Tesla-Gründer und Technik-Visionär Elon Musk: Er redet, und er liefert

von Nino Maspoli / 26.08.2016

Manche Kritik am Technik-Visionär Elon Musk gründet auf Neid. Doch die Lebensgeschichte des klassischen Selfmademan zeigt, dass es gerade der ihm entgegengebrachte Widerstand ist, der ihn zu seinem erstaunlichen Werdegang befähigt hat.

Der 17-jährige Elon Reeve Musk war auf der Suche nach einem Lebensziel. 1971 im südafrikanischen Pretoria geboren, fand er sich inmitten eines von der Apartheid dominierten Landes. Seine schlichte Statur und sein introvertiertes Verhalten eckten bei den weissen Afrikanern, die ihre Maskulinität zelebrierten, an. Schon früh war für ihn klar, dass er in Südafrika nicht fündig werden sollte.

Mit zwölf Jahren zeigte sich ein erstes Mal, was aus dem Sohn eines Ingenieurs und eines Models werden könnte. Über 167 Zeilen publizierte das Magazin «PC and Office Technology» den Quellcode zu einem Weltraumspiel mit dem Titel «Blastar». Der Autor: E. R. Musk. Er wählte die Abkürzung seiner Vornamen in Anlehnung an berühmte Science-Fiction-Autoren, die den jungen Musk faszinierten.

Flucht in die Bücherwelt

Die Begeisterung für die Wissenschaften und das damit verbundene Lesen boten Elon Musk einen Zufluchtsort während einer schweren Kindheit. Sei es wegen seiner ungewöhnlichen Vornamen, seiner Faszination für Technik oder der ruhigen Wesensart: Klassenkameraden fanden immer einen Grund, den verträumten Musk zu hänseln und zu quälen. Das ging so weit, dass eine Gang seinen besten Freund verprügelte, bis dieser nicht mehr mit ihm gesehen werden wollte.

Auch deswegen verbrachte der wissbegierige Elon täglich mehrere Stunden in Bücherläden und Bibliotheken. Nach der Lektüre von Asimov, Heinlein und Adams und zahlreichen anderen Büchern wandte er sich der Encyclopedia Britannica zu, die er komplett durchlas. Deren Inhalt blieb ihm dank seinem fotografischen Gedächtnis präsent, was ihn zu einem klassischen Besserwisser machte. Auch seine tranceartige Haltung, in der er über Ideen und Probleme nachdachte, machten ihn zu einer kuriosen Gestalt, zu einem Nerd.

Aber nicht nur die Konfrontation mit seinen Klassenkameraden und die damit verbundene Einsamkeit liessen Elon Musk eine schwere Kindheit durchleben. Musks Vater Errol soll ihn und seinen Bruder Kimbal sowie seine Schwester Tosca psychologischen Torturen ausgesetzt haben. Er solle die Fähigkeit gehabt haben, aus jeder guten Situation eine schlechte zu machen, so beschreibt Musk seinen Vater in der Biografie von Ashley Vance.

Das Leiden ist Teil von Musks Leben

Trotz den widrigen Umständen entschied sich Musk nach der Scheidung seiner Eltern, nicht wie seine Geschwister bei der Mutter zu bleiben, sondern mit seinem Vater zu leben. Er muss das technische Umfeld, die zahlreichen Bücher und das viele Reisen einer warmherzigen Erziehung vorgezogen haben.

Das Leiden ist Teil von Musks Leben. Nachdem er die Zeit in der Schule in Südafrika, die Erziehung seines Vaters und die Fehlgeburt seines ersten Kindes verarbeitet hat, foltert er sich selbst mit inhumanen Arbeitsstunden. Fast scheint es, als hätten ihm die frühen Erfahrungen eine Stärke und Willenskraft gegeben, die notwendig sind, um seine späteren Erfolge zu feiern.

Grundhaltung: Gutmensch

Musk lässt heute nicht gelten, dass er nur per Zufall oder zur richtigen Zeit seine Unternehmen gegründet hat. Beispiele wie seine Arbeiten an der Universität oder die frühen Diskussionen mit seinem Bruder Kimbal zeigen, dass Musk schon seit Kindertagen zu Solarenergie und der Kolonisation der Planeten tüftelte. Dabei geht es Musk nicht um reiche Erträge, die ein erfolgreiches Unternehmen verspricht. Vielmehr scheint es, als wolle er etwas bewegen, der Welt etwas Gutes tun.

Damit unterscheidet sich Musk von vielen Unternehmern, die über Ideen stolpern oder nach Hypes Ausschau halten. Musk ist geradezu versessen darauf, seine Vorstellungen in die Realität umzusetzen. Und nur deswegen hat es Tesla geschafft, das erste erfolgreiche Elektrofahrzeug für den Massenmarkt in einem relativ kurzen Zeitraum und mit vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln zu kreieren. Und nur deshalb hat es SpaceX geschafft, in eine verschlafene Branche wieder Leben und Wettbewerb zu bringen und der Menschheit – oder zumindest den Amerikanern – eine Zukunft im Weltall zu versprechen.

Elon Musk träumt von einer Rohrpost, die Menschen mit 1200 km/h von Stadt zu Stadt schiessen soll. Ein wahnwitziges Konzept, das derzeit eine erstaunliche Karriere hinlegt. (Bild: Benjamin Lowy / Getty Images)

So ist Elon Musk in die Riege von Henry Ford, Andrew Carnegie oder Steve Jobs aufgestiegen. Von diesen uramerikanischen Titanen unterscheidet sich Musk durch sein verbissenes Sendungsbewusstsein, die Welt zu verändern. Mit Jobs gemeinsam hat Musk den Fokus auf die völlige Integration aller Systeme. Apples geschlossenes Ökosystem ist legendär, doch Elon Musk geht noch weiter. Er lässt jegliche Komponenten soweit möglich in den USA fertigen. Zudem verfolgt er äusserst langfristige Ziele, wie beispielsweise die Kolonisation des Mars. Darin sieht er das grosse Ganze, hinter das er alles stellt. Das führte letztlich dazu, dass er den noch nicht erfolgten Börsengang von SpaceX gegenüber seinen ungeduldigen Mitarbeitern erklären musste.

Despotische Anwandlungen

Musk sucht die Herausforderung. Sei es mit der Eroberung seiner Lebenspartnerinnen, dem ersten Praktikum in Kanada oder der Konfrontation ehrwürdiger Unternehmen mit seinen kreativen Startups. Diese konfrontative Grundhaltung spüren auch seine Mitarbeiter, denen er alles abverlangt. Enttäuschen sie ihn, kennt er kein Pardon. Zahlreiche ehemalige Angestellten haben Klagen gegen ihn eingereicht. Er selbst ist bereit, alles für seine Firmen zu geben. Während er von seinen Angestellten täglich 20 Arbeitsstunden verlangt, arbeitet er 23.

Dennoch nimmt man es Musk nicht ganz ab, dass ihm die materiellen Werte nichts bedeuten. An öffentlichen Auftritten lässt er sich durchaus anmerken, wie sehr ihm das Scheinwerferlicht behagt. Nach seinem erfolgreichen Ausstieg bei Paypal liess er sich gerne als Erfolgsmensch im Fernsehen zeigen. Und trotz seinen grünen Ideen verzichtet er nicht auf seinen stattlichen Fuhrpark, in dem beispielsweise ein Jaguar von 1967 oder einer der legendären Supersportwagen Typ McLaren F1 stehen. Dass er seine hehren Ideale gelegentlich hintenanstellt, lässt sich mit einem ständigen Streben nach Coolness erklären, die ihm als Teenager verwehrt blieb.

Überkompensation mit Worten

Die ursprünglich fehlende Popularität und den daraus resultierenden Mangel an Selbstvertrauen überspielte Musk mit vollmundigen Behauptungen. Schon in den Paypal-Tagen versprach er, die Finanzindustrie zu revolutionieren. Der erste Tesla sollte nach wenigen Monaten fahrtüchtig sein, und bereits beim ersten Raketentest sollte alles tadellos funktionieren. Selbst in der Welt des Silicon Valley, wo fast jedes Unternehmen die Revolution verspricht, gilt Musk nicht nur unter Neidern als grosser Schwätzer.

Und dennoch gelang es einem schlaksigen Immigranten aus Südafrika, sich mit grossen Visionen zu einem der erfolgreichsten Unternehmer der USA zu mausern, denn den grossen Ankündigungen folgten Ergebnisse. Ein Erfolg auf Kosten von Industriegrössen wie Boeing oder Volkswagen. Und all das, während vermeintliche Lebensretter aus dem Valley weiterhin der Frage nachgehen, wie man Menschen dazu bringt, noch öfter auf Werbung zu klicken.