Umstritten, aber einträglich: Die Expansion heimischer Banken im Osten

von Matthias Benz / 03.03.2015

Auch 2014 haben die österreichischen Großbanken unter ihrem Osteuropa-Geschäft gelitten. Doch insgesamt war die Expansion nach Osten von Vorteil, zieht NZZ-Wirtschaftskorrespondent Matthias Benz Bilanz.

So schlimm wie bei der Hypo Alpe Adria präsentiert sich die Lage bei weitem nicht. Aber die österreichischen Großbanken kämpfen ebenfalls immer wieder mit Problemen in ihrem Osteuropa-Geschäft. Die Erste Group, eine der größten Banken in der Region, musste am letzten Freitag einen herben Reinverlust von 1,4 Milliarden Euro bekannt geben.

In Rumänien drückten faule Kredite, und die Geschäfte entwickelten sich so enttäuschend, dass der Firmenwert der dortigen Tochter auf null abgeschrieben werden musste. Im Problemland Ungarn musste man für die politisch verordnete Zwangsumwandlung von Schweizer-Franken-Hypotheken bluten. Allerdings sieht man sich nach den Aufräumarbeiten nun auf Kurs. In den nächsten Jahren will man gerade in Osteuropa wieder Gewinne schreiben. Böse Überraschungen seien nicht mehr zu erwarten, heißt es.

Aufräumen in den Bilanzen

Zuvor hatte schon die Raiffeisen Bank International (RBI) – die Nummer zwei im Osteuropageschäft – mit Problemen im Osten für Aufsehen gesorgt. Die RBI musste jüngst den ersten Jahresverlust der Firmengeschichte in Höhe von 500 Millionen Euro verkünden. Neben den Schwierigkeiten in Ungarn belasteten die geopolitischen Spannungen rund um Russland und die Ukraine. Das Russland-Geschäft als wichtigster Ertragspfeiler der RBI musste neu bewertet und teilweise abgeschrieben werden.

2014, ein Jahr zum Vergessen: Österreichs Großbanken im Vergleich
2014, ein Jahr zum Vergessen: Österreichs Großbanken im Vergleich
Quellen: RBI, BA, Erste Group

Angesichts der problematischen Entwicklung erschien die Eigenkapitaldecke als zu dünn. Die RBI verordnete sich eine Schrumpfkur. Die Töchter in Polen, wo man erst 2011 eingestiegen war, und in Slowenien sollen verkauft werden; die risikogewichteten Aktiva will man bis 2017 um 20 Prozent reduzieren. Ziel ist es, bis dann eine Eigenkapitalquote von zwölf Prozent ausweisen zu können.

Allein die UniCredit-Tochter Bank Austria, das größte Finanzinstitut in Osteuropa, behauptete sich 2014 gut. Man hatte schon im Vorjahr einen großen „Bilanz-Putz“ vorgenommen, nämlich alle Firmenwerte in Osteuropa auf null abgeschrieben und einen Reinverlust von 1,5 Milliarden Euro hingenommen. Das zahlte sich jetzt mit einer klaren Rückkehr in die Gewinnzone aus. Die Bank Austria ist neben Österreich in dreizehn osteuropäischen Märkten tätig. Bei der RBI werden es nach der Schrumpfkur ebenfalls dreizehn sein; bei der Erste Group sind es sechs.

Heimische Banken als Schwergewichte in Osteuropa
Heimische Banken als Schwergewichte in Osteuropa
Quelle: NZZ-Infografik /cke, Unicredit

Kritik in der Heimat

Die jüngsten Schwierigkeiten haben in Österreich wieder eine Diskussion aufflammen lassen, ob die wirtschaftliche Expansion nach Osteuropa richtig war. Hätte man es nicht besser bleibenlassen? Die Frage stellt sich einerseits, weil der Drang nach Osten prägend war für die gesamte österreichische Wirtschaft nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Anderseits stehen hinter den international tätigen Großbanken teilweise sehr lokal geprägte Gebilde wie die österreichischen Sparkassen (Erste Group) und die Raiffeisenbanken (RBI). Es ist eine spannungsreiche Governance-Struktur. In den kleinen Lokalbanken kann man die Sinnhaftigkeit der Osteuropa-Abenteuer nicht immer nachvollziehen.

Dennoch lässt sich bilanzieren, dass sich das Ausbreiten nach Osten gelohnt hat. Zum Ersten haben die Banken trotz aller Schwierigkeiten beträchtliche Gewinne erzielt, wie eine Umfrage unter den Instituten zeigt. Die Bank Austria musste zwar im Osteuropa-Geschäft seit 2000 Sonderkosten (wie Abschreibungen) von rund 4,7 Milliarden Euro verbuchen; dennoch blieb ein Gewinn von insgesamt 9,3 Milliarden Euro.

Die RBI erwirtschaftete in Osteuropa seit 2001 ein Reinergebnis von 7,7 Milliarden Euro – trotz Sonderbelastungen von rund 1,9 Milliarden Euro. Die Erste Group schließlich erzielte im Osten seit 2004 einen Vorsteuergewinn von 4,9 Milliarden Euro – nach Sonderkosten von 4,5 Milliarden Euro. Diese Zahlen werden auch von Berichten der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) gestützt; demnach war Osteuropa eine wichtige Ertragsquelle für die hiesigen Banken.

In Osteuropa ist es nötig zu differenzieren

Zum Zweiten muss Osteuropa als eine heterogene Region gesehen werden. Bei weitem nicht alle Märkte sind problembehaftet. In den letzten Jahren konzentrierten sich die Schwierigkeiten vor allem auf Ungarn, wo die Regierung Orban nicht nur eine für die Banken äußerst kostspielige Zwangsumwandlung von Fremdwährungs-Hypotheken durchsetzte, sondern auch hohe Sondersteuern über die Branche verhängte.

Zurzeit stellen sich in der Ukraine und in Russland große Probleme; doch zumindest in Russland schreiben die Banken noch gute Gewinne. Hingegen sind etwa Märkte wie Tschechien oder die Slowakei seit langem stabile Ertragspfeiler für die Osteuropa-Banken. Das Gesamtbild sieht positiv aus. So erzielte etwa die RBI 2014 nur in drei von sechzehn Märkten keinen Gewinn.

Zum Dritten gelten die Osteuropa-Aktivitäten als einträgliches Geschäft mit vergleichsweise hohen Margen. Die Zinsspannen sind etwa deutlich größer als in Österreich. Entsprechend können die Banken im Osten eine höhere Rendite erzielen als in westeuropäischen Märkten. Die Erlöse aus dem Osteuropa-Geschäft haben so auch das Überleben der ertragsschwachen Mutterbanken in Österreich gesichert.

Ost beats West: Rendite auf Bankaktiva im Vergleich
Ost beats West: Rendite auf Bankaktiva im Vergleich
NZZ-Infografik / cke

Die Osteuropa-Expansion hatte Ende der neunziger Jahre an Fahrt gewonnen und wuchs sich bis 2007 zu einem regelrechten Boom aus. Dies war nicht nur mit hohen Gewinnen und stark steigenden Aktienkursen der österreichischen Großbanken verbunden (die sich seither wieder stark relativiert haben). Sondern es barg, wie sich im Nachhinein zeigte, auch große Risiken, und es wurden beträchtliche Fehler begangen.

Zum Teil kauften die Banken ihre Töchter in Osteuropa zu teuer. Dies hat sich später in Form von hohen Firmenwert-Abschreibungen gerächt. Auch vergab man Kredite zu leichtfertig. Davon zeugen die kostspieligen Probleme mit den Frankenkrediten und die großen Rückstellungen für faule Darlehen. Zur Refinanzierung nahmen die Mutterbanken häufig günstige Mittel im Westen auf und leiteten diese an ihre Töchter im Osten weiter. Heute muss man sich viel stärker auf lokale Einlagen verlassen.

Tendenziell war zudem die Eigenkapitalunterlegung der Geschäfte heikel. In der Finanzkrise wuchs sich dies zum Problem aus. Nach längerem Hin und Her akzeptierten die RBI und die Erste Group Staatshilfen. Freilich gab es auch weit schlimmere Auswüchse. Die Hypo Alpe Adria übernahm sich auf dem Balkan mit einer zügellosen Expansion. Ihr klägliches Scheitern wird die Steuerzahler in Österreich einen Milliardenbetrag kosten.

Mehr Kapital nötig

In der Summe war das Osteuropa-Geschäft Chance und Risiko zugleich. Dieses Bild zeichnet im Wesentlichen auch die OeNB in ihren regelmäßigen Berichten. Die Notenbank moniert allerdings, dass angesichts der großen Risiken des Osteuropa-Geschäfts die Kapitalausstattung der österreichischen Großbanken nicht ausreichend sei. Jüngst forderte sie deshalb, dass die Banken in den nächsten Jahren fünf Milliarden Euro an zusätzlichem Eigenkapital bilden.

Bei den Instituten kommt dies naturgemäß nicht immer gut an. Während die RBI bis 2017 eine Eigenkapitalquote von zwölf Prozent („Basel III“, volle Umsetzung) anstrebt, ist man etwa bei der Erste Group zurückhaltender. Ihr Chef kritisierte jüngst, dass auf europäischer Ebene immer noch nicht klar sei, welche Kapitalausstattung genau verlangt werde. Gewissheit sei aber nötig, um auch die künftigen Schritte im Osteuropa-Geschäft planen zu können.