Dreiflessen Collection, Mettingen

Modekette C&A

Schutzgelder für Nazi-Grössen

von Christoph Eisenring / 23.09.2016

Bei C&A hatte man lange gedacht, dass die Firma in der Nazi-Zeit nur minimal mit dem Regime verbandelt war. Ein Buch zeigt nun, dass C&A von „Arisierungen“ profitiert und Zwangsarbeiter beschäftigt hat.

Hundert Mal gibt es C&A in der Schweiz. Die Modekette ist ein verschwiegenes Familienunternehmen, das derzeit in sechster Generation von Maurice Brenninkmeijer geführt wird. Die Familie ist streng katholisch. Doch ein neues Buch zeigt, dass sich der deutsche Zweig von C&A in der Nazizeit wenig christlich verhalten hat. Die Familie hatte 2011 den Regensburger Wirtschaftshistoriker Mark Spoerer mit der detaillierten Aufarbeitung der Firmengeschichte beauftragt. Damals feierte die Bekleidungsfirma 100 Jahre seit Eröffnung der ersten deutschen Filiale. In der Jubiläumsausstellung gab es bereits diverse Belege, die auf Verstrickungen mit dem Nazi-Regime hinwiesen.

Kunstwerke für Göring

Spoerer arbeitet in seinem Werk drei Konfliktlinien zwischen C&A und dem Nazi-Regime heraus. Erstens war C&A ein Ableger eines niederländischen Konzerns, auch wenn die Familie Brenninkmeijer ihren Ursprung im westfälischen Mettingen hat, wo sie als Hausierer („Tödden“) im Textilhandel aktiv war. Eine Linie dieser Wanderhändler verschlug es ins niederländische Sneek. 1861 eröffneten dort Clemens und August (C&A) Brenninkmeijer ihr erstes Geschäft für Damenoberbekleidung. Zweitens ist C&A bis heute dem Katholizismus sehr verbunden. Wer nicht katholisch war, konnte in der Firmenhierarchie nicht aufsteigen. Doch die katholische Kirche stand in kritischer Distanz zum Nationalsozialismus. Drittens schliesslich gaben sich die Nationalsozialisten antikapitalistisch. Sie bevorzugten die Industrie und das Handwerk. C&A wurde vom gleichgeschalteten Verband der deutschen Detailhändler denn auch als Prototyp des „unerwünschten Betriebs“ bezeichnet.

Entsprechend schwierig wurde es nach der Machtergreifung der Nazis für C&A, in Deutschland weiter zu expandieren. Nachdem ein entsprechender Versuch in Leipzig mehrfach gescheitert war, wandte sich die Firma 1937 an einen der Mächtigsten des Hitler-Regimes, Hermann Göring. Er war nicht nur Luftfahrtminister, sondern auch für den Vierjahresplan verantwortlich. In einem mehrseitigen Bittbrief an Göring argumentiert C&A auch rassenideologisch: Man sei vor dem Krieg in die Vormachtstellung eingedrungen, die der jüdische Textilhandel besessen habe, heisst es. Und seit der Gründung habe man nie einen Nichtarier beschäftigt. Die Familie Brenninkmeijer sei zudem rein arisch, wobei auf die westfälische Abstammung verwiesen wurde. Göring soll in den Genuss von Gemälden gekommen sein, die ihm jeweils an seinem Geburtstag geschenkt wurden. Der Brief erfüllte seinen Zweck. Nach der Eröffnung des Leipziger Geschäfts wurde sogar ein Schild mit der Aufschrift „Arisch“ angebracht und mit diesem Adjektiv auch in der Zeitung geworben. Laut Stoerer soll es sich bei dieser Werbung aber um einen Einzelfall gehandelt haben.

Auch an die Winterhilfe, die unter Joseph Goebbels‘ Schirmherrschaft stand, überwies C&A viel Geld. Die Spenden an Protagonisten des Regimes hätten eindeutig den Charakter von Schutzgeld gehabt, resümiert der Historiker. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte C&A-Chef Maurice Brenninkmeijer kürzlich, die Familie habe bis ins Jahr 2011 geglaubt, man habe nur minimal mit den Nazis zusammengearbeitet. Doch die über fünf Jahre laufende Forschung hat sie eines Besseren belehrt. Emotional habe er vor allem auf die bekanntgewordenen „Arisierungen“ reagiert, sagte der heutige Firmenchef.

Von „Arisierungen“ profitiert

Laut Spoerer stammte mindestens die Hälfte von 16 in den Jahren 1937/38 erworbenen Immobilien in Berlin aus jüdischem Vorbesitz. In den Akten dokumentiert ist der Kauf eines Grundstückes 1938 in Bremen, das neben einer C&A-Filiale lag. C&A war demnach nicht bereit, den jüdischen Eigentümern den geschätzten Wert von 1931 (einem Krisenjahr) zu bezahlen, sondern 27,5% weniger. Die Inhaberin, Fanny Bialystock, gab angesichts des Drucks auf die Juden nach. Laut den Massstäben deutscher Gerichte habe ein „schwerwiegender Missbrauch“ der Verfolgungslage und somit eine „offensichtliche Sittenwidrigkeit“ vorgelegen, schreibt Stoerer. Nach dem Krieg habe ein Nachkomme der Familie nach zähen Verhandlungen eine recht hohe Vergleichssumme von 30 000 DM erhalten.

Zwei weitere Episoden aus der Nazi-Zeit werfen ein schlechtes Licht auf den damaligen deutschen Zweig der Familie. Im jüdischen Ghetto von Lodz mussten 70 000 Menschen Zwangsarbeit verrichten. Gut die Hälfte wurde als Schneider oder in der Schuh- und Lederproduktion eingesetzt. Bis 1943 liess C&A dort nicht produzieren. Die grössten Auftraggeber – nach der Wehrmacht – waren Karstadt und Neckermann. Im September 1944, als mit der Räumung des Ghettos schon begonnen worden war, war C&A jedoch mit 22% des Monatsumsatzes für kurze Zeit der grösste private Besteller. Als die Sowjets das Ghetto Anfang 1945 befreiten, zählten sie nur rund 1000 Überlebende.

Verantwortlich für Hungertod

Im Lauf des Zweiten Weltkriegs kamen auch 2,8 Mio. Personen aus besetzten Gebieten der Sowjetunion ins Deutsche Reich. Sie waren praktisch rechtlos. Eine Tochtergesellschaft von C&A setzte ab 1942 etwa 60 „Ostarbeiterinnen“ ein. Die Unterbringung dieser Russinnen muss jedoch sehr schlecht gewesen sein. Vom Sommer 1943 bis Sommer 1944 gab es in der Unterkunft neun Todesfälle. Sie betrafen vier junge Frauen und fünf Kleinkinder. Die Todesursachen werden als typische Folgen von Unterernährung geschildert. Laut Spoerer trägt C&A dafür die Hauptverantwortung.

Zwar war von der C&A-Zentrale 1939 in Amsterdam vorgegeben worden, dass sich die Ländergesellschaften neutral verhalten sollten. Doch die britische Linie schuf 1940 in einem ihrer Warenhäuser Platz für Büros der niederländischen Exilregierung. Und während Bernard Brenninkmeijer in London darauf hoffte, dass die Wehrmacht bald gestoppt würde, fabulierte Rudolf Brenninkmeijer in Berlin vom Endkampf gegen England und vom Endsieg. Dabei waren die beiden Cousins zusammen in Mettingen aufgewachsen und Schulkameraden gewesen.

Ein befreundeter Pater, der den Nationalsozialismus anprangerte, wurde durch Hendrika Brenninkmeijer 1937 über die deutsch-niederländische Grenze geschmuggelt. C&A Holland zahlte dann seine Weiterreise nach Chile. Es ist jedenfalls eine äusserst facettenreiche Familiengeschichte, die Spoerer und sein Team recherchiert haben. Und es kann nach der Lektüre kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die deutsche Linie die Notlage jüdischer Besitzer ausgenutzt hatte. Sie handelte dabei weniger aus ideologischen denn aus opportunistischen Gründen.

Mark Spoerer: C&A – Ein Familienunternehmen 1911–1961. C. H. Beck 2016. 480 S.