Simon Tanner / NZZ

Zürcher Förderpolitik

Startupförderung: Die Welpen des Kapitalismus

Meinung / von André Müller / 04.10.2016

Startups und Innovation zu fördern scheint das Gebot der Stunde, gerade in Zürich. Das verspricht nur dann Erfolg, wenn sich Zürich von seiner Geschichte leiten lässt und in der Förderpolitik zentrale Grundsätze beachtet.

Es ist erstaunlich, wie Zürich zuletzt sein etwas biederes Kleid der Banken- und Büezerstadt abgestreift hat. In alten Industriehallen, wie derzeit im Unterwerk Selnau, nisten sich Startup-Hubs und findige Jungunternehmer im T-Shirt ein, welche den Medikamententransport oder die Wundheilung revolutionieren wollen. Haben sie Erfolg, wird unser Leben einfacher, angenehmer und günstiger.

Dass Zürich diesen krawattenlosen Fortschritt fördern möchte, ist daher grundsätzlich ein gutes Zeichen. Wer sich dem Wandel widersetzt, den überrollt er irgendwann. Derzeit fegt er heftig über den Zürcher Wirtschaftsraum hinweg, angetrieben vom noch immer starken Franken, von der Digitalisierung unzähliger Wirtschafts- und Lebensbereiche und einer fortschreitenden Zergliederung der Wertschöpfungsketten. Charles Vögele oder Chicorée können ein Lied davon singen, die Arbeitnehmer von SRTechnics, GE oder Sulzer ebenso. Wenn alte Arbeitsplätze wegfallen, ist es umso wichtiger, die Basis für neue zu legen.

Abhängig von Paris

Zürich braucht sich über diese schöpferische Zerstörung nicht zu beklagen, war sein Aufstieg zur kleinen Weltstadt doch nur möglich, weil die Dinge nicht so blieben, wie sie schon immer waren: Noch im 19. Jahrhundert war Zürich eine ökonomisch eher unbedeutende Stadt. Der Kanton war Vorort in einem Bund von Kleinststaaten, der wirtschaftlich ein Anhängsel Frankreichs war, wovon der Schweizer „Franken“ noch heute zeugt. Politisch mochte Zürich mit Bern die Geschicke im Mittelland leiten, in Sachen Bankenplatz, Wirtschaftskraft und Weltläufigkeit hatten Basel und Genf die Nase vorn, von Paris ganz zu schweigen.

Der Wohlstand Zürichs basiert letztlich auf Pragmatismus, dem Glück des Tüchtigen und soliden Rahmenbedingungen.

Seither hatte Zürich sehr oft sehr viel Glück. Man verstand sich aber auch trefflich darauf, dem Glück im richtigen Moment mit guter Politik nachzuhelfen. So verlor Zürich den Wettstreit um das Bundeshaus und sicherte sich dafür die ETH – auf lange Sicht sicher das flottere Pferd im Stall. Sukzessive bauten die Zürcher rund um Alfred Escher von ihrer Stadt aus ein dichtes Bahnnetz auf, entlang dessen eisernen Adern sich im ganzen Kanton hochproduktive Industriebetriebe ansiedelten, von Winterthur bis ins Tösstal, von Oerlikon bis nach Zürich-West und ins Limmattal. Dass die alpenquerende Bahnverbindung in den Süden via Zürich durch den Gotthard führte und nicht durch die Ostschweiz, war keineswegs selbstverständlich, zementierte aber die starke Stellung der Limmatstadt. An Zürich war fortan kein Vorbeikommen mehr.

Dasselbe Spiel im 20. Jahrhundert: Der Höhenflug des Zürcher Vermögensverwaltung ab den 1960er-Jahren erklärt sich weniger mit einem finsteren, von langer Hand gesteuerten „Bankgeheimnis-Plan“, sondern mit einer Reihe begünstigender Faktoren, die in der Pax Americana ihre Wirkung entfalteten: Die geografische und kulturelle Nähe zu allem grossen Ländern Westeuropas, das Ausbleiben von Kriegen, die äusserst stabile Währung sowie die wirtschafts- und währungspolitische Offenheit. Ohne offizielle Imagekampagne entwickelte sich die Limmatstadt fortan, trotz noch immer ausbleibendem Meeranstoss, zum „sicheren Hafen“ von Geldern aus aller Welt: Sie fluteten die Zürcher Banken mit jeder globalen Krise zwischen Kuba und Nahost, flossen aber nur spärlich ab, als die Panik der Anleger wieder verebbte.

Auch der heute blühende Biotech-Cluster in Schlieren geht auf eine glückliche Fügung zurück: Die ETH suchte in den 1980er-Jahren dringend Laborraum, ein privater Eigentümer bot Hand für eine unkomplizierte Lösung. Diese Lösung entwickelte sich schrittweise zum idealen Nährboden für Biotech-Startups, die mittlerweile Grosserfolge feiern konnten. Glycart wurde 2005 für 235 Millionen Franken an Roche verkauft, Molecular Partners nahm beim Börsengang vor knapp zwei Jahren über 100 Millionen Franken ein.

Der Wohlstand Zürichs basiert letztlich also auf Pragmatismus, dem Glück des Tüchtigen und soliden Rahmenbedingungen. In den letzten Jahren hat sich allerdings auch hierzulande die Meinung durchgesetzt, dass man dem Glück etwas auf die Sprünge helfen sollte, wenn man oben bleiben möchte. Das Zauberwort heisst Innovationsförderung. In Dübendorf wird auf dem Areal des Flugplatzes ein grosszügiger Innovationspark vorangetrieben. Teils privat, teils mit Unterstützung von Stadt und Kanton Zürich, ist eine Vielzahl von Vernetzungs- und Förderplattformen entstanden, die vor allem junge Unternehmen unterstützen wollen, in der Hoffnung, dadurch gewinn- und steuerträchtige Firmen heranzuziehen. Der freundliche Anglizismus „Startup“ hat gemäss Google Trends in der Schweiz ein Revival hingelegt, nachdem er in der Wirtschaftskrise vor sich hingedümpelt war.

Fördern, aber richtig

Nun sind Startups die Hundewelpen des Kapitalismus im 21. Jahrhundert: Alle mögen sie, alle wollen sie streicheln, niemand will sie leiden sehen. Das gilt von links bis rechts, wie entsprechende Vorstösse auf kantonaler und nationaler Ebene zeigen. Das ist an sich schön, denn Jungunternehmen können tatsächlich viel dazu beitragen, die Welt (und Zürich) zu einem besseren Ort zu machen.

Doch wie bei allen guten Dingen, kann es auch zu viel der Startup- und Innovationsförderung sein. Gerade weil sie so beliebt ist, besteht die Gefahr, dass Politiker unter diesem Titel (und in ihrem eigenen Namen) oppositionslos neue Fördertöpfchen und Projektlein auftun, die Fixkosten generieren und auch bei erwiesener Nutzlosigkeit kaum mehr wegzukriegen sind. Bereits heute ist es schwierig, die Übersicht über die Engagements der öffentlichen Hand (oder Hände) zu behalten. Um Wirkung zu erzielen, darf sie sich nicht verzetteln.

Nicht vergessen sollte man bei aller Welpenliebe nämlich, dass auch alte Bulldoggen wie die Grossbanken viel zum Zürcher Wohlstand beitragen.

Digital Festival, Digital Switzerland, der neue Innovationspark: Diese können echten Mehrwert bieten, wenn sie richtig umgesetzt werden. Wie viel Glanz und wie viel Substanz hängen bleibt, lässt sich heute noch nicht sagen. Die Zürcher Politik braucht diesen Projekten gegenüber nicht „auf Armlänge Abstand“ zu bleiben, sollte aber bei der fröhlichen Förderung drei Grundsätze beachten.

Erstens dürfen Kanton und Stadt niemals in Eigenregie die Googles von morgen suchen. Das überlässt der Staat besser Business Angels und spezialisierten Kapitalgebern, die sich mit den hochriskanten Anlagen in Jungunternehmen auskennen und dabei ihr eigenes Geld aufs Spiel setzen, nicht dasjenige der Steuerzahler.

Weniger öffentlichkeitswirksam, aber günstiger und wichtiger ist es zweitens sowieso, hoffnungsvollen Unternehmen gute Rahmenbedingungen zu bieten und ihnen weniger im Weg zu stehen. Die Zürcher Vermögenssteuer für Jungunternehmen oder die arg knappen Drittstaatenkontingente sind gefährliche Stolpersteine. Um sie zu beseitigen, muss die Politik vor allem zuhören und entsprechend handeln.

Die Reaktion der Zürcher Regierung ist insofern ein ermutigendes Zeichen. Sie kritisiert den Bund scharf für seine wirtschaftsfeindliche Symbolpolitik im Umgang mit Fachleuten aus Drittstaaten, und scheint nun Gehör gefunden zu haben. Sie hat – gemächlich zwar, aber immerhin – die Frage der Vermögenssteuer neu aufgerollt. Und sie schickt sich an, die Unternehmenssteuerreform im Sinne des Wirtschaftsstandorts umzusetzen. Solche Förderpolitik hilft allen Unternehmen, nicht nur den tapsigen Kleinen. Nicht vergessen sollte man bei aller Welpenliebe nämlich, dass auch alte Bulldoggen wie die Grossbanken viel zum Zürcher Wohlstand beitragen.

Drittens sollte die Politik pragmatisch bleiben. Wenn sich eine Initiative bewährt hat, darf man sie wohl unterstützen. Die ETH leistet gute Dienste, Zürich bietet Raum für einen Ausbau. Der zunehmende Bahnverkehr stärkt die Rolle des Kantons, Zürich finanziert die Durchmesserlinie vor. Und wenn der Bau des Innovationsparks schrittweise, flexibel und in enger Abstimmung mit Wissenschaft und Wirtschaft erfolgt, kann dabei viel Gutes herausschauen. Die Öffentlichkeit sollte indes wachsam bleiben, nicht dass statt nützlicher Infrastruktur zuletzt doch ein weisser Elefant erwächst.

Wie Bankenplatz, ETH und Bahnbau zeigen, lohnt es sich, eine solide Basis für das Wirtschaften aufzubauen: Hält dieses Fundament, wird Zürich noch in Hundert Jahren davon profitieren.