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Indizes

Sommer-Rally – und keiner schaut hin

von Michael Rasch / 12.08.2016

Die Stimmung ist mässig, doch führende Aktienindizes stehen auf Rekordniveau. In Europa glänzt der DAX, trotz der desaströsen Kursentwicklung einiger bekannter Unternehmen.

Brexit-Schock an den Aktienmärkten, war da etwas? Das Votum der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU) haben die Aktienbörsen innerhalb von zwei Tagen abgehakt. Dies zeigt jedenfalls ein Blick auf die Kursentwicklung führender Indizes, denn das jüngste zyklische Tief wurde genau zwei Tage nach dem Referendum erreicht. Die US-Indizes sind inzwischen gemessen am Dow Jones und dem breiten S&P 500 aus ihrer Seitwärtsspanne nach oben ausgebrochen und notieren auf „Allzeithoch“.

In ihrem Windschatten hat sich auch der DAX prächtig entwickelt und ebenfalls die seit März bestehende Handelsspanne nach oben verlassen. Er notiert inzwischen rund 4% über dem Niveau, das direkt vor der Abstimmung in Grossbritannien erreicht worden war. Gemessen am Tief nach der Abstimmung ist der DAX etwa um 15% auf ein Jahreshoch von 10 743 Punkten nach oben geklettert. Der M-DAX, der Index für Werte der zweiten Reihe, notiert sogar auf Rekordhoch. Es herrscht Sommer-Rally – und keiner geht hin?

Jahresgewinner Adidas

Die Stimmung an den Aktienmärkten ist derzeit alles andere als optimistisch. Führende US-Investmentbanken warnen Anleger vor drohenden Verlusten auf Sicht von drei Monaten, und in den Medien ist trotz Rekordwerten in den USA und Jahreshöchstständen in Deutschland kaum etwas von Sommer-Rally zu lesen. Geopolitische Unsicherheiten – von Terrorismus und Flüchtlingskrise über die Vorgänge in der Türkei bis hin zu einem möglichen US-Präsidenten Donald Trump – bereiten nicht gerade Feierlaune. Doch viele Aktienkäufer ficht das erstaunlich wenig an. Still und heimlich erklimmen die Börsen-Barometer die Mauer der Angst. Vor allem in den USA geschieht das mit sehr guter Marktbreite. Dies bedeutet, dass nicht nur Aktien mit hoher Marktkapitalisierung zulegen, sondern die Indizes von Gewinnen auf breiter Front getragen werden.

Auf Jahressicht hinken die europäischen Börsenbarometer ihren Pendants aus den USA jedoch noch deutlich hinterher. Während Dow Jones und S&P 500 über 6% im Plus liegen, notiert der Euro-Stoxx 50 fast 8% im Minus. Der Schweizer SMI weist ebenfalls einen Verlust von rund 6% auf. Negative Vorzeichen haben die meisten europäischen Barometer. Eine Ausnahme ist der britische FTSE 100, der aufgrund des Absturzes des Pfunds gut 10% im Plus steht. Positive Vorzeichen weisen sonst nur der belgische und einige skandinavische Aktienmärkte auf. Sogar der DAX notiert trotz dem jüngsten Rally noch bei plus/minus null.

Innerhalb der Indizes hat sich die Spreu vom Weizen getrennt. An der Spitze des DAX notieren die Papiere von Adidas (71%), RWE (34%), Vonovia (29%) sowie Siemens (20%) und ThyssenKrupp (16%). Die gute Performance des DAX ist somit vor allem einem Indexschwergewicht wie Siemens zu verdanken. Mit einer Marktkapitalisierung von gut 91 Mrd. € ist der Konzern das zweitschwerste Unternehmen im Index, nach SAP mit 97 Mrd. €. Der Kurs des Walldorfer Software-Riesen avancierte dieses Jahr rund 7%. Am unteren Ende des Tableaus notieren die Titel der Deutschen Bank und der Commerzbank mit Verlusten von 43% und 40%. Danach folgen die Papiere der Deutschen Lufthansa, von Daimler, der Allianz und BMW mit 26%, 19% sowie zweimal 17%. Von den Indexschwergewichten belasten die Nummer drei Bayer und die Nummer vier Deutsche Telekom mit einer Marktkapitalisierung von 81 Mrd. und 74 Mrd. € den Index. Die Titel von Bayer gaben seit dem Jahresbeginn um 15% und die der Telekom um 6% nach.

Banken massiv unter Buchwert

An etliche Titel trauen sich die Anleger trotz einer auf dem Papier sehr günstigen Bewertung nicht heran, da sie noch immer hohe Risiken vermuten. So notieren die Aktien der Commerzbank und der Deutschen Bank mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,25 und 0,27 massiv unter ihrem bilanziellen Buchwert. Unter dem Buchwert liegen mit einem KBV von 0,75, 0,81 und 0,91 auch die Aktien von Volkswagen, Munich Re und Allianz-Versicherung. Sehr viel höher als ihr Buchwert notieren inzwischen die Titel von ProSieben Sat1 Media mit 15,5. Auch Adidas, ThyssenKrupp und SAP erreichen stattliche Werte von 4 und 5.

Man darf gespannt sein, wie lange das Sommer-Rally noch dauert. Saisonal nähert sich die schwierigste Jahreszeit. Im September und Oktober geht es oft holprig an den internationalen Aktienmärkten zu und her. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Die Börse schreibt ihre Geschichte stets aufs Neue.