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Börsenboom trotz schwacher Wirtschaft

Verkehrte Welt in Lateinamerika

von Alexander Busch / 03.05.2016

Lateinamerikas Aktien und Anleihen sind bei Finanzinvestoren seit Monaten gefragt. Diese hoffen auf die wirtschaftliche und politische Wende. Die Frage ist, ob sie auch kommt.

Nach jahrelanger Stagnation sind die Finanzmärkte Lateinamerikas wieder in Bewegung gekommen. Die positive Entwicklung bei Aktien, Bonds und Währungen überrascht: Die Indizes in Peru (39 Prozent), Brasilien (24 Prozent) und Argentinien (18 Prozent) erlebten dieses Jahr bisher die weltweit höchsten Zuwächse, auch in Chile (9 Prozent) und Mexiko (6 Prozent) ging es nach oben. Gleichzeitig sind die Zinsaufschläge auf brasilianische Anleihen um ein Drittel gesunken.

Wirtschaft noch schwach

Argentinien, welches 15 Jahre von den internationalen Finanzmärkten verbannt war, konnte in den vergangenen Wochen neue Bonds ausgeben. Die Rendite zehnjähriger Papiere liegt bei 7,2 Prozent, nur 1,6 Prozentpunkte über dem Niveau Brasiliens. Auch Lateinamerikas Währungen legen zu. Der Dollar hat gegen den Peso in Kolumbien (–10 Prozent) und den Real (–13 Prozent) seit Januar stark nachgegeben.

Die gute Stimmung erstaunt angesichts der wirtschaftlichen Realität auf dem Kontinent. Denn einigen Ländern geht es ökonomisch so schlecht wie schon lange nicht mehr. Während Venezuelas Wirtschaft schon seit drei Jahren schrumpft und auf eine Inflation von 1.000 Prozent zusteuert, erlebt auch Brasilien die längste Rezession seit hundert Jahren.

Insgesamt werden die sieben größten Länder Lateinamerikas dieses Jahr um ein Prozent schrumpfen, wie die Investmentbank Morgan Stanley prognostiziert. Auf den zweiten Blick fallen die Gewinne an den Finanzmärkten nicht mehr so positiv aus, wie es scheint. Betrachtet man sie in Dollars und über einen längeren Zeitraum, so haben zwar fast alle Währungen Lateinamerikas in diesem Jahr zugelegt. Aber bisher konnte keine die Verluste des letzten Jahres wettmachen. Der Real liegt zum Dollar immer noch rund ein Drittel unter dem Vorjahreswert. Das neutralisiert die Börsengewinne für Anleger, die in Dollars rechnen. An der Börse in Buenos Aires mussten Dollarinvestoren innert Jahresfrist einen Verlust von 50Prozent verzeichnen.

Optimistische Anleger

Dennoch findet derzeit ein Stimmungswandel statt. Die Anleger investieren mehr Geld in lateinamerikanische Aktiva, als sie abziehen. Das liegt an den weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit hoher Liquidität und niedrigen Zinsen, welche profitable, aber risikoreiche Anlagen verlockend machen. Aber es gibt auch lokale Faktoren. Die steigenden Kurse nähmen eine Verbesserung der Wirtschaft vorweg, beobachtet Mário Mesquita, Ex-Zentralbankdirektor aus Brasilien. Die Anleger setzten derzeit ihre Hoffnungen darauf, dass das Schlimmste vorbei sei.

Tatsächlich scheint bei vielen für Südamerikas Wachstum wichtigen Rohstoffen die Talsohle bei den Preisen erreicht. Betrachtet man die Morgan-Stanley-Prognosen für 2017, dann verbessern sich im nächsten Jahr Indikatoren wie Wachstum, Inflation, Handels-, Leistungs- und Haushaltsbilanzen quer durch die Region. Ein anderer Grund für den Optimismus ist der politische Wandel in der Region. Die Südamerikaner wählen Regierungen ab, die sich als unfähig erwiesen haben, auf das Ende des Rohstoffbooms zu reagieren. Die Investoren seien wegen des politischen Szenarios weitaus positiver gestimmt als vor sechs Monaten, urteilt Hans Lin, Chef der Bank of America / Merrill Lynch in Brasilien.

So legte die Börse in São Paulo in zwei Monaten um rund 30 Prozent zu, weil die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff immer wahrscheinlicher wird. Diese hat mit ihren katastrophalen Entscheidungen die Wirtschaft in die Krise manövriert – und vom wahrscheinlichen Nachfolger versprechen sich viele Brasilianer die Reformen, die Unternehmen, Konsumenten und Anleger wieder Vertrauen fassen lassen könnten. Vor allem die Aktien von Unternehmen der Branchen Energie, Infrastruktur und Logistik sowie Staatskonzernen sind begehrt.

Die Investoren gehen davon aus, dass der Nachfolger von Präsidentin Dilma Rousseff Ausschreibungen für die Infrastruktur vorantreiben und die Gängelung der Staatskonzerne beenden wird.

Auch in Argentinien hat der Präsidentenwechsel nach den zwei Amtszeiten unter der wirtschaftsfeindlichen Präsidentin Fernández de Kirchner Wunder bewirkt. Der neue Präsident Mauricio Macri hat in wenigen Monaten mit beherzten Entscheidungen für die Wirtschaft einen profunden Stimmungswechsel herbeigeführt. In Peru legte die Börse deutlich zu, nachdem im ersten Wahldurchgang absehbar geworden war, dass nicht die linke Kandidatin in die Stichwahlen einziehen würde, sondern zwei wirtschaftsfreundliche Politiker.

Reformbedarf nicht gestillt

Dennoch sind die Investmentbanken sich nicht einig, ob der Zufluss an ausländischem Kapital bereits eine Trendwende darstellt und anhalten wird. Für die UBS etwa profitieren Lateinamerikas Volkswirtschaften vor allem wegen der aufgeschobenen Zinserhöhung in den USA von den Kapitalzuflüssen. Die Regierungen müssten jedoch mit Reformen dafür sorgen, dass die Erholung ihrer Währungen nachhaltig bleibe, heißt es bei der Schweizer Großbank. Private-Equity-Fonds wie die Carlyle Group wollen erst dann wieder in Ländern wie Brasilien oder Argentinien neu investieren, wenn sich die politischen Verhältnisse tatsächlich stabilisiert haben.