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Panama Papers

So gründet man eine Briefkastenfirma

von Daniel Meier / 10.04.2016

Auch nach den Panama-Papieren gilt: Wer Briefkastenfirmen gründet, ist noch kein Verbrecher. Vielleicht will er nur Steuern sparen oder seine Kinder enterben.

Panama gibt es derzeit besonders günstig. Im Internet gewährt eine A&P Intertrust Corporation auf Firmengründungen einen Rabatt – 900 statt 1.100 Dollar. Nach nur einem Tag ist die Firma aktiv. Den Namen darf man selber wählen, angehängt wird wahlweise Incorporated, Corporation oder S.A. für Sociedad Anónima. Das neue Unternehmen könnte also zum Beispiel Schlaumeier Corp. heißen.

Alles ein Kinderspiel. Und irgendwie erinnert das auch an Kinder, die Kaufmannsladen spielen. Man tut so als ob, es wirkt echt, ist es aber nicht. Unter anderem benötigt die Schlaumeier Inc. einen Aktionär. Der zahlt 100 Dollar Kapital ein und erhält dafür eine Aktie. Selbstverständlich handelt es sich nicht um den wahren Besitzer. Stattdessen wird ein Schein-Aktionär eingesetzt. Auch das organisiert die Firma A&P. Kostenpunkt: 250 Dollar pro Jahr. Einen Schein-Direktor gibt es für 440 Dollar. Erhältlich sind bei Bedarf zudem Schein-Stiftungsräte oder ein Schein-Finanzchef.

Durch die Enthüllungen der Panama-Papiere ist diese Woche eine Industrie ins Scheinwerferlicht geraten, die genau das vermeiden möchte. Auch in der Schweiz sind etliche Anwälte, Finanzintermediäre und Berater tätig. Sie vermitteln Interessenten an Dienstleister wie die Kanzlei Mossack Fonseca, die jetzt im Mittelpunkt steht. Vieles läuft über das Internet. In benutzerfreundlichen Online-Shops klickt man auf das Offshore-Land seiner Wahl, legt dann die gewünschten Dienstleistungen in den Warenkorb – fertig. Die Offerten gleichen sich, die Preise ebenso. Eine Gründung kostet ab 1.000 Dollar, die jährlichen Betriebskosten liegen bei rund 800 Dollar. Sogar eine Firmenadresse ist inbegriffen. Damit keine Missverständnisse entstehen: Dort wird man kein eigenes Büro finden. Es ist der Sitz einer Anwaltskanzlei, und wahrscheinlich besitzen mehrere tausend Firmen die gleiche Anschrift. So läuft das in dieser Branche. Auch in Zug oder Baar finden erstaunlich viele Firmen in einem Gebäude Platz. Eigentlich erhält man meistens nicht einmal einen Briefkasten. Sollen Briefe oder E-Mails aus Panama weitergeleitet werden, kostet das rund 300 Dollar extra. Aber dort erwartet kaum jemand Post.

Kein Handelsregister, keine Fragen

Für den zentralamerikanischen Kleinstaat sprechen andere Motive. Vor allem die Steuern. Weder Einkommen noch Kapitalgewinne oder Dividenden müssen versteuert werden. Wie es sich für ein Steuerparadies gehört, unterhält Panama keine Steuerabkommen mit anderen Ländern. Nur bei Drogendelikten werden Informationen an Behörden geliefert.

Der zweite Trumpf ist die Anonymität. Der richtige Besitzer der Schlaumeier Inc. erscheint in keinem Handelsregister. Überall taucht nur der Name des Schein-Direktors auf. Er beschränkt sich darauf, Dokumente zu signieren. Als Erstes unterschreibt er eine Erklärung, mit der er bestätigt, sich immer strikt an die Anweisungen des Kunden zu halten. Hinzu kommt ein undatiertes Rücktrittsschreiben. Dieses Papier kann der Auftraggeber jederzeit zur Hand nehmen, mit dem aktuellen Datum versehen, unterschreiben – und schon ist der Strohmann abgesetzt. Innerhalb von Minuten setzt er per Internet einen Nachfolger ein.

Die Schlaumeier Inc. mag eine Schein-Firma sein, doch sie leistet wertvolle Dienste. Ein international tätiger Konzern kann die Gewinne, die er in anderen Ländern erzielt, zu seiner steuergünstigen Offshore-Filiale transferieren. Oder er lässt sämtliche Einnahmen aus Lizenzen und Markenrechten dorthin fließen. Von Panama aus kann das Geld firmenweit eingesetzt werden für Übernahmen und Investitionen. Oder es geht als Darlehen an eine andere Tochterfirma, wobei sich wegen der Schuldzinsen, die ebenfalls in Panama landen, die Steuern nochmals senken lassen.

Über Jahrzehnte funktionierten derartige Offshore-Steueroptimierungen prächtig. Ganz offiziell verständigten sich die Firmen jeweils mit den Steuerbehörden in ihrem Stammland darauf, was als akzeptabel gilt. In sogenannten Rulings schrieb man etwa fest, ob die Offshore-Firma eine Generalversammlung abhalten müsse. Falls ja, berief der Schein-Aktionär eine Schein-Versammlung ein, schickte das Protokoll an den Kunden, dieser legte es dem Steueramt vor – und alle waren zufrieden.

Diese Zeiten sind vorbei. Nicht nur Finanzplätze wie die Schweiz stehen unter Druck, auch die Offshore-Zentren müssen sich anpassen. Unter der Führung der USA und der OECD werden Schlupflöcher für Konzerne geschlossen. Künftig dürfen die Firmen ein Land nur noch dann als Steuerstandort nutzen, wenn sie dort auch wirklich tätig sind. Sie müssen eine Betriebsstätte besitzen und Personal beschäftigen. Ein Briefkasten und ein Schein-Direktor werden bald nicht mehr genügen. Ein Experte für Steuerrecht bezeichnet die Gesetzesverschärfungen als größten Umbruch, seit Unternehmen besteuert werden: „Das Geschäft mit Offshore-Firmen wird einbrechen.“

Neben den Firmen haben auch wohlhabende Privatkunden ihre Steuern über Panama und Co. optimiert. Ihre geheime Briefkastenfirma hielt dann ein Konto bei einer beliebigen Bank. Zuletzt legte dieses Geschäft sogar noch einmal zu, weil die USA die UBS und weitere Banken in die Knie zwangen. Erst danach gründeten viele Steuersünder eine Offshore-Firma, um mit dem Schwarzgeld zu flüchten.

Mit dem Koffer in die Karibik?

Heute würde das nicht mehr so leicht funktionieren. Mit dem automatischen Informationsaustausch haben die Fahnder eine Waffe gegen die Steuerflucht bekommen. Geld zu verschieben, ohne eine Spur zu hinterlassen, ist praktisch unmöglich geworden. Deshalb hätte auch ein Schweizer kaum eine Chance, unversteuertes Geld in seiner Schlaumeier Inc. zu verstecken. Selber mit einem Koffer voll Noten in die Karibik zu fliegen, hilft auch nicht weiter, denn eine Offshore-Firma kann selber kein Geld verwalten, sie muss ein Konto eröffnen. Das kann irgendwo auf der Welt sein. Für 650 Dollar bietet die A&P Intertrust Corporation auch diesen Service. Sie arbeitet mit Banken auf den Seychellen oder in Singapur zusammen. Aber kaum ein Institut nimmt heute eine größere Summe an, ohne Fragen zu stellen. Vermutlich wird ein Nachweis verlangt, dass alles versteuert ist. Übrigens hat Panama den automatischen Informationsaustausch bisher verweigert. Doch nach den Panama-Papieren will man nun doch verhandeln.

Dieser Tage wird wieder oft betont, es sei nicht illegal, ein Offshore-Vehikel zu betreiben. Das trifft zu. Über eine Briefkastenfirma darf auch ein Konto laufen – alles korrekt, solange das Geld versteuert ist und nicht aus kriminellen Tätigkeiten stammt. Allerdings wirken manche Beispiele für eine legitime Nutzung konstruiert. Etwa jenes des reichen Vaters, der verhindern will, dass sein Sohn das Erbe verprasst. Lieber vermacht er seine Millionen per Testament einem Tierheim und verschiebt das Geld in einen Offshore-Trust. Verboten ist das nicht, aber es widerspricht dem hiesigen Erbrecht. Der übergangene Sohn müsste nach dem Tod des Vaters versuchen, mittels einer Klage an seinen Pflichtteil zu kommen. Bis ihm ein Gericht auf Panama recht gibt, dürfte viel Zeit vergehen. Ähnlich verhält es sich bei Personen, die dem Ehepartner im Scheidungsfall weniger geben wollen, als diesem gemäß Eherecht zustehen würde.

Nicht hinter jeder Briefkastenfirma steckt ein Verbrecher, aber ziemlich sicher dürfte es sich um eine Schlaumeier Inc. handeln.