Wirtschaft im Gespräch

Singapurs Bankenplatz-Wächter

von Manfred Rist / 03.10.2016

Seit Ravi Menon an der Spitze der Monetary Authority von Singapur steht, sind die Schrauben angezogen worden. Die Banken sollen künftig noch genauer auf Fehlverhalten untersucht werden.

Man könne doch nicht alle Banken alljährlich überprüfen. Dem Satz von Ravi Menon, Direktor der Monetary Authority of Singapore (MAS), haftet auch etwas Verzweiflung an. Seit eineinhalb Jahren ist die Behörde mit einem Geldwäschereiskandal konfrontiert, der anscheinend kein Ende kennt – dafür aber Tabuzonen. „Sie können zu allem Fragen stellen, nur nicht zu 1MDB“, erklärt der 51-Jährige zu Beginn des Stelldicheins mit der Presse.

Unter Druck der FATF

Die Bemerkung sagt einiges aus. Die Aufarbeitung der Transaktionen um den malaysischen Staatsfonds bereitet Singapur Kopfschmerzen, vorab der MAS: Sie ist Zentralbank, zugleich für die Finanzmarktaufsicht zuständig und politisch nicht unabhängig. Dabei spielt eine Rolle, dass sich Malaysia und Singapur, nach jahrzehntelangen gespannten Beziehungen, heute so nahe stehen wie noch nie. Ravis Vorgesetzter, MAS-Chairman Tharman Shanmugaratnam, ist stellvertretender Ministerpräsident.

Das Schweigen Ravis hat mit den laufenden Ermittlungen zu tun. Aber man tut auch so, als sei 1MDB primär ein malaysisches Problem – und eines der schweizerischen Finanzmarktaufsicht: Die Gelder aus der 3-Mrd.-$-Anleihe, die die US-Investmentbank Goldman Sachs für eine saftige Provision 2013 für den malaysischen Staatsfonds 1MDB eingefädelt hatte, seien ja über die BSI in der Schweiz geflossen, betonte die MAS seinerzeit. Der Financial Action Task Force (FATF), die Ende 2015 eine Länderanalyse vornahm, hielt man Details zu 1MDB-Nachforschungen vor.

Menon ist ein Insider. Er war vor seinem Sprung an die MAS-Spitze (2011) zwar im Finanzressort Singapurs sowie im Handels- und Industrieministerium tätig. Aber seine berufliche Karriere begann der Harvard-Absolvent 1987 bei der MAS. Auch die Bankenwelt kennt er von innen, gehörte er doch jahrelang dem Direktorium der DBS Bank an.

In der Finanzbranche wird er als ambitiös und detailbewusst beschrieben. Letzteres passt zu den Umwälzungen im globalen Geldgeschäft: Transaktionen müssen heute besser ausgeleuchtet und Kunden hinterfragt werden. Der administrative Aufwand ist gestiegen, und es herrscht Misstrauen. Spätestens seit dem Auffliegen des 1MDB-Skandals hat man sowohl bei der MAS wie auch bei den Banken Angst vor Fehltritten.

Seit Menon an der Spitze der MAS steht, heisst es in der Branche, seien die Schrauben angezogen worden. Und Menon legt nach: In Zukunft würden Unternehmen noch stärker auf Fehlverhalten untersucht werden, kündigte er unlängst vor Journalisten im Gespräch an. Man bediene sich dazu neuer Werkzeuge der Datenanalyse. Doch die Verantwortung für die Compliance läge letztlich bei der Unternehmensführung. Diese seien schliesslich für Werte und Kultur ihrer Firmen verantwortlich.

Doch der Druck wächst: In ihrem jüngsten Bericht attestiert die FATF dem Stadtstaat wohl Fortschritte und eine robuste Prävention gegen Geldwäsche. Aber sie beleuchtet auch die Schwachstelle, die 1MDB zutage gefördert hat: Als hochentwickeltes Finanzzentrum müssten die Behörden aggressiver gegen grenzüberschreitende Geldwäscherei-Versuche vorgehen, heisst es im Bericht; schliesslich stammten drei Viertel aller in Singapur verwalteten Gelder aus dem Ausland. Die MAS hat auf diese Kritik reagiert und eine schärfere Gangart versprochen. Dennoch: Auf Informationen zum 1MDB-Skandal, wie sie etwa das(Verweis) US-Departement of Justice im Juli veröffentlicht hat, wartet man in Singapur immer noch vergebens.

„Schizophrene Behörde“

Eigentlich führe er eine schizophrene Behörde, meint Menon freimütig. Man strebe ja permanent eine Verbesserung des Finanzplatzes an und halte nach Chancen Ausschau. Die Gefahr, dass man ohne Innovationen bedeutungslos werde, sei real. Gleichzeitig müsse man sich aber der Risiken bewusst sein. „Ich wälze mehr Desaster-Szenarien, als Sie sich ausdenken können“, fügt er an. Seine Leute hätten sich zum Beispiel intensiv mit Brexit oder dem Einbruch der Erdölpreise beschäftigt, der eine bisher prosperierende Branche erschüttert.

Und wo liegen die derzeitigen Herausforderungen? Relevant sei die Frage, was mit den hiesigen Banken passiere, falls die Konjunktur in China massiv einbrechen sollte, sagt Menon. Das sei unwahrscheinlich, zudem sei die künftige Zusammensetzung von Chinas Bruttoinlandprodukt ohnehin wichtiger als das aggregierte Wachstum. Singapurs Banken seien aber gut gewappnet und könnten auch eine Rezession in Ostasien und eine Abschwächung des chinesischen Wachstums auf 3% verkraften.

Als „irritierend“ bezeichnet Menon den Trend, dass der globale Handel noch (Verweis) schwächer wachse als die Einkommen. Vor wenigen Tagen hat die Welthandelsorganisation die Wachstumsprognose für 2016 von 2,8% auf 1,7% revidiert. Die Verlangsamung sei wahrscheinlich auf neue Realitäten zurückzuführen: Vor allem in China vollziehe sich ein Wandel von der industriellen Produktion hin zu Dienstleistungen, meint Menon. Der grenzüberschreitende Service trete immer stärker neben den klassischen Warenaustausch. Das bedeute aber auch, dass neue Sektoren wie IT oder E-Commerce überdurchschnittlich zulegen könnten.