Russell Boyce / Reuters

Tiefere Zinsen und tiefere Renten: Britische Rentner sehen rot

von Andreas Fussi / 13.08.2016

In Grossbritannien macht der betrieblichen Altersvorsorge nicht nur die steigende Lebenserwartung zu schaffen. Bei Royal Mail und Post Office drohen Arbeitskämpfe um die Betriebsrenten.

Die erwarteten Kosten der betrieblichen Altersvorsorge haben bei der britischen Royal Mail zu einer erbitterten Konfrontation mit der Belegschaft geführt. Mehr als 90 000 Beschäftigten wurde mitgeteilt, das Unternehmen könne sich ihre leistungsorientierte Form der Vorsorge voraussichtlich über März 2018 hinaus nicht mehr leisten. Derzeit beliefen sich die jährlichen Kosten des Vorsorgeplans auf 400 Mio. £. Sie könnten sich mehr als verdoppeln – auf mehr als 900 Mio. £.

Jeder Versuch, die Renten zu kürzen, werde auf die entschlossene Gegenwehr der Gewerkschaften treffen, sagte dagegen Terry Pullinger von der Gewerkschaft CWU (Communication Workers Union). Tausende Mitarbeiter der in die Gesellschaft Post Office ausgegliederten Postämter stimmen bereits über Arbeitskampfmassnahmen ab. Dort steht die bisherige Form der Betriebsrenten schon im März 2017 zur Disposition. Man werde alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, auch Streiks, um die künftigen Renten der Mitglieder zu verteidigen, kündigte Pullinger an.

Die betriebliche Altersversorgung spielt in Grossbritannien eine Schlüsselrolle. Viele Beschäftigte haben in der Hoffnung auf eine bessere Altersversorgung über Jahre Lohnverzicht geübt. Unternehmen wie der Telekomkonzern BT Group oder die Kaufhauskette Marks & Spencer schieben grosse Pensionsverpflichtungen vor sich her. Bei den Versuchen, die britischen Stahlwerke vor dem Untergang zu bewahren, erwiesen sich die Mitarbeitern versprochenen Betriebsrenten als grosses Hindernis. Der Schädlingsbekämpfer Rentokil entschied sich vor gut einem Jahrzehnt als erstes FTSE-100-Unternehmen, die betriebliche Altersversorgung für alle Mitarbeiter aufzugeben.

Auswirkung verzögert sich

Die früher üblichen leistungsorientierten Vorsorgepläne (Defined Benefit Schemes, DB) werden immer mehr von beitragsorientierten Plänen (Defined Contribution Schemes, DC) und individueller, eigenverantwortlicher Vorsorge abgelöst. Wie aus der Statistik der National Association of Pension Funds (NAPF) hervorgeht, übertraf die Zahl der aktiven Mitglieder privater DC-Versorgungspläne 2014 erstmals die der DB-Pläne. Mittlerweile steht es gemäss der Pensions and Lifetime Savings Association (PLSA) 60:40.

Die Veränderungen vollziehen sich allerdings zu langsam, denn den Vorsorgewerken macht nicht nur die höhere Lebenserwartung der Pensionäre zu schaffen, sondern auch die ultralockere Geldpolitik. Weil die versicherungsmathematische Bewertung nur alle drei Jahre erfolgt, schlagen sich die jüngsten Zinsschritte erst zeitverzögert in den Beträgen nieder, die von den Arbeitgebern aufgebracht werden müssen. Die Ansprüche der Mitglieder des DB-Plans von Post Office sollen dem Plan des Unternehmens erhalten bleiben, es sollen aber keine neuen hinzukommen. Zudem sollen sie in einen DC-Plan übergeführt werden.

Rund 1,4 Bio. £ liegen in den 5945 DB-Pensionsfonds, die notfalls unter den Schirm des Pension Protection Fund schlüpfen könnten. Ihr Defizit belief sich Ende Juli auf 408,0 Mrd. £. Ende Juni hatte es noch bei 383,6 Mrd. £ gelegen. Der Deckungsgrad verschlechterte sich in diesem Zeitraum im Schnitt von 78,0% auf 77,4%.

Die Entscheidung der Bank of England, den Leitzins zu senken, gebe Vorsorgewerken Anlass zur Sorge, sagte Graham Vidler vom Branchenverband PLSA. Die Notenbank hatte den Leitzins – wie allgemein erwartet – Anfang August um 25 Basispunkte auf ein neues historisches Tief von 0,25% gesenkt, eine Neuauflage ihres Anleihekaufprogramms angekündigt und für den Herbst eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. Auf diese Weise will Gouverneur Mark Carney nach dem britischen Volksentscheid für den EU-Austritt einen wirtschaftlichen Absturz vermeiden.

Wann greift die Regierung ein?

Man sehe zwar die Notwendigkeit, die britische Wirtschaft zu schützen, sagte Vidler, die negativen Folgen auf die rund 6000 privaten DB-Pläne mit ihren 11 Millionen Einzahlern müssten jedoch stärker berücksichtigt werden. Experten gehen davon aus, dass die Regierung bald wird intervenieren müssen.