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Sparbuch

Spekulieren wie die Sozialpartner

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 07.01.2017

Das laufende Jahr wird eines der schwärzesten in der Geschichte des österreichischen Sparbuchs werden. Und das ist auch gut so.

Die Bürger dieses Landes lieben die Sicherheit. Für Experimente haben sie nicht viel übrig, sie schätzen das Bekannte. Dafür zahlen sie auch gerne einen hohen Preis. So wird das heurige Jahr für die österreichischen Sparer eines der schlechtesten in der Geschichte werden. Die Zinsen bleiben niedrig, die Teuerung wird weiter anziehen, wodurch sich unter dem Strich ein Verlust ergibt. Das war nicht immer so. Wer beispielsweise im Jahr 2007 einen Betrag von 1.000 Euro auf ein Sparbuch legte, verdiente damit nach Steuern und Inflation noch knapp 17 Euro im Jahr. Wer heute dasselbe macht, verringert sein veranlagtes Guthaben um 14 Euro, wie mein Kollege Dénes Kucsera von der Agenda Austria errechnete.

Es gibt kein Recht auf Zinsen

Das ist, um es einmal ganz direkt auszudrücken, die beste Seite der in Summe verheerenden Politik des billigen Geldes: Die Menschen erkennen, dass es kein Recht mehr auf Zinsen für risikolose Veranlagungen gibt. Im Gegenteil, die Absicherung vor Unsicherheit kostet Geld. Wer sich heute darüber echauffiert, dass auf Sparbüchern nach Abzug von Kapitalertragssteuer und Inflation nichts bleibt, soll sich nach alternativen Veranlagungen umsehen. Etwa auf den Aktienmärkten, die seit Jahren durch die Decke gehen (das ist wiederum eine der Schattenseiten der Geldpolitik, weil sie für künstliche Nachfrage an den Märkten sorgt). Selbst an der biederen Wiener Börse ließen sich im vergangenen Jahr real noch zwei Prozent verdienen, allein wenn man den ATX nachbildete.

Noch scheinen sich die Österreicher von den Verlusten der risikolosen Veranlagung nicht wirklich aus der Ruhe bringen zu lassen. Knapp 160 Milliarden Euro warten auf heimischen Sparbüchern darauf, im Wert zu sinken. Zu groß ist das Misstrauen in Aktien. Das ist auch verständlich. Einerseits werden sie seit Jahrzehnten von Politikern und Interessenvertretern vor den Gefahren des spekulativen Teufelszeugs gewarnt. Andererseits sahen sich mit der Finanzkrise 2008 auch viele Bürger in ihren Ängsten vor den volatilen Börsen bestätigt.

Die Kammern schätzen die Finanzmärkte

Dabei wäre freilich gerade das der perfekte Zeitpunkt des Einstiegs in das Aktiengeschäft gewesen. Interessenvertreter, die immer wieder vor den Börsen warnen, wissen, wovon die Rede ist. So sitzt die Arbeiterkammer auf Reserven von rund einer halben Milliarde Euro, wie eine parlamentarische Anfrage von NEOS-Mandatar Gerald Loacker zutage brachte. Knapp die Hälfte des geparkten Geldes hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre recht bescheiden um 32 Prozent erhöht. Das Finanzvermögen ist indes um über 400 Prozent angewachsen. Überdurchschnittlich stark sind die Posten „Wertpapiere und Beteiligungen“ im Wert gestiegen, konkret um 515 Prozent auf 161 Millionen Euro. Nicht schlecht, da sage noch einer, die Arbeiterkämmerer hätten keine Ahnung von den Finanzmärkten.

Auch die Wirtschaftskammer Österreich weiß um die Vorzüge der Finanzmärkte. Von den knapp 1,5 Milliarden Euro hohen Reserven sind knapp 540 Millionen Euro in Wertpapieren veranlagt. So soll es auch sein. Vielleicht wäre es ja keine allzu schlechte Idee, wenn die Sozialpartner die ihnen anvertrauten Bürger in einer großangelegten Kampagne davon zu überzeugen versuchten, ihr Geld auf den Finanzmärkten für sich arbeiten zu lassen, statt es auf den Sparbüchern schrumpfen zu lassen. Die Sicherheit ist nämlich auch nicht mehr das, was sie einmal war.