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Kosmodrom Wostotschny

Russlands neues Tor zum All

von Daniel Wechlin / 28.04.2016

Mit dem ersten Raketenstart in Wostotschny hat das neue Kosmodrom seine Feuertaufe bestanden. Doch Vetternwirtschaft, Kostendruck und Pannen setzen der stolzen Raumfahrernation Russland zu.

Der Start ist geglückt. Am Donnerstagvormittag hob eine russische Trägerrakete des Typs Sojus-2.1a zusammen mit drei Wissenschaftssatelliten an Bord ab. Allerdings nicht wie meist aus Baikonur in Kasachstan, sondern im Fernen Osten Russlands, zum ersten Mal vom Weltraumbahnhof Wostotschny. Nach vierjähriger Bauzeit hat damit das Kosmodrom im Gebiet Amur, welches laut Präsident Wladimir Putin eine neue Ära der russischen Raumfahrt einläuten wird, seine Feuertaufe bestanden – wenn auch erst im zweiten Anlauf. Tags zuvor musste wegen einer technischen Panne an der Rakete der Startvorgang abgebrochen werden, und vollständig fertig ist der Weltraumbahnhof auch noch nicht. Die Bauarbeiten dauern an. Der zweite Raketenstart ist erst für 2017 vorgesehen. Ab 2018 soll in Wostotschny der kommerzielle Betrieb aufgenommen werden mit vorerst zwischen acht bis zehn Starts, wie Igor Komarow, der Chef der russischen Raumfahrtsbehörde Roskosmos mitteilte.

Streiks und Verzögerungen

Im „Juri-Gagarin-Jahr“, am 12. April jährte sich der Flug des ersten Menschen ins All zum 55. Mal, ist Wostotschny das wichtigste Vorhaben der russischen Raumfahrt, das in der Tradition der erfolgreichen und stolzen Raumfahrer-Nation zu einem Prestigeprojekt von gesamtnationaler Bedeutung emporstilisiert wird. Das Kosmodrom soll sich einst auf einer Fläche von 700 Quadratkilometern erstrecken, mehrere Startrampen haben und bis zu 30.000 Personen beherbergen können. Ein neuer Raketenstartplatz auf russischem Territorium erklärt sich aus sicherheitspolitischen Erwägungen wie aus operativen Gründen: Moskau verfügt zwar in Archangelsk, Astrachan und Orenburg über drei weitere Kosmodrome. Für schwere Lasten beziehungsweise für das lukrative Frachtgeschäft mit den Proton-Raketen ist indes nur Baikonur ausgerüstet. Mit Kasachstan besteht ein Nutzungsvertrag bis 2050. Um die Modalitäten gibt es aber immer wieder Spannungen. Zudem schlägt die jährliche Pacht (Verweis) mit umgerechnet rund 100 Millionen Euro zu Buche.

Der Weltraumbahnhof 6.000 Kilometer östlich von Moskau soll schrittweise Kapazitäten von Baikonur übernehmen und Russlands Abhängigkeit von Kasachstan verringern. Die Gesamtkosten des neuen Kosmodroms werden auf umgerechnet mindestens 7,5 Milliarden Euro geschätzt. Der Zeitplan ist von Verzögerungen geprägt. Es kam zu Korruptionsfällen, Arbeiter traten wegen ausbleibender Lohnzahlungen in Streiks. Der Kreml intervenierte, Strafverfahren wurden eingeleitet, Verantwortliche entlassen. Zusammen mit erst in der Entwicklungsphase befindlichen neuen Trägersystemen führte dies auch zur Verschiebung des ersten bemannten Flugs von Wostotschny. Gab der Kreml zunächst 2018 an, ist nun mittlerweile nicht mehr vor 2023 die Rede.

Trotzdem stellt die nun erfolgte Teil-Inbetriebnahme des Kosmodroms einen wichtigen Zwischenerfolg für die krisengeschüttelte Roskosmos dar. Seit 2010 wird Russlands Raumfahrt nicht nur von einer Reihe von misslungenen Raketenstarts und fehlgeschlagenen Manövern im All heimgesucht. Die Behörde befindet sich zudem in Mitten eines nicht unumstrittenen Reform- und Modernisierungsprozess, der die weitverzweigte Raumfahrtindustrie aus privaten und staatlichen Unternehmen in einen einzig großen Staatskonzern überführen soll. Hinzu kommt eine schwierige Finanzlage. Infolge der Wirtschaftskrise musste das nationale Raumfahrtprogramm 2016–2025 stark redimensioniert werden. Wie Regierungschef Dmitri Medwedew im März bekannt gab, stellt der Staat für die nächsten zehn Jahre noch 18 Milliarden Euro zur Verfügung; ausgenommen davon sind die Kosten für Wostotchny oder das Satellitennavigationssystem Glonass. Ein Betrag, der um mehr als die Hälfte geringer ausfällt als ursprünglich vorgesehen war und im Vergleich fast jener Summe entspricht, welcher der amerikanischen Weltraumbehörde NASA alleine für ein Jahr zur Verfügung steht.

Neue Trägersysteme

Zurückbuchstabiert wird auch rhetorisch. Am Vorhaben, 2030 erstmals einen russischen Kosmonauten auf dem Mond zu haben, wird zwar festgehalten, genauso wie an der Entwicklung eines neuen bemannten Transportraumschiffes als Ersatz für die Sojus-Kapseln. Die bemannte Raumfahrt nimmt den größten Budgetposten von Roskosmos ein. Um Präsident Putins Ankündigung von vergangenem Jahr, bis 2023 eine eigene Weltraumstation zu bauen, ist es hingegen ruhiger geworden. Stattdessen wird wieder verstärkt die Notwendigkeit der internationalen Kooperation und die Bereitschaft zur Mitarbeit an einer Nachfolgebasis zur Internationalen Raumstation (ISS) betont.

Priorität wird im nationalen Raumfahrtprogramm zudem der Erneuerung und des Ausbaus des Satelliten-Netzes sowie der Entwicklung neuer Raketensysteme eingeräumt. Insgesamt will Roskosmos in den nächsten zehn Jahren 156 Satelliten ins All befördern, dazu zählen eigene als auch solche kommerzieller Kunden. Gleichzeitig sind neue Versionen der kommerziell erfolgreichen Sojus-Raketen-Familien und die schrittweise Ersetzung der zwar leistungsfähigen und im internationalen Vergleich kostengünstigen jedoch stark umweltschädlichen Proton-Raketen durch neue Trägersysteme vorgesehen. Die Proton-Raketen reichen in die sechziger Jahre zurück, jene der Sojus-Reihe gar in die fünfziger Jahre.

Eine plötzliche Häufung von Unfällen mit den zuvor als äußerst zuverlässig und sicher geltenden Proton-Raketen in den vergangenen Jahren führte zu einem Reputationsschaden und warf ein Schlaglicht auf die Probleme der russischen Raumfahrt. An die Stelle der in die Jahre gekommenen „Arbeitstiere“ der Proton-Familie sollen moderne Raketen des Typs Angara treten. Eine modular aufgebaute Rakete aus dem Moskauer Chrunitschew-Werk, die je nach Modell Nutzlasten von 3,5 bis 37,5 Tonnen befördern soll. An ihrer Entwicklung wird seit Jahren gearbeitet. Testflüge fanden bereits statt. Bis zur Inbetriebsetzung dürften aber nochmals weitere Jahre vergehen. In Zukunft sollen die Starts der Angara-Raketen vom Kosmodrom Wostotschny erfolgen.

Russlands Position in der internationalen Raumfahrt ist freilich nach wie vor stark. Laut Roskosmos-Chef Komarow werden 40 Prozent aller weltweiten Raketenstarts von Russland durchgeführt. Überdies verfügt das Land seit 2011, als die USA ihr Shuttle-Programm einstellten, mit den Sojus-Kapseln über ein Monopol in der bemannten Raumfahrt für die Bewirtschaftung der ISS. Doch diese Situation dürfte lediglich temporär sein. Mit Ländern wie China oder Indien drängen ambitionierte Akteure auf den Markt. Außerdem wird die Konkurrenz durch private Unternehmen verschärft. Die NASA ging etwa Forschungskooperationen mit dem amerikanischen Raumfahrtunternehmen SpaceX ein, das Raumfrachter schon regelmäßig zur ISS hin und her schickt, wiederverwendbare Raketentestet und ebenfalls eine Kapsel für bemannte Flügel auf den Markt bringen will.

Den Anschluss verloren?

Kritiker des russischen Raumfahrtprogramms bezweifeln, dass Russland unter den neuen Budget-Realitäten sowie unter der Ägide des Staates zu solch Innovationen fähig wäre. Russland steht in der Kritik, zuweilen keine konsistente Strategie zu verfolgen und lediglich bestehende Technik zu modifizieren beziehungsweise keine wirklich neuen Produkte hervorzubringen. Damit drohe es im Bereich der Spitzentechnologie zusehends den Anschluss zu verlieren, was sich im neuen Raumfahrtprogramm auch in der untergeordneten Bedeutung der Forschung zeige. Nebst der Überwindung der strukturellen Problemen, etwa ein aufgeblähter Apparat, Kompetenzunklarheiten oder einem ungenügenden Qualitätsmanagement, muss Russlands Raumfahrt in der Meinung von in- und ausländischen Experten fernen einen Kulturwandel vollziehen. Eine neues Verantwortungsbewusstsein sei genauso von Nöten wie attraktivere Arbeitsbedingungen, wozu auch höhere Löhnen gehörten, um Spitzenkräfte halten oder von der Konkurrenz abwerben zu können. Die Bedingungen in der globalen Raumfahrtindustrie haben sich verändert – wer langfristig bestehen will, muss sich demnach anstrengen.