Stefano Rellandini / Reuters

Italien

Schönreden und Schulterklopfen nach dem Stresstest

von Andrea Spalinger / 02.08.2016

In Italien sieht man den Stresstest als Beweis dafür, dass das Bankensystem insgesamt gesund ist. Doch das ist eine arg beschönigende Interpretation.

Italiens Banken haben beim europäischen Stresstest insgesamt besser abgeschnitten, als nach den schweren Börsenturbulenzen in den letzten Monaten befürchtet worden war. Die Intesa Sanpaolo machte eine sehr gute Figur. Doch auch die Banco Popolare, die Ubi Banca und die Unicredit haben den Test bestanden. Das berüchtigte Problemkind Monte dei Paschi di Siena (MPS) erhielt zwar miserable Noten und fiel als einzige der 51 getesteten Banken durch. Die Traditionsbank hatte am Freitagabend aber noch einen milliardenschweren Rettungsplan vorgelegt und einen drohenden Kollaps damit in letzter Minute abwenden können.

Kritik an den „Schwarzmalern“

Nach Monaten ängstlichen Abwartens machte sich in Italien am Wochenende Erleichterung und auch ein wenig Hochmut breit. Das Verdikt sei der Beweis dafür, dass Italiens Banken besser seien als ihr Ruf, lautet der Tenor der Medien. Die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ schrieb in einem Leitartikel am Sonntag, das Gesamtbild des Bankensystems sei mehr als zufriedenstellend. Nur der MPS befinde sich in einer Notlage. All die Schwarzmaler, die Italiens Banken als Zombies dargestellt und an der Börse für einen Ausverkauf gesorgt hätten, seien Lügen gestraft worden.

Auch von offizieller Seite wird Optimismus verbreitet. Ministerpräsident Renzi betonte in einem Interview mit der „Repubblica“, Italiens Bankensystem sei solide. Diese Interpretation der Testergebnisse ist allerdings arg beschönigend. Denn auch die Unicredit hat nicht besonders gut abgeschnitten. Die grösste Bank Italiens hat vor kurzem einen neuen CEO bekommen, der einschneidende Strukturreformen angekündigt hat, und hofft wohl, damit die schlechten Noten abfedern zu können. Selbst wenn die Feuerwehrübungen der Unicredit und des MPS Wirkung zeigen – und das ist längst nicht sicher –, ist die Bankenkrise damit nicht entschärft.

Eine harte Prüfung?

Während viele Finanzexperten in Europa beklagen, dass die Latte bei den Krisenszenarien nicht hoch genug angesetzt worden sei, spricht der Präsident der italienischen Bankenvereinigung, Antonio Patuelli, von einer harten und glaubwürdigen Prüfung. Wie der Stresstest werden auch die Hintergründe der jüngsten Bankenkrise in der öffentlichen Debatte gerne verklärt. Weil das Land unter einer besonders schweren Wirtschaftskrise gelitten habe, hätten die Banken hier ein grösseres Problem mit faulen Krediten, wird argumentiert. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn neben fehlendem Wachstum haben auch strukturelle Probleme – Missmanagement, Vetternwirtschaft und eine laxe Kreditvergabepraxis – zur Bankenkrise beigetragen. Der Sektor ist überdimensioniert, zersplittert und ineffizient. Unter den 641 Kreditinstituten im Land befinden sich viele kleine Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die kaum profitabel sind. Weitere Krisen sind deshalb vorprogrammiert.

Einige Regierungs- und Bankenvertreter haben am Montag denn auch angemahnt, dass der Sektor um Reformen nicht herumkomme. Bereits beim Stresstest 2014 hatte Italien das jedoch versprochen, ohne dass danach viel unternommen worden wäre.