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Offshore

Schwarzgeldaffäre um Putin und weitere Politiker

von Andreas Rüesch / 04.04.2016

Zwölf amtierende und frühere Staatschefs, unter ihnen der russische Präsident Putin, sollen Vermögenswerte in Offshore-Briefkastenfirmen versteckt haben. Dies kommt durch ein Datenleck in Panama ans Licht.

Ein internationales Konsortium von rund hundert Medien hat am Sonntagabend seine Recherchen über die Offshore-Aktivitäten prominenter Politiker präsentiert. Die 370 beteiligten Journalisten konnten nach eigenen Angaben dank eines riesigen Datenlecks eine Sammlung von 11,5 Millionen Dokumenten auswerten. Die sogenannten Panama Papers stammen aus der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca, die sich auf diskrete Finanzdienstleistungen für Kunden in aller Welt spezialisiert hat. Sie soll die Gründung von 214.000 Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen ermöglicht haben, oft unter Vermittlung internationaler Banken wie HSBC und UBS.

Solche Firmen in Steueroasen stellen an sich nichts Illegales dar, doch deuten die Umstände laut dem Recherche-Verbund auf diverse Unregelmäßigkeiten hin. Diese nähren den Verdacht, dass es sich dabei um Konstrukte zum massiven Steuerbetrug handelt. Die meisten Firmen werden laut diesen Angaben von Strohmännern betrieben; die wahren wirtschaftlichen Berechtigten würden geheim gehalten.

Amtierende Staats- und Regierungschefs

Das Konsortium verfügt nach eigenen Angaben über klare Hinweise, dass hinter den Konstrukten auch zwölf amtierende und ehemalige Staats- und Regierungschefs stecken, unter ihnen der Kremlchef Wladimir Putin, der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der isländische Ministerpräsident Sigmundur David Gunnlaugsson, der saudische König Salman sowie die Familie des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping.

Am brisantesten ist vermutlich das Netz von Offshore-Firmen des russischen Cellisten Sergei Roldugin. Nach Überzeugung des Medien-Konsortiums hat er als Strohmann Putins fungiert. In der Tat ist über Roldugin bekannt, dass er ein enger Jugendfreund des Kremlchefs und Taufpate von dessen Tochter Maria ist. Obwohl der Musiker bisher angegeben hat, nur über bescheidene Mittel zu verfügen, belegen die Dokumente offenbar unter anderem eine Zahlung von 200 Millionen Dollar an eine Firma unter seiner formalen Kontrolle.

Insgesamt sollen rund zwei Milliarden Dollar über ein Firmen-Netzwerk geflossen sein, das von Freunden Putins kontrolliert wird. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Bank Rossija, die unter der Kontrolle eines weiteren engen Vertrauten des russischen Präsidenten steht. Sie wurde 2014 von den USA als „Putins Bank“ betitelt und im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise mit Sanktionen belegt.

Ermittlungen auch gegen Fifa-Funktionär

Das Konsortium, dem unter anderem Journalisten der Süddeutschen Zeitung, des britischen Guardian, der BBC und von Le Monde angehören, will in den nächsten Tagen und Wochen weitere Erkenntnisse präsentieren. Die Liste der Namen sämtlicher entdeckter Briefkastenfirmen soll im Mai publiziert werden. Insgesamt umfasse das Leck eine Datenmenge von 2,6 Terabyte. Die Dokumente beträfen die Periode von 1977 bis 2015.

Offenbar haben nicht nur Politiker die Dienstleistungen der panamaischen Kanzlei genutzt, sondern auch Personen, die in den FIFA-Skandal verwickelt sind oder wegen Beziehungen zu mexikanischen Drogenbossen, Terrorgruppen wie dem Hizbullah oder Problemländern wie Nordkorea auf schwarzen Listen der USA stehen. Die Enthüllung dürfte die Debatte um die Praktiken von Offshore-Finanzdienstleistern anheizen. Die betroffenen Politiker werden zu Erklärungen gezwungen sein. Der Kreml sprach bereits vor einigen Tagen ominös von einer bevorstehenden „Informationsattacke“ westlicher Geheimdienste auf den Präsidenten.