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Paradoxer Arbeitsmarkt

Viele offene Stellen, noch viel mehr Arbeitslose: Wie passt das zusammen?

von Lukas Sustala / 08.08.2016

Warum können zehntausende Jobs nicht besetzt werden, wenn doch hunderttausende Menschen in Österreich arbeitslos sind? Die Frage klingt banal, ist aber gar nicht so einfach zu beantworten. Eine Spurensuche.

Es scheint etwas faul im Staate Österreich.

Es ist eine der zentralen Fragen, die immer wieder kommen, wenn die Misere auf dem österreichischen Arbeitsmarkt zur Sprache kommt. Warum können offenbar ganz normale Jobs trotz Rekordarbeitslosigkeit nicht besetzt werden? Sind „die Arbeitslosen“ zu faul? Oder zu unqualifiziert?

Es gibt immer Arbeitslose

Um es kurz zu sagen: Nein.

Aber die Fragen, die am Stammtisch nach der Faulheit gestellt werden, sind aktuell wirtschaftspolitische Gretchenfragen. Ist die Arbeitslosigkeit in Österreich rein zyklisch? Oder doch strukturell? Anders gefragt: Muss die Wirtschaft nur ein bisschen stärker wachsen, und das Problem der Arbeitslosigkeit löst sich schnell in Luft auf? Oder gibt es ein tiefergreifendes Problem in Österreich?

Anekdoten wie jene von Christoph Kotanko legen nahe, dass es sich um strukturelle Arbeitslosigkeit handelt. Unternehmen würden mehr Menschen einstellen, wenn es nur mehr passende Bewerber gäbe. Demnach scheitert die Einstellung von arbeitslosen oder erwerbslosen Menschen etwa an laxen Zumutbarkeitskriterien.

Tatsächlich können diese wohl einen Teil des Phänomens erklären. Doch sicherlich nicht das gesamte, wie AMS-Vorstand Johannes Kopf in einer ausführlichen Replik auf Facebook erklärt. Er betont, dass man sich den Arbeitsmarkt nicht statisch vorstellen darf. Die aktuell 44.000 Jobs, die von Unternehmen besetzt werden sollen, sind in einem Monat zu 70 Prozent schon besetzt, und neue Stellen werden ausgeschrieben. Auf dem österreichischen Arbeitsmarkt herrscht also viel Bewegung, nicht strukturell hartnäckige extrem verbreitete Langzeitarbeitslosigkeit: „Jede Stellenbesetzung dauert seine Zeit. Die Stelle wird veröffentlicht, Bewerbungen „trudeln“ ein, Vorstellungsgespräche werden geführt, es wird entschieden. Erst dann wird eine Stelle wieder abgebucht. Und deswegen gibt es immer offene Stellen.

Allerdings ist es längst nicht mehr so, dass Bewerber ausschließlich über das AMS gesucht werden. Die Not hat so manchen Personalchef erfinderisch gemacht. Das lässt sich etwa am Wellnesshotel Guglwald sehen, das via Facebook „Kopfgeld“-Prämien für die erfolgreiche Jobvermittlung bietet.

Auch das Metallunternehmen Welser profile sucht mithilfe einer Prämie nach Lehrlingen. #scout4cash nennt das Unternehmen die Lehrlingsvermittlung in den sozialen Netzwerken und lockt mit 1.000 Euro Belohnung für erfolgreiche „Lehrlingsscouts“. Das Unternehmen in Ybbsitz hat aktuell mehrere Jobs ausgeschrieben und sucht für September noch Lehrlinge – und das durchaus marketingwirksam.

Ernüchternde Bewerber

Dabei wollen viele Unternehmer auch explizit über das AMS gehen, da sie beim großen Problem mit der Arbeitslosigkeit „anpacken“ wollen. Der Unternehmer Kurt Spet suchte etwa gezielt ältere Arbeitnehmer für seine Lifestyle-Stores Hannibal im zweiten und neunten Wiener Gemeindebezirk. Angesichts des demografischen Wandels und der zuletzt verschärften Arbeitsmarktsituation für Ältere meinte er, er könne nach seiner Anfrage beim AMS aus dem „Vollen“ schöpfen, was gut qualifizierte, motivierte Mitarbeiter betrifft:

Das Ergebnis war ernüchternd. Viele Annahmen, die man an den Stammtischen des Landes zu hören bekommt, bestätigten sich. Zum Beispiel jene, dass nicht jeder, der gerade keine Arbeit hat, dankbar für jede gute Stelle ist, die ihm angeboten wird. Und dass nicht jeder Arbeitslose mit großem Engagement daran arbeitet, der Arbeitslosigkeit ein Ende zu setzen.

Nirgends scheint die Kluft zwischen Anspruch und „ernüchterndem Ergebnis“ so groß zu sein wie in der Gastronomie. „Der Branche geht das Personal aus“, hat Clemens Neuhold im profil seine lange Analyse über den Zustand der Branche übertitelt. Und er stellt die provokante Frage, ob die Gastronomie mit ihren notorisch schlechten Arbeitszeiten schlicht nicht mehr zumutbar sei, selbst in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Denn längst machen immer wieder Facebook-Sujets wie dieses die Runde: „Heute Geschlossen. Kein Personal, aber 500.000 Arbeitslose. Sorry. Der Wirt.“

Doch vielleicht liegt es nicht nur an der Branche.

Grob gesagt gibt es vier Gründe für Mismatches: Bei den Fähigkeiten, den Qualifikationen, der geografischen Entfernung und der „Branchenfremdheit“ kann es haken. Manche Bewerber sind zu hoch qualifiziert, manchen fehlen ganz grundsätzliche Skills wie Deutsch, andere wohnen zu weit weg für einen Job, der an sich perfekt zu ihnen passen würde, und wieder andere suchen einen Job in einer Branche, die von einem Strukturwandel erfasst wird.

Im europäischen Vergleich sind ausgerechnet die regionalen Unterschiede innerhalb von Österreichs Arbeitsmarkt groß, wie es auch die EU-Kommission für das kleine Österreich feststellt. Die folgende Grafik illustriert die Unterschiede in Österreich. Während in Wien auf jede offene Stelle statistisch 25 Arbeitslose und Schulungsteilnehmer kommen, liegt das Verhältnis in Salzburg nur bei 3,4 zu eins. Von den knapp 43.800 gemeldeten offenen Stellen beim AMS sind 12.850 in Oberösterreich, nur 6.000 in Wien. Zugleich ist der Bestand der Arbeitslosen in Oberösterreich mit knapp 48.500 deutlich kleiner als jener in Wien mit 148.600.

Arbeitslose inkl. Schulungsteilnehmer.

Dabei spielen Zumutbarkeitskriterien wahrscheinlich auch eine Rolle. Versuche des AMS, arbeitslose Wiener im Westen Österreichs zu vermitteln, haben in der Vergangenheit selten gefruchtet. Werden in den Regionen Jobs besetzt, bewerben sich oft genug Ausländer, die hereinpendeln, in der Baubranche im Osten ist das nach wie vor so, die Ostdeutschen in der westösterreichischen Gastronomie allerdings bleiben angesichts der eigenen, besseren Konjunktur selbst immer öfter daheim. Warum die regionale Mobilität im kleinen Österreich so schwach ausgeprägt ist? AMS-Vorstand Johannes Kopf hat in einem Interview 2015 gesagt: „Bei uns ist es nur normal, nach Wien zu übersiedeln – sonst geht man nirgendwo hin. Mit der Überheblichkeit eines Wieners sage ich: Wir haben eben nur eine große Stadt. Derzeit etwa machen Hunderte junge Deutsche eine Lehre in Tirol. Ich würde aber keinen 15-jährigen Wiener für eine Lehre nach Tirol schicken können. Wir haben diese Kultur der Mobilität nicht, sie ist unterentwickelt.

Spezialisierung sorgt für begehrte Nischen

Es kann aber auch Ausdruck einer sich immer stärker spezialisierenden Wirtschaft sein, wenn Rekordarbeitslosigkeit und offene, unbesetzte Stellen gleichzeitig auftreten. Die IT-Branche etwa ist bekannt dafür,notorisch über den Mangel guter Programmierer zu klagen – relativ unabhängig von der allgemeinen Konjunkturlage.

Und wenn es einen unaufhaltsamen Trend in der Wirtschaft gibt, dann ist es eben der zunehmende Grad der Spezialisierung von Unternehmen – aber eben auch ihrer Arbeitnehmer. Die Wirtschaft selbst hat dieses Thema längst auch strukturell erkannt, wie vor allem der Umstand beweist, dass etwa immer mehr Fachhochschulstudiengänge für auch ganz fokussierte Branchen und feinste Bereiche existieren, aus denen die Unternehmen ihre Mitarbeiter von morgen rekrutieren können. Gerade für technische Berufe ist es längst nicht so, dass Heerscharen von Jobsuchenden auf die offenen Stellen kommen.

Ausgerechnet die Gastronomie aber bietet kaum Anhaltspunkte für diese These. Es ist selten die Komplexität alleine, die dafür sorgt, dass offene Stellen nicht besetzt sind, sondern eben der Unterschied zwischen Anspruch (des Jobsuchenden) und Wirklichkeit (der Branche/des Unternehmens). Je weiter diese Kluft auseinanderklafft, desto weniger einfach lässt sie sich mit Motivation alleine füllen. Ohne Motivation freilich ist es ohnedies unrealistisch, dass ein Arbeitsverhältnis von Dauer ist, selbst wenn man auf dem Papier „zueinander passt“.

Wie groß ist die Rolle von Mismatches?

Verschiedene Studien legen nahe, dass es auf europäischen Arbeitsmärkten eben auch ein Mismatch-Problem gibt. In Österreich hat sich die Agenda Austria zuletzt auch mit dem Thema befasst und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich die Arbeitslosigkeit in Österreich in den vergangenen Jahren vor allem strukturell verschärft hat. In acht von 21 Sektoren sei es zu einer wachsenden Bedeutung der strukturellen Arbeitslosigkeit gekommen, vor allem Bau, Handel, Verkehr und Gastronomie seien betroffen.

Aber zweifelsohne ist die österreichische Konjunktur nicht bloß ein Nebendarsteller in der Tragödie auf dem Arbeitsmarkt. In einem Gespräch mit NZZ.at hat AMS-Vorstand Johannes Kopf im vergangenen Jahr geschildert, wie viel Wachstum es aktuell wohl braucht, damit sich die Situation entspannt, damit auch die Zahl arbeitsloser Menschen nachhaltig sinkt. Mit knapp 1,4 Prozent Wachstum 2016 und 2017 bleibt der Wirtschaftsmotor viel zu schwach, um für eine nachhaltige Entlastung zu sorgen.

Warum geht es also auf dem Arbeitsmarkt so paradox zu? Warum klagen Unternehmen und Selbstständige, wie schwer es ist, an Mitarbeiter zu kommen, während zugleich aktuell so viele Menschen erfolglos auf Arbeitssuche sind?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Das Wirtschaftswachstum ist zu schwach, um die notwendige Anzahl an Jobs zu schaffen. Gleichzeitig „fehlt“ oft etwas, wenn sich Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt treffen, also Unternehmen und Arbeitssuchende. Das kann die Qualifikation sein, oder die Arbeitsbedingungen in einem Unternehmen oder der Branche, oder die Notwendigkeit innerhalb Österreichs umzuziehen. Die Lage am Arbeitsmarkt könnte daher besser sein, als sie ist. Ganz ohne Konjunkturpakete.