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Gründerland

Start-ups sind nicht genug

von Lukas Sustala / 04.10.2016

In der österreichischen Risikokapitalbranche herrscht Kummer. Die Branche, die Wachstum finanzieren soll, fühlt sich von mangelnder Rechtssicherheit, fehlenden rechtlichen Vehikeln und einer schlechten Standortpolitik ausgebremst. Klar ist: Wer Gründerland werden will, muss auch die Möglichkeit bieten, dass Wachstum finanziert wird.

Der Herbst gehört den Unternehmen.

Das ist seit Monaten die zentrale Botschaft der Regierungsspitze. Die Vorbereitungen für den „New Deal“ laufen, neben dem Beschluss des Start-up-Pakets im November im Parlament soll auch ein Reformpaket für die nicht ganz so jungen und kleinsten Unternehmen geschnürt werden. Von neuen Abschreibungsmodellen bis zur Wiederbelebung der „Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft“ reichen die Ideen.

Doch es scheint so, als würde die Regierung am liebsten die Unternehmer umarmen und ihr Kapital verjagen. Dass die einen ohne das andere allerdings zum teuer subventionierten Däumchendrehen verdammt sind, wird immer klarer. Denn hierzulande stellt sich immer öfter die Frage, woher denn das Kapital für die schnell wachsenden, dynamischen Unternehmen kommen soll. So auch vergangene Woche bei der Jahrestagung der AVCO, dem Branchenverband der Private-Equity- und Venture-Kapital-Branche.

Das Volumen der Private-Equity- und Risikokapital-Investitionen ist in den vergangenen drei Jahren so gut wie zum Erliegen gekommen. 2016, so hört man, ist wieder ein schlimmes Jahr, in dem die Branche gerade einmal neue Mittel in zweistelliger Millionen-Höhe lukriert hat – ein Vorbote für weitere schwache Investitionsjahre. In anderen, ähnlich entwickelten Volkswirtschaften wie Österreich sammeln die Risikokapitalgeber ein Vielfaches der österreichischen Summen ein.

Fast ein halbes verlorenes Jahrzehnt hat jener Bereich des Kapitalmarktes hinter sich, der sich dem Wachstum widmet. Die Politik hat erst zuletzt die Start-ups und Gründer als wichtige Verbündete im Kampf gegen den grassierenden Pessimismus und die hohe Arbeitslosigkeit entdeckt und gelobt Besserung. Das zweifelsohne ambitionierte Start-up-Paket lässt einige Impulse erwarten – für den Herbst wiederum hat die Koalition auch ein KMU-Paket angekündigt. Doch an zentralen Stellschrauben, etwa der Abgabenlast und der Bürokratie, wird nur zögerlich gedreht.
→ Kollege Leopold Stefan hat die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Wirtschaftsreformen im Herbst hier zusammengefasst.

Tatsächlich weiß man um die Probleme in der Politik Bescheid. Bei der AVCO-Jahrestagung habe ich ein Politiker-Panel moderiert. Von den Grünen über die SPÖ, die NEOS, die ÖVP bis zur FPÖ zeigten sich Wirtschaftssprecher und Abgeordnete einig, dass Unternehmen entlastet werden müssen, dass es bessere Möglichkeiten für Sparer geben muss, direkt in die Realwirtschaft zu investieren und dass die steuerlichen Anreize (Stichwort: KESt-Erhöhung) vorne und hinten nicht passen. Das alles soll im Herbst auch im Parlament diskutiert werden.

Retter in der selbst verantworteten Not

Bisherige Erfolge von Gründern, jungen Unternehmen und Venture-Kapitalisten wie Business Angels sind eher trotz und nicht dank der Rahmenbedingungen geschafft worden. Wenn es der Regierung im Herbst gelingt, Ernst mit einem Unternehmenspaket zu machen, könnten in den kommenden Jahren wohl weitere Erfolgsgeschichten wie Runtastic oder Shpock geschrieben werden. Ansonsten werden die neuen Millionen an Förderungen und Erleichterungen zwar einen Boom bei den kleinsten und jüngsten aller Unternehmen schaffen. Doch die Gazellen, schnell wachsenden Unternehmen, werden sich in anderen Märkten tummeln – wo es an den Tränken mehr Liquidität in Form von Risikokapital gibt.

Eine Studie von AT Kearney hat zuletzt aber etwa gezeigt, wo es bei der Innovation in Österreich gut und wo eher schlecht läuft. Klar ist: Innovationsführer sind andere. Das Spitzenfeld, in das aktuell offenbar einzig Finanzminister Hans Jörg Schelling aktiv vorstoßen will, wird dominiert von Ländern wie der Schweiz oder Singapur. Freilich verfügt auch Österreich dank findiger Unternehmer über so manchen Hidden Champion, also Nischenweltmeister. Aber die Rahmenbedingungen und der nahezu inexistente Kapitalmarkt für KMUs bleiben ein Flaschenhals. In Zeiten, in denen Banken wegen strengerer Regeln wie Basel III nur eingeschränkt Kredit gewähren können, ohnedies. Erste-Group-Chef Andreas Treichl spricht etwa nur noch von „standardisierten Produkten“ für KMUs. Wachstumsfinanzierung sieht wohl anders aus.

Im Herbst bieten sich tatsächlich viele Chancen für wachstumsfördernde Reformen, von Investitionsfreibeträgen, neuen Abschreibungsmodalitäten und neue Investitionsvehikel für KMUs. Was es sicher nicht braucht, sind neue Ankündigungen und Absichtserklärungen. Die Regierungsparteien sollten sich nicht mehr länger als Retter in der Not inszenieren, wenn sie selbst Mitschuld am Notstand haben.