alegermino/flickr

Fifa-Skandal

Verrat am Fußball

von Peter B. Birrer / 04.06.2016

Exorbitant hohe Bonuszahlungen in der früheren Fifa-Chefetage werfen einen immer längeren Schatten über Joseph Blatter. Er hat die Selbstbedienung nicht nur geduldet, sondern auch selber genutzt.

Eine Woche vor dem EM-Eröffnungsspiel in Paris reibt sich die Fußballwelt erneut die Augen. Im Zentrum der Debatte stehen nicht strittige Regeländerungen oder ein mögliches Tor des Jahrhunderts in einem Vorbereitungsspiel. Nein, man erhält den nächsten, tiefen Einblick in die Welt von Funktionären, die sich von der Realität abgekoppelt hat. Im Fifa-Finanzbericht 2015 sind die Jahreslöhne des früheren Präsidenten Joseph Blatter und des früheren Generalsekretärs Jérôme Valcke fein säuberlich ausgewiesen: 3,63 Millionen Schweizer Franken für Blatter, deren 2,12 für Valcke. Man denkt zuerst: Das ist beachtlich. Und man schwächt alsbald ab: In anderen Branchen verdienen Kaderleute ja auch nicht schlecht.

Was die amerikanische Anwaltskanzlei, welche die Fifa durchleuchtet, nun publik gemacht hat, sprengt aber jeden Rahmen. So schoben sich Blatter, Valcke und der frühere Finanzchef Markus Kattner in wenigen Jahren Vergütungen von 79 Millionen Franken zu. Dazu ein Beispiel: Im Dezember 2010 erhielt Blatter 11 Millionen, Valcke deren 9 und Kattner deren 3 – retroaktiv als Boni für die Weltmeisterschaft, die ein halbes Jahr zuvor in Südafrika ausgetragen worden war. Die Anwaltskanzlei ist auf keine Vertragsinhalte gestoßen, die auf solche zusätzlichen Vergütungen hinweisen. Die Boni wurden einzig fällig, weil die WM stattgefunden hatte. Andere Millionenzahlungen wurden nur getätigt, weil der Confederations Cup, das Testturnier jeweils ein Jahr vor der WM, ausgetragen worden war.

Über die Höhe von Boni kann man geteilter Meinung sein, zumal eine Fußball-WM Einnahmen in Milliardenhöhe bedeutet. Was ist Usus? Was ist übertrieben? Die Fifa-Funktionäre sind besonders in die Kritik geraten, weil die Fifa kein börsenkotiertes Unternehmen ist. Sie generiert dank Marketing- und Fernsehrechten Milliarden, setzt WM-Gastgeber steuerrechtlich unter extremen Druck und hat das viele Geld dem Fußball zurückzugeben. So legitimiert sie sich selbst. Blatter hat stets darauf hingewiesen, dass er für den „Füeßball“ unterwegs sei. Diese Worte klingen jetzt wie ein Hohn. Auch im inneren Fifa-Zirkel rechnete man zwar mit viel, aber nicht mit solchen Beträgen. Gemäß einer 2011 unterzeichneten Vereinbarung wurde 2013 ein 12-Millionen-Bonus für Blatter fällig – wegen der WM 2014 in Brasilien. Einfach so.

Solche Zahlen werfen einen immer längeren Schatten auf den langjährigen Fifa-Chef Blatter, der das raffinierte System der Selbstbedienung nicht nur geduldet, sondern auch selber genutzt hat. Ob das alles von strafrechtlicher Relevanz ist, wird die Zukunft weisen. Die Anwaltskanzlei suggeriert das zumindest. Moralisch ist das Verhalten der Funktionärskaste auf jeden Fall stoßend. Es erinnert an die abgehobenen und folgenschweren Zeiten in der Bankenwelt vor zehn Jahren. Es scheint, als leide die mit Geld vollgepumpte Organisation des internationalen Fußballs auf dem Zürichberg noch immer unter Realitätsverlust.

Fußballliebhaber fragen sich, was wohl noch alles ans Tageslicht gezerrt werden muss. Ab dem 10. Juni ergötzt sich die Fußballwelt an der Euro in Frankreich. Organisatorin des Milliarden-Turniers ist die Uefa, die steinreiche europäische Konföderation der Fifa. Kaum etwas gibt einem das Vertrauen, dass es da ganz anders läuft.