Schiebel

Unendliche Weiten

von Christoph Zotter / 19.03.2016

Der österreichische Drohnenbauer Schiebel verkauft fast nur an Militärs, will aber mit der Rüstungsindustrie selbst nichts zu tun haben. Eine Lizenz für den zivilen Luftraum soll nun neue Märkte öffnen. Der Weg dorthin ist lang.

Hannes Hecher verschränkt die Arme vor der Brust, blickt durch die Glasfront. Einen Stock unter ihm wird im Neonlicht geschraubt, gefräst und gehämmert. Rotorblätter liegen auf den Werkbänken, Motoren, Drähte, Schrauben.

Der zweite Geschäftsführer Hannes Hecher
Credits: Schiebel

Es ist kurz vor Mittag, am Rand des Flugplatzes von Wiener Neustadt, eine Autostunde südlich von Wien. Hier hat die Firma Schiebel eine schicke Fabrik auf die Wiese gestellt, die letzten Meter der Zufahrtsstraße sind noch nicht asphaltiert.

Während unten Hubschrauber zusammengebaut werden, hat Hannes Hecher im Konferenzsaal darüber schon den Beamer angeworfen. Graue Haare, im Sakko steckt ein Tuch. Er ist einer von zwei Geschäftsführern hier und will über Hubschrauber reden, übers Geschäft. Das ist kompliziert.

Das böse Wort Drohne

Er ist im Drohnenmarkt, auch wenn er das Wort nicht so gerne verwendet. „Der allgemeine Begriff Drohne ist für uns oft schwierig“, sagt Hecher. Zwar sind die Mini-Hubschrauber ein unbemanntes Flugobjekt. Doch Drohne, das klingt nach kleinen Quadrocoptern, die einmal für Amazon Pakete ausliefern sollen. Oder nach den raketenbestückten Fliegern, mit denen die US-Armee per Joystick tötet.

Sie alle scheinen als Fotos vor ihm auf der Leinwand auf. Irgendwo in der Mitte ist der Camcopter S-100 von Schiebel. Die bekannteste Drohne österreichischer Bauart. Voll beladen ist sie bis zu 200 Kilogramm schwer, drei Meter lang, kann acht bis zehn Stunden fliegen.

Der Camcopter S-100 ist ein Design- und High-Tech-Pionier, der bis heute etwas zwischen den Stühlen steht, ein Nischenprodukt. Nicht groß, aber auch nicht wirklich klein. Keine Waffe, aber als schweres und großes unbemanntes Luftfahrzeug auch noch nicht für den zivilen Luftraum zugelassen. Nur für den gesperrten, wo Staaten fliegen. Die meisten kaufen die Schiebel-Drohne für ihre Soldaten.

Das Militär zahlt die Rechnungen

Bislang landeten 80 Prozent der Geräte beim Militär. Das bezahlt zwar die Rechnungen, führt aber dann und wann zu Imageproblemen. Denn die Armeekunden lassen die Drohnen nicht nur fliegen, um Flüchtlinge im Mittelmeer aufzuspüren, wie die italienische Marine. Im vergangenen Jahr stürzten zwei Schiebel-Drohnen im vom Bürgerkrieg geplagten Jemen ab. Zuvor hatten Dschihadisten eine über Somalia abgeschossen und die Wrackteile online gestellt. Vier an Muammar Gaddafi gelieferte Geräte verstauben irgendwo in Libyen.

Die Schiebel-Fabrik in Wiener Neustadt. Die Entwicklungsabteilung steht in Wien.
Credits: Schiebel

Noch dazu stoßen Journalisten immer wieder auf ein Foto, auf dem die Schiebel-Drohne mit einer auf ihr montierten Rakete zu sehen ist (darunter auch NZZ.at, hier). Eine Attrappe, hergestellt für eine Waffenshow. Seit Jahren versuche die Firma, das Foto aus dem Internet zu bekommen. „Wir sind nicht bewaffnet, und wir werden uns nicht bewaffnen“, sagt Hannes Hecher, wenn man ihn auf das unliebsame Bild anspricht. „Es macht technisch keinen Sinn.“

Nun bereitet sich der Drohnenbauer auf einen fundamentalen Schritt vor: Schiebel will aus dem gesperrten Luftraum in den zivilen wechseln. Wälder, Äcker, Flüsse und Siedlungen sollen von den Drohnen überflogen werden. Der Vorteil: Eine Schiebel-Drohne kann bis zu 50 Kilogramm an sensiblen Kameras, Radars oder Lasern mitschleppen, die aufspüren, vermessen und orten können. Weil das Ding wie ein Hubschrauber funktioniert, kann es im Raum schweben, senkrecht aufsteigen, auch von kleinen Plattformen auf rauer See starten.

Der Nachteil: Die notwendigen Gesetze fehlen.

Um das zu ändern, wendet Schiebel derzeit laut eigenen Angaben fast ein Fünftel seines Umsatzes auf (der beträgt zwischen 40 und 50 Millionen Euro, genaue Zahlen gibt es nicht). Am Ende eines mehrjährigen Prozesses soll die Drohne dann nahezu überall im europäischen Luftraum fliegen dürfen. Alles muss getestet und dokumentiert sein: der Helikopter selbst, wie man ihn zusammenbaut, wie er fliegt, wie er im Notfall ausweicht. „Wir werden in derselben Klasse zertifiziert wie ein Airbus A320“, sagt Hannes Hecher.

Die teure Lizenz

Bekommen die Drohnenbauer das Papier, können sie über völlig neue Geschäftsmodelle nachdenken. Großbauern könnten ihre Felder überfliegen lassen, genaue Daten über die Bewässerung oder Schädlingsbefall bekommen. Walddichte, Küstenverläufe, Pipelines – was alles möglich ist, weiß man bei Schiebel selber noch nicht so genau. Wenn Hannes Hecher daran denkt, lächelt er sanft. Er liest am liebsten die öffentlichen Studien, die den weltweiten Markt für zivile Drohnen mit mehreren Billionen Euro beziffern.


Credits: Schiebel

Doch zuerst muss er durch die Mühen der Ebene: Rund 20 Mal trafen seine Techniker allein im vergangenen Jahr auf die Beamten der European Aviation and Space Agency (EASA) in Köln. Es werden noch viele mehr werden. Schiebel ist der erste europäische Drohnenbauer, der sich an das langwierige Prozedere wagt. Bis man in der ganzen EU fliegen darf, werden noch Jahre vergehen. Dann bleibt die Frage, ob sich das auch jemand leisten will. 

Für den 230-Mitarbeiter-Betrieb bleibt der Prozess erstmal eine teure Investition, die aus dem Kerngeschäft finanziert werden muss: dem Verkauf an Militärs aus aller Welt. Erst vergangene Woche veranstalteten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die Unmanned Systems Exhibition and Conference (UMEX). Die weltweite Rüstungsindustrie kam nach Abu Dhabi und stellte aus, was sie zu bieten hatte: unbemannte Boote mit Maschinengewehren, automatische Mini-Panzer und den US-Drohnen-Klassiker Predator.

Auf der Website der größten Drohnen-Messe der Welt wurde mit dem Camcopter S-100 geworben, den sie hier Al-Sabr nennen, den Ausdauernden, den Geduldigen. Es ist jene Bauart Drohnen, die im vergangenen Jahr im Jemen abgestürzt sind. Die Emirate waren die ersten, die Schiebel-Geräte in großen Mengen kauften. Sie sind bis heute der wichtigste Kunde geblieben. Ziviler Markt hin, Abstürze über Kriegsgebiet her. Firmengründer Hans-Georg Schiebel hat mittlerweile sogar seinen Wohnsitz nach Abu Dhabi verlegt.