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Ölpreiszerfall

Vier Gründe, warum Öl billig bleibt

von Leopold Stefan / 26.01.2016

Seit eineinhalb Jahren befindet sich der Ölpreis im freien Fall und reißt dabei Inflationsziele der EZB genauso mit sich wie Spekulanten an Chinas Börsen. Eine schwächere Nachfrage verstärkt zumindest temporär einen Abwärtstrend, der strukturell schon länger im Raum steht: Die Konkurrenz unter den Förderstaaten ist so stark wie nie zuvor – die Mär vom knappen Öl ist passé.

Kurz vor der Finanzkrise, im Juli 2008, kletterte der Ölpreis auf den Rekordwert von 146 Dollar für ein Fass der Sorte Brent. Bis Jahresende stürzte der Preis um über 60 Prozent auf 36 Dollar. Trotzdem rechnete die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem damaligen Jahresbericht mit neuen Rekordständen in den kommenden Jahrzehnten bei einem nominellen Ölpreis von 200 Dollar bis zum Jahr 2030.

Damals blieben die Analysten in ihren Prognosen von dem erlebten Preiszerfall unbeeindruckt, da die Ursache klar in der mangelnden Nachfrage der leidenden Volkswirtschaften lag. Die Prognose der IEA berücksichtigte hingegen steigende Produktionskosten bei der Ölförderung auf längere Sicht. Tatsächlich pendelte sich der Ölpreis nach dreijährigem Anstieg auf hohem Niveau über der 100-Dollar-Marke ein. Seither hat sich in der Rohölbranche viel verändert.


Aktuell ist Öl so günstig wie seit zwölf Jahren nicht. Ab Mitte 2014 fiel der Preis um drei Viertel auf unter 30 Dollar. Diesmal wurden die Langzeit-Prognosen angepasst: Das komplexe Zusammenspiel mehrerer Faktoren könnte Ölpreise auf längere Sicht auf niedrigem Niveau halten, wie der aktuelle Bericht der IEA festhält. Bis 2040 erwartet sich die IEA einen langsamen Anstieg auf 85 Dollar pro Fass. Laut einem zweiten Szenario wird der Ölpreis über die Bandbreite von 50 bis 60 Dollar im kommenden Jahrzehnt nicht hinausgehen. Vier Faktoren erklären, wie es zum jüngsten Preiszerfall kam und warum ein größerer Anstieg unwahrscheinlicher ist als in der Vergangenheit.

1. Falsche Erwartungen

Der niedrige Ölpreis spiegelt das einfache Marktprinzip von Angebot und Nachfrage wider. Der tiefe Preissturz resultiert aus einer Reihe von Impulsen, die zu einem unerwartet geringen Anstieg der Nachfrage führten, während das Angebot nicht entsprechend zurückging.

Die schwächere Nachfrage nach Rohöl hat mehrere Gründe: Die jüngste Flaute der chinesischen Wirtschaft, die trotz hoher Wachstumszahlen unter den Erwartungen blieb, bremst die Ölimporte im Reich der Mitte. Die Industrieproduktion in den USA blieb ebenfalls unter den Erwartungen. Ein bis zu den jüngsten Schneestürmen relativ milder Winter in wichtigen Konsumregionen reduzierte den Bedarf nach Energiequellen zum Heizen.

Anders als nach der Finanzkrise passte sich die globale Fördermenge an Rohöl diesmal nicht an die schwächere Nachfrage an. Dahinter steckt ein harter Konkurrenzkampf, der zeigt, dass der Ölmarkt, entgegen des Klischees, nicht mehr von Kartellen gelenkt wird. Das Verhalten der Ölproduzenten könnte auf längere Sicht eine Rückkehr des teuren Öls verhindern.

→ Mehr zum Thema: Die Erdölbranche im Überlebensmodus 

2. Öl aus Nordamerika flutet den Markt

Die USA und Kanada sind reich an unkonventionellen Ölvorkommen, die in Schiefersedimenten und Ölsand gespeichert sind. Deren Förderung war früher zu kostspielig, um mit dem billiger gewonnenen Erdöl aus anderen Regionen zu konkurrieren. Als sich der Ölpreis nach der Finanzkrise wieder auf höherem Niveau eingependelt hatte, fanden Unternehmer mithilfe neuer Techniken, wie dem Fracking oder dem Einsatz von Wasserdampf, innovative Wege, um die enormen Ölreserven profitabel auf den Markt zu bringen.

Kurz bevor der Ölpreis seine Talfahrt begann, stiegen die USA zum größten Ölproduzenten der Welt auf. Förderunternehmen investierten die Rekordsumme von 200 Milliarden Dollar, ein Fünftel der gesamten privaten Anlageinvestitionen. Trotz der niedrigen Preise ist die gesamte Rohölproduktion in den USA im Jahresvergleich 2014 weiter angestiegen. Aber der niedrige Preis hat in den vergangenen Monaten auch wieder erste Rückgänge bei der Produktion verursacht.

Trotzdem wirkt der nordamerikanische Ölboom wie ein Deckel für den Ölpreis. Die hohen Investitionen in Bohrungen und Pumpen sind bereits als Fixkosten verbucht. Solange der laufende Betrieb einer Quelle nicht mehr kostet, als das gewonnene Rohöl einbringt, wird weiter heftig gepumpt. Die weniger profitablen Quellen werden nicht mehr angezapft, sie stehen jedoch bereit, sollte sich der Markt erholen. Allein im Dezember des Vorjahres gelang es den amerikanischen Schieferöl-Produzenten, ihre Kosten um 20 bis 25 Prozent zu reduzieren, schreibt der Economist. Außerdem hob der US-Kongress Ende 2015 das Verbot für den Export von Rohöl auf, um den heimischen Unternehmen direkten Zugang zum Weltmarkt zu ermöglichen.

Auch wenn viele in der kleinteilig strukturierten Branche hoch verschuldet sind und vor dem Konkurs stehen – ihr Gerät und das Know-how sind allzeit bereit, um bei höheren Preisen binnen kurzer Frist wieder zu pumpen. Diese historisch neue Reservekapazität wirkt als langfristiger Dämpfer gegen einen starken Preisanstieg.

3. Der Iran darf wieder verkaufen

Während der Schieferöl-Boom aus Amerika an Schwung gewann, trugen politische Unruhen im Nahen und Mittleren Osten seit 2011 dazu bei, dass der Ölpreis mehrere Jahre über der 100-Dollar-Marke lag. Als in einem OPEC-Mitgliedsland, Libyen, ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach, beschloss die EU Sanktionen gegen ein anderes Kartellmitglied, den Iran. Um Teheran zum Einlenken im Atomstreit zu bringen, verfügten die EU und die USA einen Importstopp für iranisches Erdöl und verhängten Sanktionen gegen die persische Ölindustrie.

Nachdem der Atomstreit mit dem Iran im Verlauf der Verhandlungen in Wien im vergangenen Jahr beigelegt wurde, steht der europäische Erdölmarkt für Importe aus dem Iran wieder offen. Ölfirmen aus EU-Staaten dürfen auf Großaufträge hoffen, um die iranischen Förder-Infrastruktur zu modernisieren. Während die Produktion im Golfstaat langsam wieder Fahrt aufnimmt, warten bereits etwa 36 Millionen Fass Rohöl, das in Tankern zwischengelagert wurde, auf den Verkauf.

Der Iran verfügt über die drittgrößten nachgewiesenen konventionellen Ölreserven und ist jetzt bereits der siebtgrößte Produzent mit einer Fördermenge von rund drei Millionen Fass am Tag. Gelänge es der Islamischen Republik, die Spitzenmengen von vor der Revolution von sechs Millionen Fass am Tag zu fördern, wäre der Iran sogar der viertgrößte Ölproduzent der Welt vor China und hinter Russland.

→ Mehr zum Thema: Die Erdölbranche steht schon Schlange im Iran

4. Saudi Arabien führt im Preiskampf

Das Königreich auf der Arabischen Halbinsel ist nicht nur der zweitgrößte Erdölproduzent mit den – nach Venezuela – zweitgrößten bekannten Reserven der Welt, sondern auch mit scheinbar niedrigen Förderkosten gesegnet. Die saudischen Ölquellen produzieren hochwertiges, leicht zugängliches Rohöl. Ein Teil der Reserven wirft sogar bei einem Ölpreis unter 20 Dollar noch Profite ab.

Die günstige geografische Lage reflektiert aber nicht die wahren Kosten, die das Königreich über den Ölexport zu decken hat. Im Gegensatz zu einem texanischen Fracking-Unternehmer muss der staatliche Monopolist Saudi Aramco nicht nur die Förderkosten einbringen, sondern den Großteil der Staatsausgaben von den Luxuspalästen bis zu den großzügigen Energiesubventionen der Bevölkerung abdecken. Das Königreich macht daher Verluste, sobald der Preis für ein Fass Rohöl unter 90 Dollar fällt, was seit Oktober 2014 Realität ist.

Trotzdem entschied sich Saudi Arabien beim OPEC-Treffen im vergangenen November in Wien dagegen, die Fördermenge zu drosseln, um den Ölpreis zu stützen. Dadurch versucht das Königreich seinen Marktanteil zu verteidigen und hofft, dass Konkurrenten mit höheren Förderkosten und weniger Reserven früher aufgeben. Der saudische Staat sitzt derzeit auf Devisenreserven von rund 650 Milliarden Dollar – nur China und Japan verfügen über höhere Rücklagen. Jedoch fraß das Haushaltsdefizit im vergangenen Jahr fast einhundert Milliarden Dollar der saudischen Reserven auf. Um den Preiskampf länger durchzustehen, kündigte Riad im Dezember erste Kürzungen der Energie-Subventionen an.

Die Effizienz und Innovationskraft der Unternehmer in Nordamerika und die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran dürften mittel- bis langfristig aber dafür sorgen, dass die Fördermenge nicht allzu lange hinter einer Wiederbelebung der Nachfrage hinterherhinkt. Schließlich kurbelt der tiefe Ölpreis den Konsum wieder an. Sollten bis dahin einige Produzenten aufgegeben haben, ist auch ein plötzlicher Preissprung in den kommenden Jahren nicht ausgeschlossen, wie die IEA einschätzt. Riad hofft, so lange vom Ersparten zu leben.

Eine Rückkehr zu den fetten Jahren der Ölpreise über 100 Dollar würde, abgesehen von hoher Inflation, eine geopolitischen Krise oder eine starke wirtschaftliche Wiederbelebung der großen Ölverbraucher wie China bedingen. Langfristig steigt aber auch die Effizienz alternativer Energieversorgung, während die Ölbranche immer kostspieligere Felder anzapfen muss. Daher kann auch der reichste Golfstaat nicht dauerhaft auf Pump leben.

→ Mehr zum Thema: Riads Ölkrieg gehen Teheran