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Aktienmarkt

US-Aktienmarkt: Ein Hoch ohne Euphorie

von Christiane Hanna Henkel / 12.07.2016

Amerikas Konzerne entwickeln sich relativ gut. Ob das aber rekordhohe Bewertungen an der Börse rechtfertigt, ist fraglich. Der jüngste S&P-500-Rekord löst gemischte Gefühle aus.

Der amerikanische Aktienmarkt hat gleich zu Wochenbeginn einen neuen Rekord aufstellen können: Der Standard-&-Poor’s-Index ging am Montag mit einem Stand von 2138 Punkten aus dem Handel. Damit brach der Index den zuvor im Mai vergangenen Jahres aufgestellten Rekord von 2130 Punkten. Der technologielastige Nasdaq Composite überschritt am Montag zeitweilig die 5000er-Marke, schloss dann aber bei einem Stand von 4989 Punkten und damit deutlich unter dem im Juli letzten Jahres erreichten Rekord von 5218 Punkten. Der Dow-Jones-Industrial-Index ging mit 18 227 Punkten aus dem Markt und ist damit nur noch wenige Punkte von seinem Rekordhoch bei Börsenschluss von 18 312 Punkten vom Mai 2015 entfernt.

Das im Frühjahr 2009 gestartete und nun gut siebenjährige Rally hat damit abermals zu einem Hoch geführt. Weitere Rekorde sind in Sichtweite, Euphorie aber ist an der Wall Street nicht zu spüren. Das hat zum einem mit der Qualität des Gewinnwachstums der amerikanischen Konzerne zu tun bzw. mit einem Ausbleiben desselben und zum anderen mit den Faktoren, die die Nachfrage nach Aktien begründen.

Seit dem Vorkrisenjahr 2006 bis 2015 haben Amerikas Konzerne den Gewinn je Aktie um 43% steigern können. Während dazu Amerikas moderates, aber doch seit der Finanzkrise stetiges Wirtschaftswachstum beigetragen hat, steht hinter dem imposanten Aufstieg auch einiges an Finanzarithmetik. So haben die Unternehmen eine Rekordsumme in Aktienkäufe gesteckt, somit die Anzahl der gehandelten Aktien stark verringert und den Gewinn je Aktie nach oben gedrückt. Hinzu kommt, dass das Gewinnwachstum eher aus Rationalisierungen denn aus Umsatzwachstum generiert wurde. Seit dem zweiten Quartal 2015 bildet sich der Gewinn je Aktie nun sogar zurück. Für das zweite Quartal 2016 wird in der in dieser Woche beginnenden Berichtssaison ein Rückgang von 6% (gemäss FactSet) erwartet. Das wäre das fünfte Quartal infolge, in dem der Gewinn je Aktie rückläufig ist. Das wohl neu geschöpfte Wort «Gewinnrezession» macht seit einiger Zeit die Runde.

Besonders stark dürfte die Energiebranche auf die Gewinnsituation von Corporate America gedrückt haben. Die diversen Informationsdienste gehen von einem Rückgang von rund 80% aus. Ohne den Energiesektor wäre für das zweite Quartal gemäss FactSet lediglich ein Rückgang des Gewinns je Aktie von 2% zu erwarten; das zeigt zumindest, dass es um Corporate America nicht so schlecht bestellt ist, wie es das Wort Gewinnrezession suggeriert.

Nach einer drastischen Revision der Analytiker-Prognosen für das zweite Quartal dürfte auch der Informationstechnologie-Sektor ein kräftiges Minus, nämlich 7%, ausweisen. Dahinter stecken vornehmlich die geringeren Erwartungen an den Quartalsgewinn von Apple. Mit stark wachsenden Gewinnen im zweiten Quartal dürften allerdings die Telekombranche (plus 8%) und der Bereich der langlebigen Konsumgüter (vor allem Internet-Handel, Autos und Waren für die Hausausstattung) mit einem Plus von 6% aufwarten können.

Für das dritte und vierte Quartal erwarten Marktbeobachter ein Wiederanziehen des Gewinns je Aktie und damit ein Ende der Gewinnrezession. Der Gewinn dürfte damit für das Gesamtjahr 2015 auf Vorjahresniveau zu stehen kommen. Für 2017 wird mit einem Plus von 14% (siehe Grafik) gerechnet. Doch es sieht so aus, als ob der Markt dieses Gewinnwachstum schon antizipiert hätte. Amerikanische Aktien jedenfalls sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV; bezogen auf die kommenden 12 Monate) von 16,6 recht hoch bewertet. Der Fünfjahresdurchschnitt etwa liegt bei 14,6 und der Zehnjahresdurchschnitt bei 14,3.

Auch die Betrachtung der Nachfrageseite führt kaum zu Euphorie, sondern es drängt sich eher der Spruch auf: Des einen Leid ist des anderen Freud. So ist die Geldpolitik in den USA weiterhin ultraexpansiv, und die hohe Liquidität drängt mangels Alternativen weiterhin in den Aktienmarkt. Was zwischen Asset-Klassen gilt, kann auch geografisch angewendet werden: Tatsächliche – oder womöglich in den USA verstärkt empfundene – Instabilitäten in Europa stärken nicht nur den Schweizer Franken und den US-Dollar, sondern eben auch den amerikanischen Aktienmarkt. Ein Auseinanderklaffen in der Wahrnehmung Europas und Amerikas durch die Investoren zeigt sich nicht zuletzt in dem seit langem zu beobachtenden Auseinanderdriften der jeweiligen Aktienmärkte (siehe Grafik).