiterproteste nehmen zu, sind aber keine Massenbewegung. Wie das zusammenpasst, ist eine russische Spezialität.

Nur langsam arbeitet sich die russische Wirtschaft aus der Rezession. Das Bruttoinlandprodukt ist im ersten Quartal noch um 1,2 Prozent zum Vorjahreszeitraum geschrumpft, wie das nationale Statistikamt am Montag schätzte. 2015 war die Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent gesunken. Auch den meisten Portemonnaies geht es nicht gut, erhebliche Einbußen sind wettzumachen: Die Nominallöhne wuchsen 2015 so langsam wie zuletzt in der Russlandkrise 1998; die Reallöhne schmolzen wegen der hohen Teuerung sogar um fast 10 Prozent. Auch der Privatkonsum brach um ein Zehntel ein, doppelt so stark wie in der Finanzkrise.

Die Reallöhne werden auch 2016 laut dem Wirtschaftsministerium noch leicht zurückgehen. Die Kaufkraftverluste stellen ein Wirtschaftsmodell infrage, auf dem Präsident Wladimir Putins Popularität gründet. Mit der Umverteilung der Erdöleinnahmen hatte Putin seit seinem ersten Amtsantritt im Jahr 2000 ein Konsumfeuerwerk gezündet.

Doch die Russen lebten gestern auf Kosten von morgen: Von 2003 bis 2013 sind die Reallöhne fast immer klar stärker gewachsen als die Arbeitsproduktivität. Während diese um höchstens 8 Prozent pro Jahr zulegte, wurden die Arbeiter mit real bis zu 17 Prozent mehr entlohnt. Diese Zeiten sind vorbei. Rechnet man die Nominallöhne in Dollar um, war Arbeit in Russland wegen des Rubelzerfalls sogar zeitweise günstiger als in China.

Wachsende Konflikte

Es mehren sich Berichte von Protesten über ausbleibende Löhne, sei es beim kriselnden Lada-Hersteller Avtovaz oder in der Metall- und Fahrzeugindustrie am Ural. Die offizielle Erfassung von Arbeiterprotesten ist in Russland lückenhaft, aber eine Untersuchung von Sozialwissenschaftern, unter anderem vom Forschungszentrum CISR in St. Petersburg, erkennt einen klar zunehmenden Trend. Je nach Zählweise wurden im vergangenen Jahr 409 oder 156 Arbeitskonflikte registriert. Selbst die amtliche Statistik verzeichnet den höchsten Stand an Streiks seit 2008, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Arbeiterproteste in Russland sind kein Massenphänomen, was auch auf die Angst vor Entlassungen zurückgeführt wird. In den zahlreichen Mono-Städten – Industriezentren mit einem großen Arbeitgeber – mag dies berechtigt sein. Hinzu kommen hohe rechtliche Hürden für Streiks, schwache Gewerkschaften und mangelnde überregionale Koordination innerhalb der Branchen. Proteste haben meist einen spontanen, eng begrenzten und lokalen, selten einen landesweiten Charakter.

Für manchen Arbeiter allerdings sind die Einbußen beim Lohn ein Tauschgeschäft: Er behält so seinen Job. Russlands Firmen streichen traditionell lieber auf dem Lohnzettel als in der Personalliste. Die Arbeitslosigkeit betrug vergangenes Jahr durchschnittlich 5,6 Prozent, geringfügig mehr als 2014 und weit entfernt von den 8,4 Prozent in der Finanzkrise. Der Verzicht auf Kündigungen kann allgemeine Gründe haben, beispielsweise den Erhalt von Wissen im Unternehmen – oder auch russische Gründe.

In der Krise wird abgerechnet

Große Arbeitgeber und staatlich kontrollierte Firmen stehen unter besonderer Beobachtung der politischen Instanzen. Um den gesellschaftlichen Frieden nicht zu gefährden und sich keinen politischen Ärger einzuhandeln, verzichteten manche Unternehmen lange Zeit auf Umstrukturierungen und damit verbundene Entlassungen. Oft unterließen sie es damit auch, in Effizienz und moderne Produktionsmethoden zu investieren. In den vergangenen Boomjahren haben sich die Versäumnisse dieser Strukturerhaltung kaum gerächt.

In der Krise wird jetzt abgerechnet, und am schwersten tragen die Schwächsten. Sei es wegen Jobverlusts oder niedriger Löhne: Die Weltbank kritisierte im April, die Rezession mache Russlands substanzielle Fortschritte bei der Armutsbekämpfung zunichte. Sie erwartet in ihrem Basisszenario einen Anstieg der Armutsquote im laufenden Jahr von 13,4 Prozent auf 14,2 Prozent oder 20,3 Millionen Einwohner. Damit würden mehr Menschen in Armut leben als während der Finanzkrise. 2012 hatte die Quote mit 10,7 Prozent ihr Tief erreicht.