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Das Gründerland und das Geld

Start-ups ohne Wachstumschancen

Gastkommentar / von Elisabeth Oberndorfer / 07.08.2016

Um Österreich zum Gründerland zu machen, braucht es nicht nur eine kritische Masse an Gründern und Start-ups. Für echtes, schnelles Wachstum braucht es keine bürokratischen Förderungen, sondern Risikokapital.

Vor einem Monat präsentierte die Regierung ihr Start-up-Paket, das 185 Millionen Euro in das Gründerland Österreich fließen lassen soll. In einem Punkt sind sich die Koalitionspartner besonders uneinig: wie alt ein Start-up höchstens sein darf, um die geplanten Förderungen und Entlastungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Drei Jahre, sagt die SPÖ. Sieben Jahre, sagt die ÖVP. Das berichtet zumindest SP-Abgeordnete Elisabeth Hakel, die das Paket mitverhandelt.

Zeit ist Geld: Für Start-ups gleich doppelt

Moritz Plassnig liegt mit seinem Start-up Codeship irgendwo dazwischen – allerdings nicht in Österreich. Vor vier Jahren gründete der gebürtige Steirer das Unternehmen, das einen cloudbasierten Dienst zum Testen und Aktualisieren von Software anbietet. Vor knapp drei Jahren ging er mit seinen Gründerkollegen nach Boston. Ein triftiger Grund für den Umzug war die Finanzierung: „Wir standen vor der Frage, ob wir viel Zeit damit verbringen, in Österreich Förderungen einzusammeln. Oder eben gleich in den USA nach Investoren suchen“, erinnert sich der CEO.

Vor wenigen Tagen verkündete der Software-Dienstleister seine zweite Finanzierungsrunde, bei der Codeship sieben Millionen US-Dollar aufstellen konnte. Insgesamt hat das Start-up seit der Gründung Wagniskapital in Höhe von elf Millionen US-Dollar erhalten. Im Heimatland Österreich wäre das laut Plassnig nicht so einfach gewesen. „Das war nur machbar, weil Investoren die Möglichkeit sehen, dass wir mehr als 100 Millionen Dollar wert sein können“, sagt Plassnig. Und damit die Bewertung eines Unternehmens stark steigt, ist internationale Expansion notwendig. Eigenen Angaben zufolge hat Codeship heute mehr als 2.000 Firmen als Kunden, die die „Continuous Integration“-Technologie einsetzen. Die US-Handelskette Sears ist eine der größten Kunden des Start-ups mit österreichischen Wurzeln.

Womit wachsen?

Zu Hause würde Plassnig mit den Mitteln des Start-up-Pakets keine Expansion finanzieren können. Denn die vorgeschlagenen Maßnahmen, die der Nationalrat voraussichtlich im Herbst absegnet, zielen vorwiegend auf die Förderung in Frühphasen ab, die unter anderem die staatliche Förderkasse AWS verwaltet. Für die Wachstums- und Expansionsphase mangelt es weiterhin an Geldgebern, die in junge Technologieunternehmen investieren.

Über fehlende Later-Stage-Finanzierungen klagt auch die Gründerszene in Deutschland, wenn auch auf einem höheren Niveau. Das deutsche Finanzministerium arbeitet deshalb an einem Fonds in Höhe von zehn Milliarden Euro. Dieser „Tech Growth Fund“ soll bei der staatlichen KfW-Bank angesiedelt sein und in den nächsten zehn Jahren Unternehmen, die sich in der Wachstumsphase befinden, Kredite gewähren. Das Ministerium rechnet mit maximal 200 Millionen Euro an Ausfällen, wenn Start-ups die Kredite nicht zurückzahlen können. Für das Vorhaben braucht Deutschland allerdings noch grünes Licht von der Europäischen Union.

Auch die österreichische Förderbank AWS bietet einen zinsengünstigen Kredit für den Ausbau von Dienstleistungen. Die Höchstsumme liegt allerdings bei 300.000 Euro und Start-up-Gründer stöhnen außerdem über den bürokratischen Aufwand. Die Bewerbung für die staatlichen Finanzierungsmöglichkeiten wird von vielen Seiten als zeitraubend kritisiert. Wären die Prozesse simpler, wäre Codeship vielleicht heute noch in Österreich.

Der Chef des Software-Anbieters sieht jedoch nicht nur heimische Institutionen und Kapitalgeber in der Verantwortung, die Wachstumslücke bei der Start-up-Finanzierung zu schließen: „Das Geld in Österreich ist begrenzt. Es sollten auch ausländische Later-Stage-Fonds in österreichische Firmen investieren“, meint er. Derzeit wollen aber viele europäische Städte zu Tech-Hubs werden und kämpfen deshalb um die Gelder, beobachtet Plassnig von Boston aus die regionale Entwicklung.

Entscheidender Standortvorteil

Für ein schnellwachsendes Unternehmen – was schließlich auch Teil der staatlichen Start-up-Definition ist – können wenige Monate über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Dass die Regierung jetzt über einen Zeitrahmen, der sich um vier Jahre unterscheidet, streitet, veranschaulicht den langsamen Weg zum Gründerland. Denn eine Langzeitstrategie für die Belebung des heimischen Unternehmertums gibt es offenbar noch nicht. Was passiert zum Beispiel mit Jungunternehmen nach den ersten drei – oder sieben – Jahren? Der Staat erhofft sich von dem Start-up-Paket rund 9.000 neue Arbeitsplätze. Das setzt wiederum starke Expansion der jungen Unternehmen voraus. Sonst bleibt den Gründern nur ein Exit oder der Weg ins Ausland. Codeship beschäftigt übrigens aktuell 30 Mitarbeiter, nur drei davon sitzen in Österreich. Und nur 20 sitzen in Boston, der Rest ist in der ganzen Welt verteilt.