EPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Strategie 2025

Volkswagen steht vor einem schwierigen Tuning

Meinung / von Michael Rasch / 17.06.2016

Mit der Bekanntgabe der Strategie 2025 hofft VW, den Fokus vom Diesel-Skandal auf positive Dinge zu verschieben. Viele Themen hätte Konzernchef Müller ohnehin anpacken müssen. Jetzt stimmt das Momentum.

Matthias Müller ist es leid. Seit seinem Amtsantritt am 25. September muss der Konzernchef von Volkswagen fast ausschließlich zum Dieselskandal Rede und Antwort stehen. Dabei sollte Müller neben der Aufarbeitung der Betrugsaffäre einen Weltkonzern mit rund 600.000 Mitarbeitern führen, bei dem es noch zahlreiche andere Baustellen gibt.

Zugleich darf er bei den in der Branche herrschenden Megatrends nicht den Anschluss verlieren. Die Bekanntgabe der „Strategie 2025“ ist nun eine entscheidende Wegmarke, um den Fokus von Journalisten und Öffentlichkeit wieder stärker auf andere, positive Themen zu verschieben.

Mobilitätskonzern statt Autohersteller

Sensationelle Neuigkeiten gab es am Donnerstag in Wolfsburg jedoch nicht. VW hat sich auf die Fahnen geschrieben, bis zum Jahr 2025 der weltweit führende Anbieter für nachhaltige Mobilität zu werden. Das ist zwar äußerst anspruchsvoll, muss aber auch der Anspruch eines Konzerns sein, der neben Toyota und General Motors (GM) und auf Augenhöhe mit ihnen zu den drei größten Autokonzernen der Welt gehört. Inzwischen will sich allerdings fast jeder Autohersteller in den kommenden Jahren in einen Mobilitätskonzern transformieren.

Der Umbau in einen Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen, die Elektrifizierung des Autos und das Vorantreiben des autonomen Fahrens sind drei Megatrends, die kein Hersteller verpassen darf. VW ist dafür gut gerüstet. Doch daran hat der Konzern schon Jahre vor Bekanntgabe der neuen Strategie gearbeitet.

Zu den größten „Neuigkeiten“ gehörte am Donnerstag, dass VW eigene Kompetenz bei der Herstellung von Batterien aufbauen sowie die Fertigung von Komponenten als neues Unternehmen verselbständigen will.

Doch auch diese Absichten waren im Vorfeld bereits durchgesickert. Der Erfolg der Vorhaben wird auch davon abhängen, ob Matthias Müller den glaubhaft angestrebten Kulturwandel hin zu einem offenen, integren Unternehmen meistert. Das ist in einem Großkonzern ein schwieriges Unterfangen.

Schöpferische Selbstzerstörung

Etwa alle zehn Jahre scheint VW in einen großen Skandal hineinzufahren. 1996 musste der von GM geholte Topmanager Ignacio López wegen des Vorwurfs des Geheimnisverrats abtreten, und VW büßte kräftig dafür. 2005 entbrannte die Korruptionsaffäre um Lustreisen von Betriebsräten. Und 2015 wurde der Skandal um manipulierte Abgaswerte von Dieselmotoren publik. Einmal pro Dekade betreibt VW somit eine Art schöpferische Selbstzerstörung, wenngleich nicht ganz im Schumpeterschen Sinn. Oft ist dem Konzern dabei aber der Neustart gelungen.

Mit ihrer 2008 veröffentlichten „Strategie 2018“ haben die Wolfsburger gezeigt, dass sie gesteckte Ziele (sogar weit früher als geplant) erreichen oder zumindest fast erreichen können. Die neuste Affäre bietet nun die Chance für einen weiteren Neustart – und zur Schaffung neuer Strukturen.

Das gilt zwar noch nicht für die schwierige Zusammensetzung des Aktionariats. Doch zumindest gibt es Gelegenheit, die in Wolfsburg sehr starken Gewerkschaften zum Wohl des Konzerns zu kooperativerem Verhalten zu beeinflussen. Die Strategie ist gemacht, an der Umsetzung wird Matthias Müller gemessen werden.