Yu Nakajima/Kyodo News via AP

Japans stillstand

Shinzo Abe und die Supermarionomics

von Patrick Welter / 22.08.2016

Der italienische Klempner und der japanische Regierungschef Shinzo Abe haben so einiges gemeinsam, wie Abe durch seine Kostümierung anlässlich der Abschlussfeier in Rio durchblicken liess.

Die britische Königin liess sich bei den Olympischen Spielen 2012 im Einspielfilm vom Geheimagenten James Bond 007 zur Eröffnungsfeier ins Stadion bringen. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe nimmt die Dinge selbst in die Hand. Zur Abschlussfeier der Spiele in Rio de Janeiro schlüpfte er in das Kostüm der japanischen Videospielfigur Super Mario.

Als italienischer Klempner bohrte er sich im Einspielfilm den Weg von Tokio quer durch den Erdball nach Rio. Dort tauchte Abe im Stadion im Super-Mario-Kostüm auf, das er dann aber fix gegen einen dunklen Anzug eintauschte. Vier Jahre vor den Olympischen Spielen in Tokio zeigte der 61 Jahre alte Abe der Welt eine konservative Variante des japanischen Cosplay, des „costume play“, in dem die Spieler sich als Manga-Figuren verkleiden.

Was Kleider alles sagen können

Abes Kostümwahl ist dabei auch wirtschaftspolitische Botschaft: Als Super Mario erinnerte er an einen anderen Italiener, an „Super Mario“ Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Das mag man als Indiz dafür lesen, dass Abe der Geldpolitik als erstem Pfeil seiner Abenomics wider alle Markterwartungen noch eine massgebliche Rolle zuweist.

Abes Cosplay symbolisiert auch den zweiten Pfeil der Abenomics, die expansive Fiskalpolitik. Als Klempner erinnert der Ministerpräsident an das keynesianische Gedankengut. Danach ist eine Volkswirtschaft nicht mehr als ein Rohrsystem, in dem die Regierung schuldenfinanziert gesamtwirtschaftliche Nachfrage hin und her pumpen soll. Das offene Rohrloch in Tokio im Einspielfilm kann man dabei als Mahnung interpretieren, dass viel wirkungslos versickert.

Rückwärtsgewandt?

Dann gibt es die dritte Interpretation von Abes Kostümierung: Super Mario wurde in den achtziger Jahren vom Computerspielhersteller Nintendo erfunden und ist die bekannteste Spielfigur des japanischen Unternehmens. Nintendo hat enormes Potenzial und wartet doch seit Jahren auf einen Spielehit, um an frühere Erfolge anzuknüpfen. In fataler Weise ist das ein Spiegelbild Japans und erinnert an das Warten auf den dritten Pfeil der Abenomics, die strukturellen Reformen.