„Sell in May …?“

von Michael Rasch / 04.05.2015

Der Mai ist statistisch alles, nur kein Wonnemonat. Sollten Anleger daher nun aussteigen und bis September eine Pause einlegen? Dieser Frage geht Michael Rasch nach, Ressortleiter Börsen und Märkte bei der NZZ.

„Alle Jahre wieder“, heißt es an der Börse nicht nur zur Weihnachtszeit. Zu bestimmten Jahreszeiten wiederholen sich nämlich oft die gleichen Themen. Zu den Klassikern zählt der Monat Mai, zu dessen Beginn sich regelmäßig die gleiche Frage in Form einer Börsenweisheit stellt: „Sell in May and go away“? Der Mai gehört statistisch traditionell zu den schlechtesten Monaten eines Börsenjahres (vgl. Grafik 2). Gemessen ab dem Jahr 1927 ist der Mai der einzige Monat, bei dem es im Durchschnitt unter dem Strich zu einem Minus kommt – neben dem stark negativen September. Konzentriert man sich nur auf Vorwahljahre im Rahmen des US-Präsidentschaftszyklus, ein solches Jahr ist 2015, gibt es vier Monate mit durchschnittlich negativer Performance, wobei Mai der drittschlechteste Monat des Jahres ist.

Aufschlussreich in Sachen „Sell in May“ ist der durchschnittliche Jahresverlauf des Dow Jones in verschiedenen Zeiträumen. Die Analytiker von Wellenreiter-Invest weisen darauf hin, dass der durchschnittliche Jahresverlauf des „Dow“ seit 1998 ein klares Hoch Anfang Mai zeigt und ein zyklisches Tief im Oktober. Ab dann startet schließlich im Durchschnitt das Jahresend-Rally. Nimmt man jedoch den durchschnittlichen Verlauf des Dow Jones seit 1946 oder auch einen noch längeren Zeitraum, wie seit 1897, zeigt sich die Anomalie, die ein „Sell in May“ rechtfertigen würde, nicht mehr. Das Funktionieren seit 1998 mag dazu beitragen, dass in den letzten Jahren das Sprichwort, wonach man im Mai aus dem Aktienmarkt aus- und im September wieder einsteigen sollte („… but remember to come back in September“), bei Anlegern und Journalisten so beliebt ist.

Häufiges Mai-Hoch seit 1998
Häufiges Mai-Hoch seit 1998
Quelle: Bloomberg, Wellenreiter Invest, NZZ

Rein statistisch gesehen ist der Zeitraum von Anfang November bis Ende April für Anleger sehr viel profitabler als der Zeitraum von Anfang Mai bis Ende Oktober. Gemessen am breiten S&P-500-Index ab 1950 zeigt sich, dass der Index von Mai bis Oktober eher seitwärts mit leicht steigender Tendenz gelaufen ist. Im Zeitraum November bis April hat sich der Index dagegen vervielfacht. Manche Marktteilnehmer versuchen, solche statistischen Anomalien auszunutzen. Dass es in einzelnen Jahren immer wieder deutliche Abweichungen von diesem Durchschnittsverlauf geben kann oder dieser manchmal sogar auf den Kopf gestellt wird, ist selbstverständlich.

Die „Gefahr“ des Mai ist aber in Vorwahljahren überschaubar. Gemessen ab 1930 gab es fünfmal einen Verlust von 2 Prozent bis 4 Prozent sowie nur einmal einen Verlust von mehr als 4 Prozent bzw. einmal von über 15 Prozent (während der Großen Depression). Statistisch startet der Mai üblicherweise positiv bis etwa zum 5. bis 10. Handelstag. Erst dann folgt die übliche Mai-Schwäche.

Der Mai ist einer der schwächsten Börsenmonate des Jahres
Der Mai ist einer der schwächsten Börsenmonate des Jahres