Herbert Pfarrhofer/APA

Gesundheitssystem

Und ewig grüßt die Gesundheitsreform

von Moritz Moser / 12.08.2016

Die Debatte um das österreichische Gesundheitssystem nimmt wieder einmal Fahrt auf. Was fehlt, sind Spitalskooperationen zwischen den Bundesländern und ein Bürokratieabbau.

Das Gesundheitssystem laboriert derzeit an seiner Finanzierbarkeit. Noch immer wird eine Scheindebatte um die „Zweiklassen-Medizin“ geführt, während bereits der Hut brennt. Laut Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer, hat das neue Arbeitszeitgesetz die effektive Arbeitszeit der Ärzte in den Spitälern um ein Drittel verkürzt. Zudem müssten 40 Prozent der Arbeitszeit für Bürokratie aufgewendet werden.

Während die Zahl der Versicherten steigt und die der Kassenärzte abnimmt, stimmen die Wiener Spitalsärzte gerade über Streikmaßnahmen ab. „Das ganze System entwickelt sich in die falsche Richtung“, sagt Szekeres. Das gilt wohl nicht nur für Wien, sondern in kleinerem Umfang auch für den Rest des Landes.

Der Spitalsbereich braucht Koordination

Österreich setzt traditionell stark auf die Spitäler als Eckpfeiler seiner Gesundheitsfürsorge. 2010 lag die Zahl der Spitalsentlassungen pro 100 Einwohnern bei 25,6 und damit an der Spitze aller EU-Mitgliedstaten. Im Durchschnitt waren es 15,7 Entlassungen aus der stationären Spitalsbehandlung.

Das schlägt sich auch in der Anzahl an Spitalsbetten nieder. Im OECD-Vergleich liegt Österreich mit 7,6 Betten je 1.000 Einwohnern unter den europäischen Ländern an zweiter Stelle hinter Deutschland.

Verantwortlich dafür ist aber nicht nur die häufige Versorgung von Patienten in Spitälern, sondern auch der österreichische Föderalismus. Spitalspläne werden nicht länderübergreifend erstellt. Das Südburgenland und die Südoststeiermark werden separat versorgt, es fehlt an Kooperation. Die Schweiz, in der ebenfalls die Kantone für die Spitalsorganisation verantwortlich sind, kommt bei einer ähnlich hohen Einwohnerzahl mit nur 60 Prozent der österreichischen Bettenzahl aus.

Österreich hat mehr Spitalsbetten als Schweden und Finnland zusammen.

Staaten mit niedrigerer Bettenanzahl erbringen meist einen größeren Teil der Gesundheitsversorgung durch niedergelassene Ärzte und mobile Dienste.

Teure Verwaltung

Nicht nur die relativ teure Spitalserhaltung lässt, gemeinsam mit demografischen Entwicklungen, die Gesundheitsausgaben steigen. Die Kosten für das Gesundheitssystem sind in den vergangenen 25 Jahren von 8,4 auf elf Prozent des BIP angestiegen. Der Verwaltungsanteil daran blieb mehr oder weniger unverändert hoch. Strukturreformen, die zu einer wesentlichen Reduktion geführt hätten, gab es nicht.

Österreich hat nach wie vor 36 Pflichtversicherungen, mit teils erheblichen Leistungsunterschieden. Wie die Presse berichtet, kann der Kostenbeitrag für eine Zahnspange pro Behandlungsjahr je nach Kasse zwischen 347 und 3.500 Euro variieren. Auch die Honorartarife für Ärzte sind höchst unterschiedlich. So kann es schon einmal passieren, dass für ein und dasselbe Prozedere, etwa ein 24-Stunden-EKG, höchst unterschiedliche Konditionen von den einzelnen Kassen ausgehandelt sind. Das hat selten mit der Kostenwahrheit zu tun, sondern folgt oft einer ganz anderen Logik.

So wenig die verschiedenen Kassen und föderalen Strukturen zu Kostenwahrheit beitragen, so sehr sind sie selbst ein teures Unterfangen. Die Verwaltungskosten rangieren österreichweit nach wie vor im oberen Drittel der europäischen OECD-Länder.

Österreich gibt mittlerweile 1,2 Milliarden Euro alleine für die Verwaltung der Gesundheitsversorgung aus. Das entspricht 3,7 Prozent des Gesamtaufwandes im Gesundheitssektor.

Eine Vereinheitlichung bei den Kassen würde zwangsläufig zu einer Flurbereinigung führen, bei der es aufgrund der unterschiedlichen Leistungen Gewinner und Verlierer gäbe. Die Politik schreckt wohl auch deshalb vor einer umfassenden Reform zurück. In Wien würde allerdings schon zusätzliches Verwaltungspersonal zu einer Entlastung der Ärzte führen. Diese müssen ihre Befunde derzeit beispielsweise selbst abtippen.