Shell übernimmt BG Group: Die Flucht nach vorne

von Gerald Hosp / 08.04.2015

Shell will den britischen Gasproduzenten BG Group zu einem Preis von 47 Milliarden Pfund übernehmen. Es ist die größte Transaktion in der Branche seit Jahren und könnte ein Zeichen für mehr Übernahmen sein, berichtet NZZ-Wirtschaftskorrespondent Gerald Hosp aus London.

Der niedrige Erdölpreis zeigt seine Wirkung: Der britisch-niederländische Energiekonzern Royal Dutch Shell hat dem kleineren Konkurrenten BG Group ein Übernahmeangebot unterbreitet. Der Verwaltungsrat von BG empfiehlt die Annahme des Angebots, durch das der weltweit zweitgrößte Erdöl- und Erdgasgigant nach Marktkapitalisierung entstehen würde. Der Schritt von Shell könnte eine größere Welle von Übernahmen und Fusionen in der Branche ankündigen.

Shell und BG: Die neue Nummer 2
Shell und BG: Die neue Nummer 2

Shell schon länger auf Brautsuche

Shell will den britischen Erdgasproduzenten zu einem Kaufpreis von 47 Milliarden Pfund übernehmen, die Bezahlung soll teils bar teils in Shell-Aktien erfolgen. Bei der geplanten Transaktion würden die BG-Aktionäre einen Anteil von rund 19 Prozent an Shell halten. BG-Aktionäre sollen für jede Aktie 383 Pence in bar und 0,4454 Shell-B-Wertpapiere erhalten. Dies entspricht einer Prämie von gut 50 Prozent gegenüber dem BG-Aktienkurs vom Dienstag.

Der Konzernchef von Shell, Ben van Beurden, sagte bei einer Telefonkonferenz, dass sich das Unternehmen schon immer nach Übernahmeobjekten umgeschaut habe. BG sei für eine Weile schon ganz oben auf der Liste gestanden. BG ist einer der größten Produzenten und Händler von verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG). Shell ist ebenfalls in diesem Segment sehr aktiv. Aufgrund der niedrigen Bewertungen durch den gefallenen Erdölpreis sei es nicht nur eine logische, sondern auch eine unwiderstehliche Transaktion geworden, sagte van Beurden.

Ölmultis rutschten auf dem Ölpreis aus
Ölmultis rutschten auf dem Ölpreis aus

Flüssiggas-Pionier

Mit der Übernahme kann Shell die erwiesenen Erdöl- und Erdgasreserven um 25 Prozent und die Produktion um 20 Prozent erhöhen. Das Unternehmen erwartet durch den Zusammenschluss (Vorsteuer-)Einsparungen von 2,5 Milliarden Dollar jährlich. Van Beurden sprach zudem davon, dass vom gemeinsamen Portfolio Beteiligungen in der Höhe von 30 Milliarden Dollar abgestoßen werden sollen. Es gebe schon Kandidaten, es sei aber noch nichts beschlossen.

Die Transaktion stellt laut van Beurden auch eine Konzentration von Shell auf die Bereiche Tiefseebohrungen und Erdgas dar. Shell gehört zu den Pionieren von LNG. In den vergangenen Jahren setzte das Unternehmen, wie auch andere Energiekonzerne, verstärkt auf Erdgas, das im Vergleich mit Kohle „sauberer“ eingesetzt werden kann.

Shell leidet unter dem Erdölpreiszerfall

BG, Großbritanniens drittgrößter Energieproduzent, spürte den Verfall des Erdölpreises besonders stark. Im vergangenen Jahr wurde ein Verlust ausgewiesen, im Februar wurde eine Wertberichtigung von knapp neun Milliarden Dollar aufgrund der niedrigeren Preise vorgenommen. Zudem hatte es Turbulenzen an der Spitze des Unternehmens gegeben: Im vergangenen Jahr hatte nach erst 16-monatiger Amtszeit der bisherige Konzernchef des britischen Unternehmens, der die Gewinnprognosen nach unten revidieren musste, seinen Posten verloren. In diesem Jahr übernahm Helge Lund, der frühere Chef des norwegischen Konzerns Statoil, die Führung.

Wer ist der Nächste?

Die Transaktion könnte auch ein Zeichen einer größeren Welle von Zusammenschlüssen sein. Die Situation wird mit der Phase niedriger Erdölpreise Ende der 1990er Jahre verglichen: Damals schloss sich Exxon mit Mobil zusammen, BP kaufte Amoco und Arco. In Frankreich gingen Petrofina und Elf Aquitaine in Total auf. Chevron übernahm Texaco. Die großen Erdölkonzerne setzten auf Größe, um Kosten einzusparen.