Bank of England

Und wenn das Lehrbuch nicht stimmt?

von Peter A. Fischer / 04.08.2016

Mit einer noch expansiveren Geldpolitik will die britische Zentralbank ganz nach gegenwärtig beliebten Lehrbüchern dem Brexit-Schock begegnen. Doch was ist, wenn die Massnahmen nicht wirken?

„Rechtzeitig, kohärent und umfassend“. Gouverneur Mark Carney wurde am Donnerstag nicht müde, das neueste Massnahmenpaket der Bank of England gegen den Brexit-Schock mit diesen Attributen zu versehen. Am „umfassend“ ist nicht zu zweifeln. Carney und seine Kollegen sind offensichtlich überzeugt, dass Grossbritanniens beabsichtigter Austritt aus der EU und die damit verbundene Unsicherheit der britischen Wirtschaft einen schweren Schock versetzen, der erhebliche strukturelle Anpassungen nötig macht. Ihre geldpolitische Reaktion darauf entspricht ganz den derzeit vorherrschenden Lehrbüchern: Droht eine Rezession, ist diese rechtzeitig auch mit unkonventionellen expansiven Stimuli zu verhindern.

Doch was ist, wenn Firmen wegen der grossen Unsicherheit keine Investitionen tätigen, und nicht weil es ihnen an billigem Geld fehlt? Was ist, wenn Konsumenten nicht deshalb keine Schulden aufnehmen und wenig konsumieren, weil es ihnen an günstigen Hypotheken mangelt, sondern weil sie gerade erfahren haben, dass sie sich für eine unsichere Zukunft wappnen sollten und dass das tiefe Zinsniveau ihre Altersvorsorge gefährdet? Was ist, wenn die geldpolitischen Stimuli zu einer Vermögenspreis- und Immobilienblase führen, aber die notwendigen strukturellen Anpassungen in der Wirtschaft eher hinauszögern?

Der Brexit-Entscheid ist ein ernsthafter struktureller Schock, auf den die Politik mit wirtschaftspolitischen und strukturellen Verbesserungen und allenfalls mit fiskalpolitischen Stimuli reagieren sollte. Vieles spricht jedoch dafür, dass es in solch aussergewöhnlichen Situationen neue geldpolitische Lehrbücher bräuchte. Die Bank of England läuft Gefahr, mit ihrer Fixierung auf kurzfristige Wachstumsstimulierung mehr Schaden anzurichten, als die unvermeidliche Anpassung zu erleichtern. Und ziemlich sicher hätte sie besser noch etwas mehr Klarheit abgewartet, bevor sie derart aus allen Rohren schiesst.