Gregor Hofbauer/Wien Tourismus

Automatisierung

Schlechte Chancen gegen Roboter

von Leopold Stefan / 09.08.2016

Die zunehmende Automatisierung bedroht immer mehr Arbeitsplätze. Wie hart der Strukturwandel einzelne Branchen und Länder treffen wird, wird unter Experten noch rege debattiert. Studien zeichnen die unterschiedlichsten Szenarien. Eines haben sie jedoch gemein: In Österreich sind im internationalen Vergleich viele Stellen in Gefahr. 

Bundeskanzler Christian Kern dürfte sich durch die gestrige Überschrift in der Gratiszeitung Heute bestätigt fühlen: „12 Prozent aller Jobs durch Roboter futsch“, titelte das Blatt. Schließlich warnte der SPÖ-Chef seit seinem Amtsantritt wiederholt vor der zunehmenden Automatisierung im kommenden Jahrzehnt, die Arbeitsplätze vernichte und den Wohlfahrtsstaat bedrohe. Die Lösung des Problems sieht Kern in einer Wertschöpfungsabgabe, vulgo Maschinensteuer. Damit soll der Faktor Arbeit entlastet und stattdessen stärker das produktive Kapital angezapft werden.


Credits: Ute Grabowsky/photothek.net

Technischer Fortschritt ist seit jeher sowohl Hoffnungsträger als auch Bedrohungsszenario für eine moderne Gesellschaft. Selbst in der linken Szene sehen Optimisten dank der Automatisierung die kommunistische Vision von Karl Marx in greifbarer Nähe: eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Fähigkeiten arbeitet und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben wird.

Bis dahin nimmt der wachsende Einsatz von vernetzten Robotern jedoch obsolet gewordenen Arbeitern die Jobs weg. Die Forderung nach einer Maschinensteuer kehrt daher immer wieder. SPÖ-Sozialminister Dallinger führte sie in den achtziger Jahren ins Feld, bevor es noch das Internet gab. Sozialminister Walter Geppert plädierte Anfang der neunziger Jahre aus Sorge um die zunehmende Rationalisierung erneut für die Wertschöpfungsabgabe.

Falsche Prognosen oder Kassandrarufe

Dass die schlimmsten Befürchtungen vergangener Sozialminister noch nicht eingetroffen sind, heißt nicht, dass keine Arbeitsplätze dem technischen Fortschritt zum Opfer gefallen sind – wie jeder ehemalige Videothekbetreiber oder Schalterbeamter bezeugen kann. Außerdem verläuft technischer Fortschritt nie linear, wie der amerikanische Ökonom und Fortschrittsforscher Erik Brynjolfsson in einem Interview mit der NZZ betont hat: Technisch gesehen sei das Wachstum nach Erfindung der Dampfmaschine bereits exponentiell verlaufen, aber die Verdopplung benötigte ungefähr 70 Jahre. Heute gehe es viel schneller, meint der Professor für Betriebswirtschaft an der MIT Sloan School of Management.

Zusammen mit seinem MIT-Kollegen Andrew McAfee beschrieb Brynjolfsson in „The Second Machine-Age“, welche Herausforderungen auf die Menschheit durch Fortschritte in der Digitalisierung und Automatisierung zukommen. Obwohl laut den beiden Forschern tatsächlich viele Jobs verschwinden, werde gleichzeitig Potenzial für neue Stellen geschaffen, in denen Menschen die Nase vor den Robotern haben.

Erfinden, fühlen und basteln

In drei Bereichen werden Menschen auch weiterhin Robotern überlegen sein, meinen Brynjolfsson und McAfee.

Erstens bleiben kreative Tätigkeiten dem Menschen vorbehalten. Für Unternehmer, Designer oder Forscher ist die Zeit noch nie so günstig gewesen, da technologische Möglichkeiten als Multiplikator für innovative Ideen dienen. Wer vor fünfzig Jahren sein Talent für Grafikdesign entdeckt hat, musste im direkten Kundenkontakt seine Skizzen präsentieren und war für den den nächsten Auftrag auf Mundpropaganda angewiesen. Heute können sich aus der ganzen Welt Auftraggeber selber vom Können eines Grafikers überzeugen, und es spielt keine Rolle, ob ein Produkt am gleichen Ort oder auf der anderen Seite der Welt entworfen wurde. Das Design macht aber immer noch der Mensch.

Der zweite Bereich, den Computer nicht so leicht übernehmen werden, sind Berufe mit sozialer Interaktion. Führungskräfte, Lehrer, Verkäufer, Trainer oder Therapeuten benötigen eine emotionale Intelligenz, die noch nicht künstlich repliziert werden kann.

Der dritte Vorzug von Menschen gegenüber Maschinen, den die Autoren abstecken, überrascht auf den ersten Blick: Tätigkeiten, die viel Geschicklichkeit und Mobilität erfordern. Obwohl die Siliziumgehirne den Menschen in vielerlei Hinsicht überflügeln, hinken die Körper der Roboter noch im wahrsten Sinne des Wortes hinterher. Fingerspitzengefühl und Bewegung durch unregelmäßige Räume bleiben eine Stärke des Homo sapiens. Gärtnern oder Putzen sowie jegliches Hantieren mit Geräten in nicht vorhersehbaren Bewegungen sind relativ günstig von Menschenhand durchzuführen. Roboter, die ähnliche Leistungen viel schlechter erbringen, sind hingegen sehr teuer.

Die neue Arbeitswelt verheißt jedoch per se weder Gutes noch Schlechtes. Die große gesellschaftliche Herausforderung wird sein, die verlorengegangenen Jobs durch neue zu ersetzen.

Wen Roboter ablösen

Ein anderes Forscherduo, Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Universität Oxford, haben versucht, den Strukturwandel der Arbeitswelt in Zahlen zu gießen. Anhand hunderter Qualifikationsprofile berechneten die Wissenschaftler, welche Konsequenzen die Automatisierung auf einzelne Berufe haben dürfte. Mit Blick auf den US-Arbeitsmarkt schätzen sie, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein bestimmter Job in den nächsten zehn bis 20 Jahren durch einen Computer ersetzt wird.

Insgesamt seien demnach 47 Prozent aller Arbeitnehmer in den USA durch die Automatisierung bedroht. Dieser beträchtliche Anteil spiegelt sowohl die jeweilige Anfälligkeit einer Berufsgruppe als auch die aktuelle Struktur der Arbeitsverteilung wider. Die Chance, als Psychotherapeut oder Lehrer durch Computer ersetzt zu werden, beträgt weniger als ein Prozent. Als Telemarketer hingegen sollte man schon längst mit der Umschulung begonnen haben.

Diese dramatisch wirkenden Ergebnisse wurden jedoch wiederholt infrage gestellt. Ironischerweise stammt die Zahl aus der alarmistischen Schlagzeile, dass über 12 Prozent der Jobs in Österreich durch Roboter ersetzt werden, aus einer OECD-Studie, die sich explizit gegen die dramatischen Ergebnisse der Oxfordstudie richtet.

Die OECD-Autoren kritisieren vor allem die Annahme, dass Roboter die bisher von Menschen übernommenen Jobs zur Gänze übernehmen. Stattdessen liege der technische Fortschritt oftmals eher in der Automatisierung einzelner Arbeitsschritte. In der Vergangenheit habe der Einsatz von Computern vor allem Abläufe in einzelnen Berufen verändert, statt die Beschäftigung von einer Branche in eine andere zu verlagern. Doch auch die optimistischeren Ergebnisse zeigen deutliche Länderunterschiede.

Wie viele Menschen tatsächlich durch Maschinen abgelöst werden, hängt nicht zuletzt von den Kosten und dem regulatorischen Umfeld ab. Vor allem dürfe daher nicht überschätzt werden, wie schnell eine technische Innovation einen Effekt auf das Arbeitsleben hat, wie es in der OECD-Studie heißt.

Tatsächlich widerspricht der österreichische Arbeitsmarkt zum Teil dem Klischee vom Ende der manuellen Arbeit. An sich ist der Anteil der verarbeitenden Industrie in den letzten zwei Jahrzehnten ziemlich konstant geblieben, während die Beschäftigung zurückging. Trotzdem haben zwischen 1995 und 2010 physische Arbeitsbelastungen in Österreich zugenommen, wie eine Studie des Sozialministeriums ergeben hat. Obwohl Computer die Produktivität der manuellen Arbeit sichtlich steigern, haben Unternehmen in der Vergangenheit weiterhin rentable Einsatzgebiete für menschliche Arbeitskraft gefunden.

Automat Österreich

Ob das auch in Zukunft der Fall ist, hängt jedoch zunehmend davon ab, ob handanlegende Arbeiter auch mit einem Computer umgehen können. Hier kommt die Kehrseite für die österreichiche Arbeitswelt ins Spiel. Im OECD-Vergleich bilden die 12 Prozent von Maschinen bedrohten Jobs nämlich den Spitzenwert. Die USA befindet sich mit neun Prozent im Mittelfeld, und Südkorea schneidet mit lediglich sechs Prozent bedrohten Jobs am besten ab.

Die vergleichsweise prekären Zukunftsaussichten am österreichischen Arbeitsmarkt liegen auch am hohen Industrieanteil. In den Fabrikshallen schreitet die Automatisierung schneller voran als im Dienstleistungsbereich.

Allerdings hatte 2015 der Spitzenreiter unter den robotersicheren Arbeitsverhätnissen, Südkorea, mit 38 Prozent einen deutlich höheren Industrieanteil als Österreich mit 28 Prozent – gemessen am Beitrag zur Wirtschaftsleistung. Trotz unterschiedlicher Beiträge zur Wirtschaft stellten Industriearbeiter in beiden Ländern ein Viertel der Beschäftigten.

Warum in einem Industrieland mehr Jobs auf dem Spiel stehen als in einem anderen, hat unterschiedliche Gründe. Drei Faktoren wurden von der OECD separat untersucht: Wie weit die Automatisierung bereits vorangeschritten ist, wie in einzelnen Ländern Arbeitsabläufe organisiert werden und wie gut die Arbeiter ausgebildet sind.

Österreich liegt bei den Investitionen in die Informations- und Kommunikationstechnologie, die zur Einschätzung der Automatisierung verwendet wurden, unter den Top-5-Ländern in der OECD.

Die Organisation der Arbeitsabläufe ist in Österreich jedoch anfälliger für eine Verdrängung durch Maschinen, weil weniger Prozesse auf Kommunikation basieren als etwa in den USA. Das ist Amerikas Vorteil. Allerdings schneidet Südkorea in dieser Hinsicht gleich ab wie Österreich.

Den großen Nachteil hat Österreich bei der Qualifikation seiner Beschäftigten. Zwar schneiden hiesige Arbeiter mit vergleichbarer Ausbildung im internationalen Vergleich gut ab. Ein österreichischer Facharbeiter ist weniger von Automatisierung bedroht als ein amerikanischer. Gleichzeitig gibt es deutlich mehr gering qualifizierte Arbeitskräfte als in anderen Ländern, die in Bereichen eingesetzt sind, wo in Zukunft ein Roboter übernehmen könnte.

In Österreich gibt es zwar High-Tech-Industrie, aber im Vergleich zu anderen Industrieländern auch einen sehr großen Low-Tech-Sektor, in dem viele Hilfsarbeiter tätig sind. Andererseits sprechen die Ergebnisse der OECD-Studie dafür, dass ähnlich industrialisierte Länder wie Südkorea niedrig qualifizierte Arbeitskräfte auch in Bereichen einsetzen, die vor Automatisierung gefeit sind.

Für Österreich besteht die Herausforderung darin, die Qualifikationen der heimischen Arbeitskräfte zu verbessern, damit der Strukturwandel möglichst wenige kalt erwischt. Mit einer Maschinensteuer schadet man lediglich heimischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb, ohne das Potenzial der Arbeitskräfte zu verbessern.