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Analyse

Vergessen Sie die Steuerreform. Billiges Öl ist viel besser

von Lukas Sustala / 14.12.2015

Öl ist so günstig wie seit Jahren nicht mehr. Wir haben sieben Folgen des Ölpreis-Zerfalls für Österreich zusammengetragen. Dabei zeigt sich: Günstiges Öl ist besser als jede Steuerreform. Weil es ohne „Gegenfinanzierung“ auskommt.

Der Ölpreis ist vergangene Woche um zehn Prozent abgeschmiert. Am Freitag kostete ein Fass der Marke Western Texas Intermediate 36 Dollar. Die für Europa wichtige Marke Brent ist mit 38 Dollar heute noch ein bisschen teurer.

Der Preis für das schwarze Gold ist so niedrig wie lange nicht. In Euro gerechnet kostet ein Fass mit 159 Litern Rohöl aktuell 36 Euro. So günstig war es zuletzt im März 2009, als die Finanzkrise die Wirtschaft noch voll im Griff hatte und der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman den österreichischen Staatsbankrott prognostizierte. Heute sind die Ölpreise weniger Ausdruck des finanziellen Systeminfarkts, sondern des Überangebots.

Doch wie wirkt diese neue Situation auf die österreichische Wirtschaft? Ein Überblick über die Kostenersparnisse für Konsumenten und Unternehmen, die Handelsbilanz, Österreichs Energieunternehmen, den freudlosen Finanzminister und die Investoren.

Wie eine Steuersenkung

Der Ölpreiszerfall hat ökonomisch einen ähnlichen Effekt wie eine Steuersenkung. Haushalte (und Unternehmen) müssen weniger für Energie ausgeben, ihnen bleibt also sonst mehr Geld im Börsel. Laut der Konsumerhebung der Statistik Austria haben die privaten Haushalte 2014 fast 171 Milliarden Euro konsumiert. Rund ein Zehntel geben die Österreicher für Energie aus, deren Preis oft genug direkt am Ölpreis hängt. Im harmonisierten Verbraucherpreisindex fallen die Posten für Energie mit 4,5 Prozent für den Haushalt und 3,5 Prozent fürs Tanken ins Gewicht. Das macht zusammen bereits knapp 14 Milliarden Euro an Ausgaben. Alleine an der Zapfsäule dürften sich die österreichischen Autofahrer dieses Jahr eine Milliarde Euro ersparen. Diesel etwa ist bereits 30 Cent billiger als 2014, Eurosuper immerhin 27 Cent.

Insgesamt, so hat der RBI-Ökonom Peter Brezinschek geschätzt, kommt man bei einer Entlastung der Energiekosten um knapp 15 Prozent bereits auf 2,6 Milliarden Euro weniger Ausgaben für die privaten Haushalte. Doch die Schätzung basiert noch auf Daten vom Frühjahr. Der jüngste Rutsch auf dem Ölmarkt könnte aber noch einmal knapp zehn Prozentpunkte an Entlastung bringen, was insgesamt zu einer Entlastung von knapp vier Milliarden Euro führen dürfte. Die Entlastung der Steuerreform, die ab 1.1.2015 gilt, kommt brutto (also ohne Gegenfinanzierung) auf 5,2 Milliarden Euro.

Der Ölpreisrutsch ist sogar nachhaltiger als die Steuerreform. Denn er wird nicht über den Umweg von höheren Dividendensteuern oder Registrierkassen gezahlt. Die fallen beim billigen Ölpreis weg. „Im Prinzip ist es eine zweite Steuerreform, die von den Saudis finanziert wird“, betont Brezinschek. Schließlich ist die Ölförderpolitik des arabischen Landes mitverantwortlich für den Kollaps des Ölpreises und damit die Ersparnisse der Konsumenten. Das in Europa so umstrittene Fracking der USA trägt sein Übriges zu den niedrigen Preisen bei.


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Auch Unternehmen sparen

In der Rechnung fehlten aber bis dato noch die Unternehmen. Auch sie verwenden viel Energie, im Speditions- und Transportgewerbe fürs Tanken, bei Industrieunternehmen für energieintensive Produktion. Die österreichische Wirtschaft darf mit einer Entlastung von knapp einer Milliarde Euro rechnen, erwartet Brezinschek. Wobei die Entlastung natürlich sehr ungleich verteilt ist. Unternehmen aus sehr energieintensiven Branchen wie der Stahlproduzent voestalpine profitieren überdurchschnittlich, Dienstleistungsunternehmen deutlich weniger.

Österreich importiert weniger

Auch wenn die Exportwirtschaft gerade ein bisschen stockt wegen der schwächeren globalen Entwicklung. Der Ölpreisschock wird sich positiv auf die österreichische Leistungsbilanz auswirken. Denn gerade im Energiesektor ist Österreich Nettoimporteur, bezieht also mehr Güter aus dem Ausland, als es ausführt. Laut Statistik werden knapp neun Milliarden Euro an Öl- und Ölprodukten importiert, weitere 2,6 Milliarden Euro an Erdgas. Bereits von 2013 bis 2014 ersparte sich Österreich Importe von knapp 1,7 Milliarden Euro. Wertmäßig könnte es dieses Jahr weiter nach unten gehen.

Warum es den Finanzminister nicht nur freut

Weniger zu lachen hat wegen des billigen Öls hingegen der Finanzminister. Zwar ist die Mineralölsteuer eine Mengensteuer, hier sind also keine Ausfälle zu erwarten. Aber bei der Mehrwertsteuer bringt der deutlich niedrigere Ölpreis eben dann doch Ausfälle. Allgemein profitiert der Staat von Phasen mit einer positiven Inflationsrate, weil die Umsatzsteuer dann in einem kontinuierlichen Ausmaß steigt.

Dazu kommt noch, dass wesentliche Staatsbeteiligungen wie die OMV stark vom Ölpreisverfall getroffen wurden. An dem Öl- und Gaskonzern hält die Republik 31,5 Prozent.

Energieunternehmen unter Druck


Credits: REUTERS/Heinz-Peter Bader

Und die Öl-Unternehmen sind unter einem enormen Druck, wie der Marktwert der OMV zeigt. Während Energieverbraucher und Konsumenten viel durch das billigere Öl gewonnen haben, war für die OMV nach massiven Abschreibungen dieses Jahr ein höchst schwieriges. Wie auch andere international tätige Ölkonzerne hat die OMV Investitionsprojekte auf Eis gelegt und bestehende Investitionen wertberichtigt. Das Ergebnis: Das Schwergewicht im österreichischen Aktienindex ATX hat an Marktwert eingebüßt und im dritten Quartal einen kräftigen Verlust geschrieben. Aber alle Unternehmen im Energiebereich sind einem hohen Druck ausgesetzt, ob nun der Versorger Verbund oder der Ölfeldausrüster Schoeller-Bleckmann. Dass der Staat gerade bei strategisch wichtigen Energieunternehmen wie den Versorgern und der OMV so stark beteiligt ist, ist aktuell dabei eine zusätzliche Herausforderung.

Erneuerbare Energien mit billiger Konkurrenz?

Es klingt angesichts des aktuellen Klimagipfels in Paris geradezu nach besonders schlechtem Timing. Öl ist plötzlich so billig, dass es die Produzenten von erneuerbaren Energien das Leben schwer macht. Doch ein Blick auf die Daten zeigt, dass der Ölpreisschock die Erneuerbaren noch nicht so wirklich so getroffen hat. Das liegt laut einem aktuellen McKinsey-Bericht auch an den unterschiedlichen Märkten, an die sich Öl und Solar, Wasserkraft oder Biomasse richten: „Oil accounts for less than 1 percent of power generation in the United States and Canada, for example, and not much more in Europe. Globally, the figure is around 5 percent. Renewables, in contrast, are used mostly to create electricity.“ Öl hingegen wird für den Transport genutzt und hier könnte es tatsächlich schwerer für E-Autos oder andere Alternativen werden, wenn der Ölpreis so niedrig steht. Bei erneuerbaren Energie kommt natürlich auch der Faktor Staat hinzu, der mit Förderungen und Anforderungen für Nachfrage sorgt, selbst wenn die preisliche Wettbewerbsfähigkeit nicht immer gegeben ist.

Die Investoren des Ölreichtums

Eine Unsicherheit besteht aber noch: Wenn Saudi-Arabien und andere Erdölexporteure weniger verdienen, was passiert dann mit den Kapitalmärkten in Europa und den USA? Das mag nach einer seltsamen Frage klingen, aber die hohen Überschüsse aus dem Ölgeschäft im Mittleren Osten sind in den vergangenen Jahren oft an den Kapitalmärkten im Westen „recycelt“ worden. Staatsfonds aus dem Nahen Osten und Asien etwa haben österreichische Bundesanleihen oder deutsche und britische Bankaktien gekauft. Nun, da erstmals die prall gefüllten Staatsfonds Saudi-Arabiens und Katars abschmelzen, werden auch einige Investments verkauft. Gemessen an den ausländischen Direktinvestitionen haben vor allem die Vereinigten Arabische Emirate über ihren Ölfonds IPIC in Österreich, genauer gesagt die OMV, investiert. Auch Rohstoffexporteur Russland war bis zuletzt ein wichtiger Investor. Jedenfalls werden die Investitionen der ölreichen Länder künftig weniger kräftig sprudeln können.