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Abgasskandal

Volkswagen gibt Entwarnung

von Christoph Eisenring / 09.12.2015

Ist alles halb so schlimm? Bei 800.000 Autos seien die Verbrauchsangaben wohl geschönt, hatte VW im November erklärt. Nun heißt es: Nur wenige Modellen seien betroffen, die Abweichungen seien klein.

Die Krise bei VW ist immer wieder für Überraschungen gut – für Volkswagen sind es jüngst positive. Dieses Mal betrifft es nicht die Affäre um manipulierte Abgastests, sondern es geht um vermeintlich geschönte Verbrauchsangaben und CO2-Werte. Anfang November hatte VW hierzu mitgeteilt, dass diese bei 800.000 Autos vermutlich als zu niedrig angegeben worden seien. Eine Überprüfung habe nun aber ergeben, dass bei fast allen Modellen des Konzerns der angeschriebene dem festgestellten Verbrauch entspreche, heißt es jetzt.

Regierung noch zurückhaltend

Die deutsche Regierung traut dem Braten noch nicht ganz. Es handle sich um interne Messungen von VW, sagte ein Sprecher. VW teilte denn auch mit, dass die Tests bis Weihnachten unter Aufsicht der Behörden bei einem neutralen technischen Dienst wiederholt würden. Bei neun Modellvarianten der Marke VW seien noch leichte Diskrepanzen verzeichnet worden. Dagegen seien die Konzerntöchter Audi, Seat und Skoda gar nicht betroffen. Die Abweichungen betrügen dabei nur wenige Gramm CO2, was einer Erhöhung des Verbrauchs um 0,1 bis 0,2 l auf 100 km entspreche. Zum Vergleich: Der betroffene VW Jetta des Modelljahres 2016 mit Zweiliter-Dieselmotor verbrennt auf 100 km gut 4 l, der VW Passat Variant, ebenfalls mit Zweiliter-Dieselmotor, 5,3 l.

Kopflose Führungsequipe?

Dies bedeutet auch, dass die Kunden aller Voraussicht nach keine Fahrzeugsteuern nachzahlen müssen, die sich in Deutschland und in gewissen Schweizer Kantonen auch nach den CO2-Emissionen richten. Die neun betroffenen Modellvarianten entsprechen laut VW einer Jahresproduktion von 36.000 Autos oder 0,5 Prozent der Marke VW.

Diese Wendung überrascht und wirft Fragen auf. VW hatte in einer ersten Schätzung die wirtschaftlichen Risiken auf zwei Milliarden Euro geschätzt. Diese Summe habe sich nicht bestätigt, heißt es jetzt trocken. Hinweise auf eine mögliche Täuschung waren aus der Belegschaft gekommen. Haben sich diese Aussagen in Luft aufgelöst? In der Mitteilung von Anfang November hatte der Vorstand den festgestellten Sachverhalt zudem zutiefst bedauert. Hätte man nicht zumindest eine erste Prüfung vornehmen sollen, bevor sich die Geschäftsleitung Asche über das Haupt streute? So bleibt der Eindruck, die Geschäftsleitung sei damals unter dem Eindruck der Abgas-Affäre von Panik getrieben gewesen. Es sieht jetzt zwar alles glimpflicher aus, doch das Vertrauen in den Konzern bleibt angeknackst. Die Negativmeldung von Anfang November dürfte bei den Kunden noch einige Zeit nachwirken, bis sich die jetzige Korrektur im Gedächtnis festsetzt.

Am Donnerstag wollen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Firmenleiter Matthias Müller in Wolfsburg über die Untersuchungen informieren. Im Vordergrund werden dabei die Manipulationen bei Abgastests von Dieselautos stehen, die die amerikanische Umweltbehörde Mitte September publik gemacht hatte. Hier geht es um weltweit 11 Mio. Autos. Zumindest für Europa hatte VW hier vor zwei Wochen eine unerwartet simple Lösung präsentiert: In vielen Fällen reicht das Aufspielen einer neuen Software, in anderen soll es ein Plasticteil richten, das aussieht wie der Aufstecker eines Haarföhns.

Klarer Tagesgewinner im DAX

Für die USA, wo strengere Grenzwerte für Stickoxide gelten als in Europa, hat VW dagegen noch keine technische Lösung bekanntgegeben. Dort warten auf den Konzern auch langwierige rechtliche Auseinandersetzungen. Die mehr als 500 Sammelklagen sollen vor einem Gericht in San Francisco, Kalifornien, zusammengezogen werden.

Dass VW wohl ein Problem vom Hals hat, erfreute am Mittwoch die Investoren. Die Vorzugsaktie kletterte um gut sechs Prozent. Die Firma wurde somit um 3,4 Milliarden Euro höher bewertet als am Vortag.