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Problematische Klimaziele

Schwierige Prognosen für Klima und Wirtschaft

von Silvio Borner / 19.05.2016

Die starren Klimaziele von Paris sind aus wissenschaftlicher Sicht ungeeignet. Es ist sinnvoll, den heutigen Treibgas-Ausstoß kostengünstig, aber nicht zulasten der armen Länder zu reduzieren. Dies durch ein möglichst weltweites Handelssystem für CO2-Zertifikate, schreibt Gastautor Silvio BornerSilvio Borner ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Basel und Mitbegründer des Carnot-Cournot-Netzwerks für Technik und Wirtschaft. .

In der Klimadebatte gibt es Fakten, etwa, dass eine Erwärmung tatsächlich stattfindet, aber vor der globalen Industrialisierung im 20. Jahrhundert begonnen hat. Man kann extreme Klimaschwankungen bis weit zurück in die Erdgeschichte nachweisen, und man weiß, dass der CO2-Ausstoß für die Erwärmung in neuester Zeit mitverantwortlich ist. An dieser Stelle soll es aber um die Parallelen zwischen Prognosemodellen für die Weltwirtschaft und das Weltklima gehen.

In beiden Bereichen weisen schon kurzfristige Voraussagen zur Konjunktur- bzw. Wetterentwicklung große Fehlermargen auf und irren sich häufig sogar im Vorzeichen. Dafür gibt es eine rein methodische Erklärung, die den Ökonomen vielleicht aufgrund längerer (bitterer) Erfahrung geläufiger ist als den Meteorologen. Gemeinsamkeiten sind erstens die extrem hohe Komplexität der relevanten Variablen und ihrer Interaktionen und zweitens eine Nicht-Voraussehbarkeit entscheidender exogener Faktoren.

Letzteres spielt vor allem bei Langfristprognosen die zentrale Rolle. Denn diese exogenen Kausalfaktoren kennen wir im Voraus nicht und können sie ohnehin nicht politisch steuern. Für die Wirtschaft sind steuerbar z.B. die Geldmenge, das Staatsdefizit oder Umverteilungsmechanismen und Regulierungen. Kurzfristig können wir damit die Konjunktur einigermaßen prognostizieren, weil wir die exogenen Faktoren als konstant betrachten (dürfen) und die Lenkungsinstrumente gezielt antizyklisch einsetzen können.

Doch selbst das ist wie bei den Wetterprognosen von Modell zu Modell verschieden und läuft häufig schief. Aber was wissen wir über die technische Entwicklung in 30 Jahren? Oder über Migrationsströme, Kriege, Seuchen oder Naturkatastrophen? Und wie wollen wir diese Faktoren im Voraus politisch steuern? Das ist keine Ablehnung von Modellen als unerlässlichen Instrumenten in den Wirtschafts- und Klimawissenschaften, deren Kalibrierung und Validierung jedoch nur auf Daten der Vergangenheit beruhen kann.

Modell-Prognosen stützen sich auf Annahmen sowohl bezüglich der künftigen Zusammenhänge wie der exogenen Faktoren. Sie sind hilfreich, aber niemals „wahr“. Aus diesen Gründen sind alle „Doom-Prognosen“ über die Grenzen des Wachstums so kläglich gescheitert.

Damit wären wir beim Klima. CO2 ist ein Faktor unter vielen – wie Vulkaneruptionen, Verschiebungen von Kontinentalplatten, Strömungsveränderungen in den Meeren, aber vor allem auch die Sonnenaktivität oder astronomische Konstellationen. Das wissen natürlich die Klimaforscher auch und versuchen, den CO2 -Einfluss in einem Modell abzubilden, das diese Faktoren mitberücksichtigt – aber eben auf dem Stand des heutigen Wissens und mit Daten von gestern. Wie diese Faktoren in der komplexen Realität zusammenwirken und sich bei Veränderungen einzelner exogener Ursachen via Rückkoppelungen auf das Resultat auswirken, können wir nicht wissen. Was wäre, wenn ein Vulkan die Atmosphäre auf Jahre hinaus verdunkelte?

Selbst wenn wir solche Schocks simulieren, schließt das aus, dass wir etwas dagegen tun können. Deshalb ist es rein wissenschaftlich unverantwortlich, einen Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoß und Erderwärmung zu fixieren und gestützt darauf zu berechnen, wie viel CO2 wir reduzieren müssen, damit die Erwärmung bis 2030 zwei Grad Celsius nicht übersteigt. Doch das ist zumindest auf dem Papier das Ergebnis von Paris. Um das als methodischen Unfug zu qualifizieren, muss man kein „Klimaleugner“ sein.

Es ist sinnvoll, den heutigen CO2-Ausstoß kostengünstig, aber nicht zulasten der armen Länder zu reduzieren, und zwar einzig und allein durch ein möglichst weltweites Handelssystem für CO2-Zertifikate; das CO2 erhält so ein Preisschild. Das wiederum induziert rentable Innovationen sowohl in der Energieproduktion wie bei der Energieeffizienz. Es genügt, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Staatliche Planungen oder Investitionen führen ins Chaos. Und wir müssen versuchen, analog zu „erdbebensicher“ möglichst „erwärmungssicher“ zu werden; denn Klimaveränderungen können wir ebenso wenig steuern wie Erdbeben.