AP Photo/Richard Drew

Risikokapital

US-Kleinanleger erhalten Zugang zu Start-ups

von Christiane Hanna Henkel / 20.05.2016

Dank eines neuen Gesetzes können in den USA nun Kleinanleger in Start-ups investieren.

Als der Betreiber des weltweit größten sozialen Netzwerkes, Facebook, im März 2014 für viele überraschend Oculus, den Spezialisten für virtuelle Realität, für zwei Milliarden Dollar kaufte, dürften in den Büros der großen Venture Capitalist im Silicon Valley die Champagnerkorken geknallt haben.

Branchengrößen wie Andreessen Horowitz waren schon früh beim Start-up Oculus eingestiegen und hatten das zunächst sehr futuristische Projekt von Brillen, über die der Nutzer in eine virtuelle Welt gelangen kann, finanziert. Mit dem Kauf durch Facebook hatten sie nun ihre ursprüngliche, im Jahr 2013 getätigte Investition vervielfacht und damit eine Rendite erzielt, von der die meisten Anleger nur träumen können.

Kleinanleger benachteiligt

Die vielen Technologiebegeisterten hingegen, die die zunächst völlig verrückt erscheinende Idee in der Anfangsphase im Jahr 2012 über Kickstarter – eine Internetplattform zur Projektfinanzierung – mittels Spenden im Umfang von 2,4 Millionen Dollar unterstützt hatten, gingen damals leer aus. Um Geld war es den meisten wohl sowieso nicht in erster Linie gegangen. Viele wollten neue Technologien unterstützen; einigen Spendern wurden gar Brillen im Entwicklungsstadium zugeschickt, und so konnten die Freaks dank ihrer Spende ihrem Hobby frönen. Der eine oder andere hätte aber gern schon in einem frühen Stadium Eigenkapital an dem Unternehmen erworben.

Kleinanlegern waren solche Investitionen aber bisher gesetzlich untersagt. In den USA durften nur sogenannte Accredited Investors in das derzeit boomende Risikokapital investieren und damit jene Anleger, die entweder über ein Jahreseinkommen von über 200.000 Dollar verfügen oder ein Vermögen von mindestens einer Million Dollar (ohne Eigenheim). Zudem führen solche Investitionen fast immer über Venture Capital Funds, die oft eine für Normalbürger sehr hohe Mindesteinlage fordern.

Das alles könnte sich nun ändern. Die gesetzlichen Grundlagen jedenfalls sind seit Anfang Woche da: Über bei der Börsenaufsicht SEC akkreditierte Plattformen können Kleininvestoren unter bestimmten Bedingungen Anteile an Jungunternehmen erwerben. Die Höhe der Investition ist dabei beschränkt.

Investoren, deren Einkommen oder Vermögen unter 100.000 Dollar liegt, dürfen innert eines Jahres maximal 2000 Dollar investieren. Liegt das Einkommen über 100.000 Dollar, beträgt die erlaubte Investitionssumme höchstens zehn Prozent des Einkommens, darf aber 100.000 Dollar nicht übersteigen. Die Jungunternehmen wiederum dürfen pro Jahr höchstens eine Million Dollar an Eigenkapital aufnehmen. Sie müssen ihre Bücher in Teilen offenlegen und ab einem gewissen Punkt diese auch beglaubigen lassen.

Kein Massenmarkt

Es ist derzeit nicht absehbar, wie groß dieser Markt für von Kleinstinvestoren getätigte Risikokapital-Investitionen sein wird. Offenbar haben sich bereits gut zwei Dutzend Plattformen bei der SEC registriert. Auf jeden Fall aber ist es positiv, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für dieses neue Segment im Venture-Capital-Bereich nun geschaffen und weitere Barrieren für Firmen und Investoren beseitigt worden sind. Ein Massenmarkt wird es wohl auf absehbare Zeit nicht werden.

Investoren gehen ein hohes Risiko ein; die meisten Jungunternehmen sind nicht erfolgreich. Auch muss sich der Investor intensiv mit einem Unternehmen auseinandersetzen, das oft bloß aus einer Idee besteht, noch keinen Umsatz erwirtschaftet und dessen Asset im Wesentlichen die Gründer sind.

Hinzu kommt, dass solche Anlagen nicht liquide sind. Ein Exit, also die Möglichkeit, die Investition in Geld umzuwandeln, wäre ein Börsengang oder eine Akquisition des Start-ups. Solche Ausstiegsmöglichkeiten, auf die Venture-Capitalists generell setzten, können aber Jahre entfernt liegen, wenn sie sich überhaupt je bieten. Und schließlich ist fraglich, wie groß die Nachfrage der Jungunternehmen nach Kapital tatsächlich ist. Der amerikanische Markt für Venture-Capital gehört zu den weltweit größten und am besten funktionierenden; Eigenkapital ist in der Regel für Startup nicht der Engpass.

Das Regelwerk geht zurück auf Teil III des im Nachzug der Finanzkrise und der folgenden Rezession vor vier Jahren verabschiedeten Gesetzes zur Förderung des Jungunternehmertums („Jumpstart Our Business Startups“ oder Jobs-Act). Die Börsenaufsicht hat es geschafft, in vier Jahren aus dem ursprünglich neun Seiten umfassenden Gesetz ein fast 700-seitiges Regelwerk zu kreieren.

Die Besorgnis um die Anleger, die bei dieser Art der Investition per se ein hohes Risiko eingehen, und das Streben, von den Finanzplattformen Geldwäscher und Betrüger fernzuhalten, haben einen Gesetzeskoloss entstehen lassen, der nun seine Praxistauglichkeit beweisen muss.

Die bisherige, spendenfinanzierte Projektvermittlung über Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo dürfte allerdings weiterhin florieren. Nicht jeder will das Risiko einer Eigenkapitalinvestition eingehen. Und ganz leer gehen die „Spender“ in der Regel ja nicht aus. Um sich etwa bei den Technologie-Freaks für ihre frühe Unterstützung zu bedanken, schenkt ihnen Oculus derzeit die nun in die Serienproduktion gelangte Hochtechnologie-Brille.