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Auszeit

Urlaub im Paralleluniversum

von Lukas Sustala / 23.12.2015

Arbeit und Urlaub sind nicht mehr schwarz und weiß, unvereinbare Gegenpole ohne Verbindung. Wer Wissen anhäufen will, wird nicht gerade in der Urlaubszeit damit aufhören. Teil drei unserer Serie zum Urlaub.

Wenn man der Werbung glauben würde, dann wäre der Urlaub so etwas wie ein Paralleluniversum. In der einen Welt gibt es Stress, Termine, Verpflichtungen, in der anderen Ruhe, Entspannung, Müßiggang.

Wir wissen natürlich längst, dass es nicht so ist. Die beiden Universen sind instabil geworden und durchlässig. Das hat schon lange vor der Erfindung des Smartphones und der ständigen Erreich- und Abrufbarkeit angefangen und war nur logisch. Wer hart daran arbeitet, Karrieresprossen emporzuklettern und Wissen anzuhäufen, wird nicht ausgerechnet im Urlaub, wenn man mit sich selbst im Reinen sein sollte, von der Leiter absteigen.

Erfolgreich geurlaubt?

Der Urlaub ist dabei längst auch voll mit „Terminen“ und Zielen, solchen eben, die sich in den stressigen Zeiten unterm Jahr nicht oder kaum ausgehen. Das zeigt sich nicht nur an der intensiven Planung der Urlaubsdestinationen. Auch so manches Treffen, das dem langfristigen Netzwerken dient, wird wahrgenommen, dieses eine Managementbuch, das gerade alle lesen, durchgeschmökert, oder wieder einmal ein Blick auf die ewig langen Listen voller spannender Kurse und Fortbildungen der MOOC-Anbieter von Harvard bis MIT geworfen.

Und plötzlich kann man auch im Urlaub „erfolgreich“ sein, denn man bemüht sich, Listen abzuarbeiten und produktiv zu sein. Für die Selbstverwirklichungs- und Optimierungsjunkies ist der Urlaub fast so etwas wie die Hochzeit des Jahres, nicht der Stillstand. Wobei sich die Prioritäten mit dem Familienstand wohl kräftig verschieben.

Lesen, lesen, lesen

Bei mir geht es vor allem um Lesestoff. Übers Jahr sammeln sich bei mir Bücher, die ich in meinen mentalen und meinen cloud-basierten „Must-Read“-Speicher ablege. Das können auch Texte und Analysen sein, die mir im Gespräch als „das Einzige, was du zu dem Thema lesen musst“ empfohlen werden.

Ein gutes Jahr ist ein solches, in dem der Urlaub ausreicht, die Hälfte des Bücherspeichers abzuarbeiten. Und mit „Bücher“ meine ich vor allem Sachbücher. „Rise of the Robots“ etwa, eine großartige Analyse der fortschreitenden Automatisierung, die unsere Arbeitswelt künftig massiv verändern wird. Auch „Superforecasting: The Art and Science of Prediction“ liegt dieses Jahr auf dem Stapel. Zum Jahresende gehört auch das Ritual, nachzulesen, was die Genies auf Edge.org so publiziert haben oder die Topplatzierungen der FT Business Books durchzugehen. Denn meistens sind es ebendiese Bücher, die mit zeitlicher Verzögerung auch hier für Furore sorgen, und es ist nie schlecht, auf Furor vorbereitet zu sein.

Urlaub steht damit für die Erlaubnis, die Frequenz zu reduzieren. An der Richtung ändert sich nichts, es wird weiter am großen Projekt Selbst gearbeitet, nur eben ohne die unter der Woche übliche Gleitzeit, sondern vollzeit. Und natürlich mit ganz anderen Arbeitsumgebungen, auf einem Berg in Kärnten etwa oder an einem Strand im Mittelmeer. Am besten weit, weit weg, um sich besonders nah zu sein. Aber niemals, wirklich niemals, in einem Paralleluniversum.


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