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Venezuela: So stirbt ein Land

von Sandra Weiss / 21.08.2016

Die Gesundheitsfürsorge sollte das Aushängeschild des Sozialismus in Venezuela sein. Stattdessen steigt die Kindersterblichkeit stark an, berichtet Sandra Weiss aus Caracas.

Um sieben Uhr früh ist die Schlange bereits lang vor dem Lift im Kinderspital J. M. de los Ríos im Stadtzentrum von Caracas. Es ist der einzige von dreien, der funktioniert. Daneben stapeln sich Paletten und Bauschutt. Der 60 Jahre alte Klinkerbau hätte längst von Grund auf saniert werden müssen, doch nicht einmal die Wartung ist gewährleistet. Die Spitalapotheke wurde beim Bruch eines Abwasserrohrs überschwemmt. Auf der Station für Nierenkranke steht unter der leckenden Klimaanlage ein Plasticeimer. Von 420 Betten können nur noch 120 benutzt werden. Sieben von neun Operationssälen sind mit Bakterien kontaminiert. Ein ganzer Flügel musste wegen Schimmel geschlossen werden.

Auf der Krebsstation wartet Edwin Barrios. Der Angestellte eines Supermarkts ist um 3 Uhr früh mit dem Bus im 125 Kilometer entfernten Maracay aufgebrochen. Sein sechs Jahre alter Sohn Moisés wurde vor einem Jahr wegen eines Gehirntumors operiert und muss nun regelmäßig zur Kontrolle. „Die Ärzte hier sind wunderbar, aber Medizin gibt es nur noch auf dem Schwarzmarkt“, klagt Barrios. Das sei teuer. Er verdient 30.000 Bolívares im Monat, umgerechnet zum Schwarzmarktkurs 29 Franken. „Wir vollbringen Wunder“, sagt er lächelnd auf die Frage, wie er die Familie über die Runden bringt. Es gibt nur noch zwei Mahlzeiten am Tag, kaum Fleisch.

Dayana Palacios mit ihrem Sohn Abraham (Mitte) und einem weiteren Kind. (Caracas, 26. 7. 2016)
Credits: Sandra Weiss

Auch der nierenkranke Abraham ernährt sich nur von Reis und Bohnen. Zweimal die Woche muss er zur Dialyse. Die Arbeitstage fehlen seiner Mutter Dayana Palacios, die Putzfrau ist. Abraham benötigt eine Spenderniere, doch die Warteliste ist lang, das Spenderprogramm funktioniert nicht mehr. „Früher transplantierten wir hier zwei Nieren wöchentlich“, erzählt der Nephrologe Huniades Urbina. „Jetzt höchstens noch eine im Monat.“

Presse nicht erwünscht

Das J. M. de los Ríos war einst eine Referenz in ganz Lateinamerika. Schon vor 40 Jahren gab es hier die erste Schule für Langzeit-patienten und die modernsten Geräte. Doch nach 17 Jahren Sozialismus ist nicht viel mehr übrig als der gute Ruf – und das Personal, das verzweifelt versucht, gegen den Kollaps anzukämpfen. Zum Beispiel Urbina. Er war 2012 Direktor, wurde aber abgesetzt, nachdem er die hanebüchenen Zustände angeprangert hatte. „Wir haben Milliarden aus dem Erdölverkauf eingenommen, und hier sterben uns die Patienten weg“, klagt Urbina, der die Korrespondentin der „NZZ am Sonntag“ auf Umwegen ins Hospital schleust. Medien ist der Zugang zu den Spitälern verboten. Am Eingang steht die Nationalgarde Wache. Auch die Krankenstationen sind zum ideologischen Schlachtfeld geworden. Das von der bürgerlichen Opposition kontrollierte Parlament ließ kürzlich den sanitären Notstand ausrufen, um humanitäre Hilfslieferungen zu ermöglichen. Davon könne keine Rede sein, erklärte die sozialistische Außenministerin Delcy Rodríguez kategorisch. Die regierungsnahe Justiz annullierte den Parlamentsbeschluss.

Die Gesundheitsfürsorge sollte das Paradebeispiel des Sozialismus sein. Der 2013 verstorbene Präsident Hugo Chávez holte kubanische Ärzte ins Land, ließ das Recht auf Gesundheit in der Verfassung festschreiben und investierte 8 Prozent des Haushalts ins Gesundheitswesen. Er hatte zunächst Erfolg: Die kubanischen Gesundheitsposten in den Armenvierteln zementierten seine Popularität. Die Kindersterblichkeit sank 2005 auf ein historisches Tief von 13 pro 1000 Lebendgeburten. Doch der hohe Erdölpreis verschleierte die Ineffizienz eines Systems, das auf Verstaatlichungen, Devisen- und Preiskontrollen setzte. Der Preisverfall traf Chávez’ Nachfolger Nicolás Maduro unvorbereitet. Dem Staat geht das Geld für Importe von Medizin, Nahrungsmitteln und Apparaten aus. Das wenige, was ins Land kommt, wird auf den Schwarzmarkt abgezweigt.

Es geht rapide abwärts. Die Kindersterblichkeit stieg wieder auf 17,6 pro 1000. Die Zahlen stammen aus Erhebungen der Ärztekammer, offizielle Statistiken malen ein rosigeres Bild. Impfstoffe sind rar, ebenso Verhütungsmittel und Antibiotika. Epidemien wie Malaria breiten sich rasant aus. Dabei war Venezuela das erste Land weltweit, dessen Städte 1961 als malariafrei zertifiziert wurden.

„Schau dir das an!“, klagt Urbina und zeigt auf der Intensivstation auf die mit Klebeband befestigten Schläuche. Im Bett liegt ein winziges, einen Monat altes Baby. Die Bettwäsche hat ihre Mutter mitgebracht, eine schüchterne 19-Jährige, die bereits zum zweiten Mal Mutter wurde. Ihre Tochter wurde mit einem offenen Rücken geboren. Bei der Operation infizierte sich das Baby und erlitt eine Hirnhautentzündung. Die Flüssigkeit aus dem Gehirn wird in einen Plasticbeutel abgeleitet, der nicht dafür gedacht ist.

„Im Endstadium“

Die ständige Improvisation ist eine Gratwanderung. Die Ärzte fürchten, vor Gericht gezerrt zu werden, wenn etwas schiefgeht. Viele haben das Land verlassen. Am J. M. de los Ríos sind von einst 38 Anästhesisten noch 5 übrig. Auch in der Spitalapotheke herrscht Leere: „80 Prozent aller Medikamente fehlen“, sagt Leiterin Margaret Tarchetti. Einst war Venezuela der drittgrößte pharmazeutische Markt Lateinamerikas. Doch von 146 Labors funktionieren heute nur noch 46. Bruderländer wie China oder Kuba sprangen mit Lieferungen ein, doch auch deren Geduld hat ein Ende. Insgesamt schuldet der venezolanische Staat den Pharma-Lieferanten über 6 Milliarden Dollar. „Seit 2013 importieren wir nur noch 10 Prozent des Bedarfs“, klagt der ehemalige Gesundheitsminister Felix Oletta.

In der Universitätsklinik werden statt 500 Herzoperationen im Jahr nur noch 10 durchgeführt. Vor zwei Monaten wurde der letzte Herzschrittmacher implantiert. Oletta schätzt, dass derzeit 400.000 Venezolaner auf eine Operation warten. Sein Fazit: „Unser Gesundheitssystem befindet sich im Endstadium.“