David Degner für NZZ

Industrieprojekt

Saudi-Arabien baut eine Millionen-Geisterstadt in der Wüste

von Monika Bolliger / 06.05.2016

Die King Abdullah Economic City soll einen Beitrag zur wirtschaftlichen Diversifizierung Saudi-Arabiens leisten. Ob sich das Milliardenprojekt auch mit Leben füllen wird, bleibt offen.

Ein überlebensgroßes Porträt des verstorbenen Königs Abdallah grüßt Besucher der King Abdullah Economic City (KAEC) an der Einfahrt, hinter der sich erst einmal eine leere weite Wüste auftut. Am Horizont werden Baustellen sichtbar. Es ist das vielleicht größte Bauprojekt weltweit: Die Gesamtkosten werden auf etwa 100 Milliarden Dollar geschätzt. Hier und da säumen gut bewässerte Pflanzen die neu gebauten Straßen. Plakate am Straßenrand versprechen ein „pulsierendes Leben“ und eine „strahlende Zukunft“. Künftig sollen in der Retortenstadt, deren Fläche größer als Washington DC sein wird, zwei Millionen Menschen leben.

Konkurrenz zu Dubai

Eine 55 km² große Industriezone wartet auf Unternehmen, die Produktionsstätten bauen. Saudi-Arabien plant für eine Zukunft mit geringeren Öleinnahmen und will dafür seine Wirtschaft diversifizieren. KAEC ist Teil dieses Projekts, für welches der verstorbene König Abdullah die Grundsteine legte. Der Sohn von Abdullahs Nachfolger Salman, Prinz Mohammed, will nun bei den Reformen zur Diversifizierung einige Gänge höher schalten. Davon könnte auch KAEC profitieren. Das Projekt ist trotz enger Kooperation mit der saudischen Investitionsbehörde privat finanziert. Als Teil einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit dem Baukonzern Emaar aus Dubai wurde KAEC während der globalen Finanzkrise von der Regierung mit einem Darlehen im Umfang von 1,3 Milliarden Dollar gestützt.

KAEC setzt auf verarbeitende Industrien. Dazu gehören Hersteller von Bau- und Packmaterial, Pharmafirmen, die Fahrzeugindustrie und Produzenten von Konsumgütern für den täglichen Gebrauch. Der eigene Hafen, Dreh- und Angelpunkt für Frachtgeschäfte, soll zum größten Hafen am Roten Meer ausgebaut werden und gar mit dem Hafen von Dubai konkurrieren. Bisher haben 110 Firmen Verträge unterzeichnet. Davon sind 23 Firmen operationell, 33 weitere befinden sich im Aufbau.

Konzerne wie Mars, Pfizer oder Volvo haben Produktionsstätten in KAEC eröffnet. Auch Petra, ein jordanischer Hersteller von Kühlsystemen für den industriellen Gebrauch, hat sich bei der Suche nach einem geeigneten Produktionsstandort in Saudi-Arabien für KAEC entschieden. Petra ist eine der wenigen Firmen, die bereits über den Hafen exportieren. Doch auch sie produziert bis jetzt vor allem für den lokalen Markt. Produzenten vor Ort würden für staatliche Aufträge bevorzugt, sagt deren Geschäftsführer Samir Hamed.

Man setzt auch auf den Tourismus. KAEC liegt zwischen den beiden Pilgerstätten Mekka und Medina. Wenn dereinst die Schnellzugverbindung zwischen den Pilgerorten sowie Jidda und KAEC fertiggestellt ist, wären von hier aus alle drei Orte innert einer Stunde erreichbar. Muslime sollen so ihre Pilgerfahrt mit Familienferien verbinden. Themenparks, Restaurants, eine großzügige Strandpromenade und ein Golfklub sollen zahlungskräftige Gäste anziehen.


Credits: David Degner für NZZ

Fahd al-Rashid, der CEO von KAEC, zählt die Vorteile für Investoren auf: Dazu zählen der Zugriff auf den riesigen saudischen Markt, die erstklassige Infrastruktur und ein Zugang zum regionalen Markt aus einem der stabilsten Länder der Region. Saudi-Arabien allein zählt rund 30 Millionen Einwohner. Rashid verweist auf eine Schätzung der Uno, wonach bis 2050 die Bevölkerung jener Länder, welche das Rote Meer als primäre Handelsroute nutzen können, auf 620 Millionen steigen soll. Er rechnet damit, dass sich bis 2020 rund 40 Prozent der Fläche der geplanten Stadt in der Umsetzungsphase befinden werden.

Hamed, der Geschäftsführer von Petra, meint, es werde alles noch etwas Zeit brauchen. Tatsächlich geht das Projekt weniger schnell voran als anfangs angekündigt. Einst hatte man bereits für 2008 Zehntausende Bewohner erwartet, doch die blieben bisher aus, unter anderem weil noch keine industrielle Infrastruktur vorhanden war. Jetzt seien die grundlegendsten Hürden überwunden, sagt Rashid, der schon dieses Jahr eine Beschleunigung der Entwicklung verspricht. Die Einwohnerzahl von derzeit 5.000 soll sich bis Ende Jahr verdoppeln und bis 2020 auf 50.000 steigen.


Credits: Bilder David Degner für NZZ

Hamed wohnt allein hier, seine Familie ist in Jordanien. Werden sie hierherziehen? Noch nicht, meint er. Die Stadt wirkt in der Tat noch ziemlich ausgestorben. Unser Fahrer tut sich schwer, einen Ort zu finden, wo er Zigaretten kaufen kann. Einige Ingenieure von Petra leben mit ihren Familien in Jidda und nehmen täglich den Weg von jeweils 1,5 bis 2 Stunden in Kauf. Manche Unternehmer, die bereits Fabriken im Land haben, sind skeptisch über die Erfolgschancen von KAEC. „Ich wurde angefragt. Aber wir haben unsere Fabrik in der Industriezone von Jidda, es gibt hier einen Hafen, was soll ich in einem menschenleeren Ort weit weg von der Stadt, von dem ich nicht weiß, ob er je fertig gebaut wird?“, fragt ein libanesischer Unternehmer.

Er arbeitet derzeit vielmehr an neuen Standbeinen durch die Gründung neuer Zweigstellen in Ägypten oder den Emiraten, weil er skeptisch ist, ob Saudi-Arabien die Herausforderungen der Zukunft meistern wird. Auch die Produktionsbedingungen sind nicht ideal: Es sei billiger, in Ägypten zu produzieren und die Waren hierher zu liefern, als sie lokal herzustellen.

In Saudi-Arabien sei er gezwungen, einen Prozentsatz saudischer Arbeitskräfte einzustellen, die jedoch oft kaum arbeiteten. „Manche tauchen nur einmal in der Woche auf. Und wenn ich sie entlasse, habe ich ein Gerichtsverfahren am Hals“, schimpft er. Dennoch denkt er momentan nicht daran, aus Saudi-Arabien wegzugehen. Denn wer nicht im Land ist, hat es schwieriger mit dem Zugang zum Markt.


Credits: Bilder David Degner für NZZ

Tourismus für Konservative

Wie sich Saudi-Arabien künftig verändert, ob es zu einer gesellschaftlichen Öffnung kommt, wenn die wirtschaftlichen Zwänge zunehmen und der Einfluss der jungen Generation stärker wird, ob Konflikte zu erwarten sind oder ob die Reformen gelingen, ist schwer vorherzusagen. Die Vision für KAEC entspricht wohl dem, was sich die saudische Führung für die Zukunft des Landes erträumt: modernste Infrastruktur, eine blühende Wirtschaft mit einem bleibend konservativen Gesellschaftsmodell. „Die Stadt ist bei all ihren hochmodernen Standards ausgesprochen saudisch“, betont der Presseverantwortliche Stephen Bowen.

Das heißt: Es gibt keinen Alkohol, keine offenen gemischten Strände, keine Kinos, die Spielfilme zeigen. Das ist ein Standortnachteil gegenüber den Vereinigten Arabischen Emiraten, die in dieser Hinsicht liberaler sind. Rashid räumt ein, dass mit diesen Bedingungen nicht alle glücklich werden. „Aber ich brauche nicht alle Menschen. Ich brauche nur zwei Millionen“, lächelt er.