APA/HERBERT NEUBAUER

Randnotiz zur österreichischen Bonität

Unter den Blinden hat der Einäugige ein AAA-Rating

Meinung / von Lukas Sustala / 26.10.2015

Der Ruf von Ratingagenturen mag finanzkrisenbedingt ramponiert sein, doch das AAA ist noch immer so etwas wie der Goldstandard der Finanzwelt. Wer AAA-geratete Papiere als seine Schulden ausgibt, kann die Finanzmärkte wie einen Bankomat anzapfen, schnell und günstig.

Doch mit der US-Ratingagentur Moody’s könnte nun die letzte Ratingagentur der Republik Österreich diesen Goldstandard entziehen. Das AAA-Rating wurde von den Bonitätsprüfern mit einem negativen Ausblick versehen, könnte also in den kommenden Monaten gesenkt werden. Warum? „The key interrelated drivers for changing the outlook to negative are: 1. The likelihood that Austria’s economic growth outlook will remain weak through the remainder of this decade; and 2. The challenges that low growth will pose for a material reduction in the government’s relatively high debt burden over that period.

Der negative Ausblick muss jene wachrütteln, die den Reformbedarf in diesem Land nicht ernst genug nehmen.

Hans Jörg Schelling, Finanzminister

Moody’s warnt also davor, dass das Wirtschaftswachstum hierzulande niedrig bleibt und dass damit auch der Schuldenstand weniger rasch sinken wird als erhofft. Das ist nicht gerade komplexe Raketenwissenschaft. In der kurzen Analyse finden sich noch weitere Warnungen. Österreich rangiert im Ranking der Wettbewerbsfähigkeit (Global Competitiveness Survey) so niedrig wie kein anderes AAA-Land. Der Marktanteil an den globalen Exporten ist in den vergangenen sieben Jahren um ein Fünftel gefallen. Und der Ausblick für das langfristige Potenzialwachstum bleibt – wirtschaftspolitischer Lähmung sei Dank – deutlich niedriger als in anderen Ländern mit solider Bonität. Daran will Finanzminister Hans Jörg Schelling offenbar etwas ändern, wenn er den negativen Ausblick von Moody’s zum Anlass nimmt, um zu sagen: „Der negative Ausblick muss jene wachrütteln, die den Reformbedarf in diesem Land nicht ernst genug nehmen.“

Man könnte – und viele in Österreich werden – es aber auch mit dem Kabarettisten Gerry Seidl halten: „Im schlimmsten Fall is’ wurscht.“ Tatsächlich sorgen niedrigere Ratings nicht zwangsläufig für höhere Zinsen, gerade wenn die Zentralbanken ohne Unterlass Staatsanleihen kaufen. Dazu kann man mit Blick auf andere europäische Länder die Frage stellen: Wem wollen Investoren denn lieber ihr Geld leihen als Österreich? Etwa Portugal, Italien, Frankreich oder Finnland? Die große Wahl an ausgezeichneten Schuldnern gibt es nicht unbedingt und die Republik wird daher im Vergleich weiter ein gutes Rating haben.

Wie so oft stellt die Ratingagentur Moody’s erst mit großer Verspätung fest, was viele längst wussten: Der österreichische Wirtschaftsstandort ist nicht mehr AAA und das Wachstum reicht aktuell nicht, um von den hohen Schulden runterzukommen. Aber selbst wenn auch Moody’s, wie zuvor schon S&P und Fitch, den Daumen über Österreich senken sollte. Das Urteil von Ratingagenturen wiegt in Zeiten des billigen Geldes weniger schwer als jenes von Unternehmen und Investoren. Wer keine Standortdebatte führen will, sollte sich an den Stillstandort Österreich gewöhnen.


Zum Nachlesen:

Einschätzung von Moody’s inklusive Anmerkungen