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Geldpolitik

Sparer leiden unter tiefen Realzinsen

von Michael Rasch / 27.05.2016

EZB-Chef Draghi hat jüngst eine Diskussion über Realzinsen angestoßen. Diese waren in Deutschland seit 2011 oft negativ. Wie haben sich die Realzinsen dies- und jenseits des Rheins entwickelt?

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, erklärte schon der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. Das Bonmot lässt sich auch gut auf die Zinsen anwenden, welche Sparer erhalten. Für Anleger sind nämlich nicht die sichtbaren Zinsen von Produkten und Wertpapieren entscheidend, die man Nominalzinsen nennt, sondern die realen Zinsen.

Diese ergeben sich, wenn man von den Nominalzinsen die Inflation abzieht. Diese Realzinsen haben in der Schweiz seit Jahresbeginn deutlich gen Süden gedreht und liegen – je nach Anlagedauer – bereits wieder im negativen Territorium. Eine ähnliche Entwicklung ist in den USA und Großbritannien zu beobachten, wo die realen Zinsen aber noch über der Nulllinie notieren.

Realzinsen sind für Anleger entscheidend. Ein Zinsniveau von vier Prozent sieht zwar optisch gut aus, doch wenn die Inflation sechs Prozent beträgt, verlieren Anleger zwei Prozent an Kaufkraft, werden also kalt enteignet. Beträgt das Zinsniveau hingegen zwei Prozent und die Teuerung liegt bei null Prozent, kommen für Anleger unter dem Strich zwei Prozent reale Rendite heraus – und es gibt somit keine heimliche Enteignung.

Früher war nicht alles besser

Die reale Rendite war für Anleger schon immer das Maß der Dinge. Jüngst gewann das Thema jedoch an Prominenz, weil Mario Draghi auf die Bedeutung der realen Zinsen hingewiesen hatte. Der Präsident der EZB steht in Deutschland permanent unter Druck, weil ihm vorgeworfen wird, durch die ultraniedrigen Zinsen die Sparer zu enteignen. Draghi blies vor kurzem zum Gegenangriff, indem er zwar einräumte, dass das reale Zinsniveau in Deutschland sehr niedrig sei, zugleich aber darauf hinwies, dass dies früher auch schon oft der Fall gewesen sei.

Je nach Laufzeit von Anlageprodukten bestätigen Daten der Deutschen Bundesbank die Aussage von Draghi: So schwankte die reale Rendite von Spareinlagen mit einer Kündigungsfrist bis drei Monate in Deutschland seit Ende der 1960er Jahre weitgehend zwischen plus zwei Prozent und minus zwei Prozent.

Derzeit liegt sie mit knapp über null etwa in der Mitte dieser Spanne. Ähnlich sieht es bei Sichteinlagen aus. Bei den Termineinlagen (Neugelder) ist die reale Verzinsung jedoch so mau wie seit dreißig Jahren nicht mehr. Laut Berechnungen der Allianz haben jedoch allein die Anleihekäufe der EZB die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen um einen Prozentpunkt gesenkt. Diese Rendite fehlt Sparern natürlich zusätzlich.

Niedrige Realzinsen

An den Finanzmärkten wird zur Berechnung der realen Verzinsung oft die Rendite von zehnjährigen Staatsanleihen unter Berücksichtigung der herrschenden Inflation (gemessen an den Konsumentenpreisen) verwendet. Die Grafiken zeigen, dass die realen Zinsen in Deutschland seit dem Jahr 2011 außergewöhnlich tief sind.

Je nach Laufzeit der verwendeten Staatsanleihe (zwei, fünf oder zehn Jahre) war die reale Rendite im negativen Bereich und ist es zum Teil bis heute. Jüngst zog sie zwar wieder etwas an, liegt aber klar unter dem Niveau von Mitte 2015. Das Gleiche gilt für die Euro-Zone. In Großbritannien, wo die reale Rendite derzeit wieder knapp über null liegt, wurden 2011 kurzzeitig Realzinsen von minus fünf Prozent erreicht. Bei einem Wert von minus sechs Prozent halbiert sich die Kaufkraft des Geldes innerhalb von zwölf Jahren.

Verglichen mit anderen Währungsräumen sieht die Schweiz noch gut aus. Hier waren die realen Renditen in den letzten fünf Jahren nie so tief wie etwa in den USA, Großbritannien oder der Euro-Zone. Mit meist null bis ein Prozent waren sie jedoch auch in der Schweiz äußerst bescheiden. Da 2016 die Renditen bisher sanken und die Teuerung stieg, ist die Tendenz derzeit fallend.