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Nach Karimows Tod

Usbekistan zwischen Ende und Anfang

von Benjamin Triebe / 06.09.2016

Islam Karimow stellte Kontrolle über Fortschritt und liess Usbekistan in Armut verharren. Er hinterlässt eine Volkswirtschaft in Isolationshaft. Jetzt ist die Chance für Reformen da. Theoretisch.

Usbekistan erlebt eine Zäsur. Nach dem Tod des Autokraten Islam Karimow steht dem zentralasiatischen Land erstmals seit 27 Jahren ein Machtwechsel bevor. Der an einer Hirnblutung gestorbene Karimow wurde am Wochenende in seiner Heimatstadt Samarkand beigesetzt; ein Nachfolger ist noch nicht benannt. Wer immer es sein wird, er steht vor grossen Aufgaben: Usbekistan benötigt nicht nur in politischer und ökonomischer Hinsicht dringend Veränderungen. Karimows Kontrollwahn hat eine Volkswirtschaft hervorgebracht, die weitgehend staatlich dirigiert wird und so isoliert ist wie wenige andere.

Usbekistan und Liechtenstein sind die einzigen doppelten Binnenstaaten der Erde. Ein Reisender muss von ihnen aus mindestens zwei Grenzen überqueren, bis er das offene Meer erreichen kann. Doch während Liechtenstein eng mit der internationalen Handels- und Finanzwelt verknüpft ist, hat sich die usbekische Regierung zusätzlich zur geografischen Abgeschlossenheit noch selber eingekapselt und stützt das Land vor allem auf zwei Faktoren: den Export von Rohstoffen und Rücküberweisungen der Gastarbeiter im Ausland.

Reich an Rohstoffen

Usbekistan ist reich an Gold, Baumwolle und Erdgas; es ist der drittgrösste Gasproduzent im eurasischen Raum hinter Russland und Turkmenistan. Mit dem Zerfall der Energiepreise sind die Erlöse allerdings gesunken. Der Anstieg des Bruttoinlandprodukts, wenn man den Zahlen trauen will, scheint dennoch in Stein gemeisselt. Seit 2013 wächst es jährlich um rund 8% und soll auch im ersten Halbjahr 2016 in diesem Ausmass zugelegt haben. Ausländische Experten gehen jedoch von einer geringeren Zunahme aus – und die Usbeken haben sowieso wenig von dem Wachstum.

Mit 32 Mio. Einwohnern ist Usbekistan das bevölkerungsreichste Land in Zentralasien, doch die wenig entwickelte Wirtschaft treibt zahlreiche Arbeiter ins Ausland, vor allem nach Russland. Schätzungen gingen dort von zwischen 2 Mio. und 3 Mio. usbekischen Immigranten aus. Doch der Zerfall der Öl- und Gaspreise hat auch Russland schwer getroffen: 2012 überwiesen Gastarbeiter aus Russland laut der Zentralbank 5,7 Mrd. $ nach Usbekistan, über ein Zehntel der usbekischen Wirtschaftsleistung. Im ersten Quartal 2016 waren es 378 Mio. $. Nicht wenige Usbeken sind inzwischen in die Heimat zurückgekehrt; in Russland registriert waren im April knapp 1,8 Mio. von ihnen.

In Usbekistan erwarten die Rückkehrer prekäre Verhältnisse; das Land zählt zu den ärmsten im ehemals sowjetischen Raum. Die niedrige Entwicklung zeigt sich auch in der Baumwollwirtschaft, die dort im Gegensatz zu anderen Ländern stark auf Handarbeit beruht. Bei der Ernte mussten laut Weltbank im Jahr 2014 geschätzte 3 Mio. Personen mithelfen, viele zwangsrekrutiert auf Geheiss der Behörden. Menschenrechtler kritisieren neben vielen weiteren Missständen auch den Einsatz von Kindern bei der Ernte. Erst langsam wird die Branche mechanisiert, was mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten aber das Einkommen mancher Landarbeiter gefährdet.

Zur Unterentwicklung der Wirtschaft trägt der Mangel an Investitionen bei. Wegen der strengen Regulierung und der stark verbreiteten Korruption ist Usbekistan für ausländische Firmen schwer zu erschliessen. Der Druck auf den gesteuerten Kurs der Landeswährung Som führt zu einer grossen Kluft zwischen offiziellem Wert und Schwarzmarktkurs. Kapitalverkehrskontrollen erschweren den Abzug von Gewinnen. Der russische Erdgasriese Gazprom, der Erdölkonzern Lukoil und die chinesische CNPC sind die grössten und fast einzigen nennenswerten ausländischen Partner. Wie schwierig es werden kann, haben die russischen Mobilfunkanbieter MTS und Vimpelcom erfahren. Bei deren usbekischen Töchtern wurden grosse Korruptionssysteme aufgedeckt; MTS hat sich inzwischen aus dem Land zurückgezogen.

Festhalten am Sonderweg?

Der Autokrat Karimow hat darauf geachtet, sich nicht zu eng an Russland zu binden. Usbekistan ist nie der von Moskau geführten Eurasischen Wirtschaftsunion beigetreten. Jüngst hat China zwar Russland etwas den Rang abgelaufen und ist zum wichtigsten Handels- und Investitionspartner Usbekistans aufgestiegen. Daraus auf eine enge Annäherung von Taschkent an Peking zu schliessen, wäre aber voreilig. Analytiker erwarten vom neuen Präsidenten, der möglicherweise der derzeitige Ministerpräsident Schawkat Mirsijojew sein wird, eine Fortführung des Sonderwegs. Auch schnelle Wirtschaftsreformen wären eine Überraschung.