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Sozialismus des 21. Jahrhunderts: Keine Sorge, das nächste Mal klappt’s bestimmt!

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 30.07.2016

Venezuela wurde von den Linken weltweit als leuchtendes Beispiel für ein Leben ohne Marktwirtschaft gefeiert. Wie dieses Leben in der Praxis aussieht, ist mittlerweile klar zu sehen. Der Anblick ist kein schöner.

Die Redaktion des „Radiokolleg“ von Ö1 lässt sich sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Pünktlich ab 9.05 Uhr wird gegen die Marktwirtschaft gewettert, egal was in der Welt gerade passiert. Das ist natürlich kein Zufall, denn der Kapitalismus ist an allem Schuld, was derzeit schiefläuft. Allem voran an der wachsenden Ungleichheit, die sich immer mehr als das große Übel unserer Tage entpuppt. Handverlesene Zeugen werden geladen, um aus erster Hand über die Schrecken dieses „Systems“ zu berichten, das nur einen Zweck verfolgt: Einer kleinen Gruppe von Menschen dabei zu helfen, sich immer ungenierter an jenen zu bereichern, die ohnehin nicht viel haben.

Die Schrecken des Kapitalismus

Berichte, wonach es der breiten Masse im industrialisierten Westen zu keiner Zeit in der Geschichte auch nur im Entferntesten so gut ging wie heute, werden großzügig anderen Medien überlassen. Dasselbe gilt für den Umstand, dass die Ungleichheit zwischen den reichsten und ärmsten Ländern nicht wächst, sondern sinkt, weil allein in den vergangenen 35 Jahren über 800 Millionen Menschen aus der bittersten Armut befreit wurden. Nicht vom Sozialismsus, sondern von Globalisierung und Freihandel. Aber sie seien eben keine Fluchthelfer aus der Armut – sondern die eigentlichen Täter, wie Volkshilfe-Chef Erich Fenninger den „Radiokolleg“-Leuten am vergangenen Donnerstag anvertraute. Die Globalisierung mache die humanitäre Hilfe für die Dritte Welt überhaupt erst nötig, deshalb brauche es dringend einen Systemwechsel: mehr Staat, mehr Regulierung, mehr Umverteilung, weniger Marktwirtschaft, am besten gar keine.

Zwangsarbeit statt Massenwohlstand

Das Timing ist insofern bemerkenswert, als der mit großen Hoffnungen der Linken verbundene Systemwechsel gerade mit atemberaubender Geschwindigkeit den Bach runtergeht. In Venezuela wurde all das umgesetzt, wovon die Gegner der gloablisierten Marktwirtschaft träumen: Industrien wurden „vergemeinschaftet“, ausländische Investoren aus dem Land gejagt, Preise für die Produkte des täglichen Bedarfs amtlich geregelt, die Einnahmen aus dem Ölverkauf an die Ärmsten der Armen umverteilt. Das, so lautete das Versprechen der sozialistischen Revolutionäre, werde den Venezolanern Massenwohlstand bringen und der Welt zeigen, dass ein gutes Leben ohne Marktwirtschaft möglich ist.

Nach knapp 20 Jahren Volkssozialismus ist von Massenwohlstand nichts zu sehen, Mangelwirtschaft prägt das tägliche Leben der Venezolaner. Erst diese Woche erließ die Staatsführung ein Dekret, das Bürger zur Zwangsarbeit verpflichtet. Firmen müssen Mitarbeiter zur Feldarbeit abstellen, um die Nahrungsmittelproduktion zu „stärken“, wie es das Arbeitsministerium so hübsch ausdrückt. Die Sache ist nämlich die: In den Regalen der Lebensmittelgeschäfte herrscht seit Jahren gähnende Leere. Seit die Preise amtlich geregelt werden, ist die Produktion eingebrochen.

Explodierende Preise, leere Regale

Essbares ist im erdölreichen Land mittlerweile kaum noch zu bekommen, und wenn, dann nur am Schwarzmarkt zu horrenden Preisen. Allein für heuer rechnet der IWF mit einer Inflationsrate von über 700 Prozent – das ist die höchste Teuerungsrate weltweit. Drei Viertel der Monatslöhne werden für Nahrungsmittel ausgegeben – in westlichen Marktwirtschaften liegt der Anteil zwischen zehn und 15 Prozent.

Während hungernde Menschen zur Schlachtung von Tieren aus dem nächstgelegenen Zoo schreiten, gehen in den Krankenhäusern Kinder und Alte elendig zu Grunde, weil es keine Antibiotika mehr gibt. Die inländische Produktion ist zum Erliegen gekommen, die Einfuhr aus dem Ausland wird von der sozialistischen Führung untersagt. Schließlich zähle das venezolanische Gesundheitssystem gemeinsam mit jenem Kubas zu den besten der Welt, weshalb es das Land nicht nötig habe, sich von westlichen Imperialisten helfen zu lassen, wie Staatspräsident Nicolás Maduro den sterbenden Bürgern ausrichten ließ.

Aufgebrachte Bürger demonstrieren seit Monaten gegen die autokratische Führung, die sich aber über eine perfide Verfassungsreform de facto pragmatisiert hat. Schuld an der Massenverelendung der Menschen ist natürlich nicht die sozialistische Planwirtschaft mit ihren rigiden Preiskontrollen. Sondern einmal mehr das falsche Führungspersonal in den vergemeinschafteten Unternehmen und natürlich der imperialistische Westen. Allen voran die USA mit ihrem CIA.

Aber keine Sorge: Das nächste Mal klappt’s bestimmt. Wer davon nicht restlos überzeugt ist, sollte einfach um 09.05 Uhr dem „Radiokolleg“ lauschen. Dort lässt man sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, dort glaubt man noch an den Sozialismus.