Virginia Sherwood/NBC via AP

Streaming-Dienste: Musikern strömen die Einnahmen davon

von Sylviane Chassot / 13.07.2016

Es ist paradox. Noch nie wurde so viel Musik gehört wie heute, und dennoch können Künstler kaum noch von Gagen und Tonträgerverkäufen leben.

„Das Publikum wird nicht bezahlen, solange es die Musik aus der Luft praktisch gratis bekommt“, schrieb der „Sydney Morning Herald“ am 23. Oktober 1931. Musiker redeten seit dem Radio-Boom in den 1920er Jahren von Enteignung, und das Marktvolumen der Plattenfirmen schrumpfte auf 5% des ursprünglichen Umsatzes. Heute ist die Situation in der Musikindustrie ähnlich. Schweizer Plattenlabels verdienten 2015 noch einen Siebtel der rund 300 Mio. Fr., die sie vor 20 Jahren mit CD umgesetzt hatten (siehe Abbildung). Neue Einnahmequellen aus dem Internet machen den Verlust nicht wett.

Eine Umfrage des Schweizerischen Musikerverbandes aus dem Jahr 2011 ergab, dass 56% der Freischaffenden mit Konzerten und Aufnahmen weniger als 20 000 Fr. im Jahr verdienen. Eine umfassende Studie der deutschen Musikwirtschaft weist ein durchschnittliches Jahreseinkommen von Komponisten und Interpreten von 13 300 € aus. Über die Hälfte der selbständigen Musiker geht noch einer anderen Beschäftigung nach. Die deutsche Musikindustrie generierte 2014 direkte Wertschöpfung von 3,9 Mrd. €. Die Komponisten und ausübenden Künstler haben daran einen Anteil von 15%, obwohl sie 22% aller Erwerbstätigen der deutschen Musikwirtschaft stellen. Für die gesamte Branche sieht das Bild also nicht ganz so düster aus. Die Mehrheit der Konzertveranstalter und Musiklabels rechnete für 2015 mit steigenden Gewinnen. Die Künstler hingegen erwarteten überwiegend rückläufige Einnahmen.

Es ist nicht die Digitalisierung als solche, welche die Einnahmen von Komponisten und Interpreten schwinden lässt; am Download eines Albums in iTunes verdienen sie rund $ 1.50 und damit etwa gleich viel wie am Verkauf einer gepressten CD. Allerdings prophezeien Experten das baldige Ende des Downloads. Der Verband der Schweizer Plattenfirmen verzeichnete im April 2016 erstmals mehr Umsatz mit Streaming-Diensten als mit dem Herunterladen von Singles und Alben in Diensten wie iTunes. Beim Streaming ist das Bezahlmodell anders als bei den Downloads. Auf Spotify oder Apple Music stehen den Nutzern über 30 Mio. Musiktitel zur Verfügung, die sie gegen eine Gebühr von rund 12 Fr. unbegrenzt hören können. Musiker erhalten aufgrund der fixen Nutzungsgebühr umso weniger Tantièmen pro abgespieltem Titel, je mehr die Kunden insgesamt konsumieren. Die einzige Möglichkeit, mit kostenpflichtigem Streaming den Umsatz zu erhöhen, ist die Akquisition neuer Abonnenten. Spotify verfolgt daher im Konkurrenzkampf mit dem Marktneuling Apple Music eine expansive Strategie und schrieb 2015 angesichts hoher Investitionskosten 185 Mio. € Verlust.

Schweizer Urheber eines Streams erhalten für jeden abgehörten Titel von Spotify im Durchschnitt 0,18 Rp. Diese Zahl stammt von der Suisa, der Gesellschaft der Urheber und Verleger. Sie sammelt für Komponisten Tantièmen ein, die Radiosender, Fernsehstationen, Musikklubs und verschiedenste weitere Nutzer an die Urheber zahlen müssen. Auch Youtube vergütet einen Anteil der Werbeeinnahmen an die Künstler, sofern diese bei der Plattform registriert sind. Pro Youtube-Stream entrichtet die Suisa zirka 0,08 Rp. an die Urheber. Doch nicht nur im Internet, sondern insgesamt sind die Einnahmen aus Urheberrechten für die Mehrheit der Künstler finanziell nicht entscheidend. Nur an 10% der 35 000 Tantièmen-Berechtigten konnte die Suisa im vergangenen Jahr Beträge über 1000 Fr. auszahlen. Aus Online-Rechten verteilte die Suisa 5 Mio. Fr. unter den Mitgliedern, 125 Mio. Fr. insgesamt. Die wichtigste Einnahmequelle von Musikern sind Honorare für Auftritte. Der Unterhaltungsmusiker Marc Sway steht mit seiner Band zirka 80-mal pro Jahr auf der Bühne, an Firmenanlässen für eine Gage von 25 000 Fr. Musikfestivals hingegen zahlen deutlich weniger, dort gehe man nicht fürs Geld hin als Musiker, sondern fürs Image, erklärt Sways Manager Hugo Mauchle. Da die Einnahmen aus Tonträgerverkäufen in allen Genres von der Klassik über Jazz bis zur Unterhaltungsmusik erodieren, drängen alle Künstler zurück in die Orchestergräben, Konzertkeller und auf die Bühnen – von der Hobbyband bis zu Bruce Springsteen und Madonna. Aufgrund der stärkeren Konkurrenz sinken die Gagen für Künstler im Mittelfeld. Lukrativ für Pop-Musiker wie Marc Sway sind Sponsoringaufträge. Auch einen Web-Shop mit T-Shirts hat er, allerdings sei dieses Geschäft finanziell unbedeutend. Für das berühmteste 1% der Musiker sieht das anders aus; die Toten Hosen nahmen nach einem Konzert im Jahr 2008 im Hallenstadion 280 000 Fr. mit Merchandising-Artikeln ein.

Was den meisten Musikern noch bleibt, sind Nischenstrategien, davon ist der Flötist Sandro Friedrich überzeugt. Seine Marktlücke sind exotisch angehauchte Flötenmelodien für Filme, CD und Videospiele. Zu 80% arbeitet der ETH-Elektroingenieur jedoch als Gymnasiallehrer. Pro Stunde berechnet verdiene er mit dem Musizieren und dem Unterrichten etwa gleich viel, was in der Musikbranche heute ein Luxus sei. Seine Aufnahmen spielt er zu Hause vor dem Computer ein und verschickt sie dann an seine Auftraggeber aus der ganzen Welt. Die Teamarbeit ist virtuell geworden; die Tonspuren anderer Musiker werden einfach mit seinen Aufnahmen kombiniert. Hauptberuflich würde er nicht in seinem Studio Flöte spielen wollen, das wäre dem Schwyzer zu einsam. Zudem sei auch die wirtschaftliche Zukunft von Filmproduktionen nicht gewiss, denn auch im Filmgeschäft steigt die Zahl illegal hochgeladener Werke. Um mit einem Nischenprodukt genügend Umsatz zu erzielen, empfiehlt er die Präsenz in Musikkatalogen, auf die Produzenten von Werbefilmen und andere Nutzer von Hintergrundmusik zurückgreifen. Auch Marc Sway setzt auf diese Strategie und hat seinen eigenen Verlag gegründet, um die Einnahmen aus seinen Urheberrechten langfristig zu sichern.

Geld und Ruhm waren unter Künstlern schon immer ungleich verteilt. Mehrere ökonomische Studien haben den „Superstar-Effekt“ belegt, laut dem das erfolgreichste 1% aller Musiker von der Digitalisierung profitiert. Am anderen Ende der Skala gibt es immer mehr (Hobby-)Musiker, die dank den technischen Fortschritten ihre Musik günstig selbst produzieren und ins Internet stellen. Dazwischen stehen die Mittelständler der Branche, von denen immer weniger von der Musik allein leben können. Früher haben Labels als Filter fungiert, die nicht alle Musiker auf den Markt liessen. Dass heutzutage auch jeder praktisch umsonst mit der Internetmusik reich werden kann, ist hingegen eine Illusion. Um beispielsweise von Youtube als Künstler wahrgenommen zu werden, ist eine Identifikationsnummer notwendig. Youtube verteilt diese allerdings nicht an Einzelpersonen, das wäre für das Portal zu aufwendig. Auch in der digitalen Musikwelt brauchen Musiker daher ein Plattenlabel oder einen sogenannten Aggregator, um die Zusammenarbeit mit den Internetdiensten abzuwickeln.

Zusätzlich erschwerend wirkt sich für Schweizer Musiker aus, dass die globalen Streaming-Dienste für die Schweiz keine separate Musikliste kuratieren. Hiesige Künstler landen damit in einem Topf, der deutlich mehr Auswahl bietet als das Regal im CD-Laden. Hörer, die sich von den Streaming-Diensten berieseln lassen und die Titel nicht bewusst auswählen, bekommen darum mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit die Musik lokaler Künstler zu hören. Doch auch für die berühmtesten Musiker sind die Einnahmen aus Streaming lachhaft, wie jüngst etwa der britische Pop-Sänger James Blunt twitterte. Sie haben aber gegenüber der „Mittelklasse“ der Musikindustrie den Vorteil, dass sie nicht in der Masse untergehen, sondern im Gegenteil dank den global tätigen Internetdiensten noch mehr Masse generieren.

David Bowie sagte schon vor 14 Jahren voraus, dass Musik einst wie Wasser sein werde. Heute ist es so weit, dass Lieder jederzeit gratis aus jedem mit dem Internet verbundenen Gerät strömen. Der Verkauf von Mineralwasser in Glas- und Plasticflaschen ist ein einträgliches Geschäft. Fraglich ist, ob auch in der Musikbranche eine neue Verkaufsverpackung gefunden wird. Musikern bleiben die erwähnten Nischenstrategien oder Alternativen zu Einkommen wie Crowdfunding. Einige hoffen auf den besseren Schutz der Rechte im Internet (siehe untenstehenden Text) oder glauben an die Auferstehung der Schallplatten, deren Verkaufszahlen jüngst so hoch waren wie seit knapp 30 Jahren nicht mehr. Vom Radio-Schock hatte sich die Branche nach dem Zweiten Weltkrieg erholt. Das Senderecht wurde eingeführt, und im Gegenzug mussten Radios Tantièmen an die Musiker entrichten. Der technische Fortschritt brachte zudem neue Tonträger hervor, für die das Publikum wieder einen festen Preis zu zahlen bereit war. Ob und wann das nun wieder gelingen wird, steht wohl noch nicht einmal in den Sternen. Die Stars jedenfalls haben auch noch keine Lösung für die neuerliche Enteignung der Musiker gefunden.