NZZ.at/ Lukas Wagner

Kompetenzchecks

7 Fakten zu den Aussichten für Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

von Leopold Stefan / 12.01.2016

Viele Asylwerber aus dem arabischen Raum sind voll qualifiziert – die Afghanen weniger. Das ergab der erste Kompetenzcheck des AMS. Obwohl dieser nicht repräsentativ für die jüngste Flüchtlingswelle ist, wurden Einblicke in nationale Unterschiede gewonnen. 

Wortmeldungen zum Bildungsniveau der Flüchtlinge reichten von „alles Analphabeten“ bis hin zu „jeder ein Ingenieur“. Aber nach den ersten Kompetenzchecks von 900 arbeitslosen Asylberechtigten habe man erstmals Fakten, sagte der Vorstand des Arbeitsmarktservice, Johannes Kopf, am Dienstag bei der Präsentation der Ergebnisse. Die Mehrheit der Teilnehmer hat mehr als nur die Pflichtschule absolviert. Damit ist das Gesamtergebnis überraschend positiv, die Resultate zeigen aber große Unterscheide zwischen den Herkunftsländern und den Geschlechtern. Obwohl die Auswertung nicht repräsentativ ist, liefern die Detailergebnisse wichtige Erkenntnisse. Sieben Erkenntnisse hat man durch die Kompetenzchecks gewonnen:

1. Syrer sind besser ausgebildet als Österreicher

Mehr als ein Viertel der 187 syrischen Asylwerber beim Kompetenzcheck hat studiert. Im arabischen Raum galt Syrien lange als Vorzeigeland, was die Bildung betrifft, sagte Kopf. Insgesamt haben zwei Drittel der Syrer eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung wie Matura, Berufsschule oder Studium absolviert. Die Akademikerquote der Syrer liegt somit je nach Definition über jener der ansässigen Bevölkerung mit rund einem Fünftel. Man darf aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen: Die Bildungssysteme unterscheiden sich zu stark. Auch über die Qualität der Ausbildung sagen die Zahlen nichts aus. Für Syrer ist die Nostrifizierung eines Studiums in Österreich sehr schwer. Die fachliche Qualifikation der syrischen Teilnehmer sei dank jahrelanger Erfahrung jedenfalls vorhanden, obwohl formelle Bescheinigungen fehlen. Somit haben viele die Chance, eine Fachprüfung in Österreich erfolgreich zu bestehen.

2. Iraner und Iraker sind am besten qualifiziert

Von 100 Teilnehmern beim Kompetenzcheck aus dem Iran haben 90 mehr als nur die Pflichtschule besucht. Bei den Asylwerbern aus dem Irak waren es immerhin rund drei Viertel. Allerdings kommt weniger als ein Fünftel der Asylwerber im vergangenen Jahr aus diesen beiden Ländern.

3. Afghanen sind am schlechtesten ausgebildet

Fast ein Drittel der afghanischen Teilnehmer ist überhaupt nie zur Schule gegangen. Nur 26 Prozent der Afghanen haben einen höheren Abschluss als die Pflichtschule, und 30 Prozent haben gar keine Schule besucht. Allerdings wurden die meisten Afghanen zu Hause ausgebildet: Nur ein Zehntel der Gruppe ohne Schulausbildung sind Analphabeten. Eine formale Berufsausbildung hat unter den Afghanen fast niemand. Die erworbenen Kompetenzen im handwerklichen Bereich, wie Goldschmied oder Teppichknüpfer, sind auf dem österreichischen Arbeitsmarkt seit Jahrzehnten kaum mehr gefragt.

4. Asylwerberinnen haben ein höheres Bildungsniveau

Vor allem der Akademikeranteil der Kompetenzcheck-Teilnehmer lag bei den Frauen deutlich über dem der Männer. Unter den Syrern haben 36 Prozent der teilnehmenden Frauen eine Hochschule besucht, aber nur 21 Prozent der Männer. Unter Iranern liegt der weibliche Akademikeranteil mit 42 Prozent sogar um 16 Prozentpunkte über dem männlichen Anteil. In den vergangenen drei Jahren kamen vermehrt iranische Studentinnen nach Österreich, nachdem 70 Studiengänge im Iran für Frauen gesperrt wurden. Sogar unter den Flüchtlingen aus Afghanistan haben elf Prozent der Frauen, aber nur fünf Prozent der Männer studiert. Allerdings haben aus gesellschaftlichen Gründen viele der gut qualifizierten Frauen kaum Berufserfahrung in ihrem Heimatland gesammelt.

5. Aussagekräftige Kompetenzen

Etwa 30 Prozent der Teilnehmer am Kompetenzcheck haben ein Zertifikat vorzuweisen, das ihre Ausbildung bestätigt. Viele würden auch noch versuchen, fehlende Zeugnisse aus der Heimat zu beschaffen. Überraschenderweise funktionieren sogar in Damaskus die zuständigen Behörden noch so weit, dass manchen Asylwerbern ein Zertifikat nachgeschickt werden kann. Die Erhebung erfolgt generell über das direkte Gespräch mit den Bewerbern, in dem sie ihren Lebenslauf schildern. Darauf folgt nach Möglichkeit ein Praxistest, um etwa das Niveau von technischen Fähigkeiten wie Löten oder Tischlern zu erheben. Zu diesem Zweck finanziert das AMS Testeinsätze bei Firmen. In manchen Fällen überzeugt ein Kandidat so sehr, dass er direkt übernommen wird. Die Teilnehmer haben wenig Anreiz, die Unwahrheit zu sagen, da sie früher oder später ihre Angaben unter Beweis stellen müssen.

6. Kompetenzchecks liefern keine repräsentativen Ergebnisse

Der Kompetenzcheck ist keine Studie, sondern ein Service für arbeitslose Asylwerber. Daher wurden die Teilnehmer nach Interesse und dem First-come-first-serve-Prinzip ausgewählt. Außerdem achtete das AMS auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis, während bei der Gesamtzahl der Asylwerber Männer eine klare Mehrheit stellen. Außerdem sind die Teilnehmer des ersten Kompetenzchecks schon viel länger in Österreich als die große Masse des jüngsten Zustroms. Ihre Zusammensetzung weicht auch deutlich von den Flüchtlingen ab, die im Jahr 2015 in Österreich Asyl beantragten.

Vor allem Iraker und Syrer sind im Kompetenzcheck unterrepräsentiert, während der Anteil der Iraner deutlich überbewertet ist. Vor allem die Gewichtung der Kategorie „Sonstige“, die vor allem Flüchtlinge aus Russland, vom Balkan und aus Nordafrika umfasst, verzerrt das Bildungsniveau. Diese Gruppe, mit einem hohen Anteil an Höhergebildeten, macht knapp 40 Prozent der Teilnehmer des Kompetenzchecks aus. Die Gruppe der „Sonstigen“ stellt aber nur ein Viertel der Asylwerber im vergangenen Jahr. Ihre Chancen auf einen positiven Bescheid oder subsidiären Schutz sind außerdem geringer als bei Syrern und Afghanen.

Die statistische Auswertung des Kompetenzchecks illustriert vor allem das Bildungsniveau der Asylwerber einzelner Nationen. Das ist schon eine große Hilfe. Die ersten Erfahrungen der Volkshochschulen und beim Fond Soziales Wien mit den jüngsten Asylwerbern bestätigen im Groben die Verteilung der nationalen Bildungsniveaus, wie sie beim Kompetenzcheck erhoben wurden, sagt AMS-Wien-Chefin Petra Draxl.

7. Anforderungen gehen in Zukunft auseinander

Für 2016 rechnet das AMS mit mehr als 30.000 zusätzlichen Asylwerbern, die nach einem positiven Bescheid auf der Suche nach einer Arbeit sind. Für sie sollen im Verlauf des Jahres 13.500 Kompetenzchecks durchgeführt werden. Anhand der unterschiedlichen Bildungsniveaus nach Herkunftsländern lässt sich deutlich besser abschätzen, welche Qualifikationen die Neuankömmlinge vorweisen. Der Trend deutet auf eine Spreizung hin: Vor allem der höhere Anteil an Afghanen wird zu einem Anstieg niedrig qualifizierter Asylwerber führen, während der Zuwachs an Syrern vermehrt Fachkräfte und Akademiker auf den Arbeitsmarkt bringt. Erstere benötigen neben grundlegenden Sprachkenntnissen vor allem weitere Ausbildung. Für Höherqualifizierte ist ein intensiveres Sprachtraining notwendig und Unterstützung bei der Anerkennung von Zertifikaten.

Allerdings fiel seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien der Anteil der Ersteinschulungen von 90 auf etwa 50 Prozent, sagte Kopf. Für die vielen Jugendlichen, egal ob sie aus Syrien oder aus Afghanistan flüchten, werden zunächst keine Kompetenzchecks benötigt, sondern Schulklassen.


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