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Ökonomische Erkenntnisse

Vom Mutterleib zum Arbeitsmarkt

von Hannes Schwandt / 28.09.2016

Eine gesunde Schwangerschaft und frühkindliche Interventionen verringern ökonomische Ungleichheit. Wie, erklärt der Ökonom Hannes Schwandt, der von Princeton an die Uni Zürich gewechselt ist.

Im Frühjahr dieses Jahres erreichten uns wieder einmal dramatische Nachrichten zur ökonomischen Ungleichheit in den USA. Der typische zum obersten Prozent der Einkommensskala gehörende US-Amerikaner lebt im Schnitt 15 Jahre länger als ein Erwachsener aus dem untersten Prozent, und diese Schere in der Lebenserwartung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig geöffnet. In der Schweiz ist die Lohnungleichheit weniger stark ausgeprägt als in den USA. Doch auch hier gibt es drastische Wohlstandsunterschiede, die sich in der Lebenserwartung widerspiegeln. Männer in den wohlhabendsten Gegenden der Schweiz leben im Schnitt 7,3 Jahre länger als die in den besonders benachteiligten Gebieten, bei Frauen beträgt die Differenz 3,7 Jahre. Was tun?

Traditionell werden bei Ungleichheitsdiskussionen Rufe nach Einkommensumverteilung laut. Verstärkung der Steuerprogression, Tariferhöhungen und Transferleistungen für Niedrigverdiener werden gefordert. Ein neuer Forschungszweig der Volkswirtschaftslehre zeigt allerdings, dass ökonomische Ungleichheit schon früh im Lebenszyklus, sogar bereits während der Schwangerschaft, entsteht. Sie kann dort effektiver bekämpft werden.

Aufgepasst bei schwerer Grippe

Bis in die frühen siebziger Jahre waren Gesundheitsexperten der Meinung, die Plazenta biete während der Schwangerschaft dem Fötus perfekten Schutz vor negativen Einflüssen. Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährung – das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft beeinflusse die Entwicklung des Kindes nicht. Doch mit der Verfügbarkeit von besseren Daten bestätigte sich die von dem britischen Epidemiologen David Barker formulierte „fetal origins hypothesis“: Schwangerschaftsbedingungen haben einen starken Einfluss auf kognitive Fähigkeiten und die Gesundheit des Nachwuchses und damit auf Grundvoraussetzungen für späteren ökonomischen Erfolg (Barker 1992).

Nicht nur Ernährung und Suchtverhalten, auch psychologischer Stress, häusliche Gewalt, fehlende Gesundheitsvorsorge, Luftverschmutzung und das Krankheitsumfeld der werdenden Mutter drücken sich im Geburtsgewicht und in anderen Gesundheitsfaktoren des Nachwuchses aus. Das Geburtsgewicht korreliert stark mit dem späteren Bildungs- und Einkommensniveau (vgl. Grafik). Dieser Zusammenhang ist selbst zwischen Geschwistern zu beobachten. Dies deutet darauf hin, dass die individuelle „Grundausstattung“ bei Geburt den späteren ökonomischen Erfolg beeinflusst und nicht lediglich das familiäre Umfeld hinter der Korrelation von Geburtsgewicht und späterem Einkommen steckt (für einen Überblick siehe Currie und Almond 2011).

In der Tradition dieser Forschung konnten Janet Currie und ich anhand von US-Daten zeigen, dass im Winter geborene Kinder häufiger zu früh zur Welt kommen und ein niedrigeres Geburtsgewicht haben als deren Geschwister, die zu einer anderen Jahreszeit das Licht der Welt erblicken (Currie und Schwandt 2013). Der Grund dafür sind die Grippewellen, die im Winter durch das Land gehen. Erkrankt die Mutter im letzten Drittel der Schwangerschaft an einer Grippe, erhöht dies das Risiko einer Frühgeburt. In einer zweiten Studie nutzte ich dänische Registerdaten, um den Nachwuchs von an Grippe erkrankten Müttern bis ins Erwachsenenalter zu verfolgen (Schwandt 2016). Erwachsene in Dänemark, die im Mutterleib einer schweren Grippe ausgesetzt waren, verdienen im Schnitt 10% weniger und sind zu 50% mehr auf Sozialleistungen angewiesen als die Geschwister, bei deren Schwangerschaft die Mutter nicht erkrankte.

Interessanterweise zeigen sich die langfristigen Effekte nicht nur bei Infektionen im letzten Drittel der Schwangerschaft. Die Nachteile auf dem Arbeitsmarkt sind bei Erkrankungen der Mutter im zweiten Drittel der Schwangerschaft besonders deutlich, obwohl das Neugeborene bei Geburt normal gesund erscheint. Dies könnte darauf hindeuten, dass in den mittleren Schwangerschaftsmonaten insbesondere die Entwicklung von Hirnstrukturen und kognitiven Fähigkeiten in Mitleidenschaft gezogen wird. Allerdings sind diese Effekte nur bei starken Grippeerkrankungen, die zu einer Hospitalisierung führen, zu beobachten. Und bei Kindern von Eltern mit einem höheren Bildungshintergrund sind sie viel schwächer ausgeprägt.

Schweizer Daten mit ihren kantonalen Unterschieden wären prädestiniert, um die kausale Wirkung von Politik zu identifizieren.

Kinder aus ökonomisch schwachen Verhältnissen sind von langfristigen In-utero-Effekten aus zweierlei Gründen besonders betroffen. Einerseits sind sozial benachteiligte Mütter eher negativen Einflüssen während der Schwangerschaft ausgesetzt – Luftverschmutzung, Infektionskrankheiten, häusliche Gewalt und psychologischer Stress sind ebenso Armutsindikatoren wie schlechte Ernährung und gesundheitsschädliches Konsumverhalten. Andererseits fehlt es benachteiligten Familien häufig an Ressourcen, um zusätzliche Zeit und Mittel für Kinder aufzubringen, die mit schlechteren Gesundheitsvoraussetzungen und verringertem kognitivem Potenzial geboren werden. Das Zusammenspiel dieser Faktoren macht die Zeit der Schwangerschaft zu einem zentralen Mechanismus, durch den ökonomische Ungleichheit von einer Generation auf die nächste übertragen wird.

Glücklicherweise kann die Politik dieses Wissen nutzen, um die Vererbung von Ungleichheit von einer Generation zur nächsten aufzubrechen. Ein wichtiges und relativ günstiges Instrument zur Verbesserung von Schwangerschaftsbedingungen ist die Aufklärung der Bevölkerung. So haben Informationskampagnen zu den Gefahren von Rauchen und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zu einem starken Rückgang geführt – nachweislich zum Vorteil der Gesundheit der nächsten Generation. Ähnlich könnten Grippeerkrankungen unter schwangeren Frauen verringert werden, wenn eine Aufklärung über die langfristigen Folgen der Erkrankung zu einem Anstieg der Impfrate führen würde. Die Ausweitung von kostenlosen Gesundheitsleistungen ist eine weitere wichtige Massnahme, die in vielen Ländern zu Verbesserungen der Gesundheit von Neugeborenen geführt hat. Andere Faktoren, wie etwa häusliche Gewalt oder Luftverschmutzung, bedürfen der Reformen über den Gesundheitssektor hinaus, aber auch hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel in die richtige Richtung bewegt.

Frühkindliche Bildungs- und Erziehungsprogramme, also Interventionen nach der Geburt, sind essenziell, um sozial schwache Familien bei der Kindesentwicklung zu unterstützen. Die ökonomische Forschung in diesem Bereich wird vom Nobelpreisträger James Heckman angeführt und hat ergeben, dass Programme im Vorschulalter besonders effizient sind. Kognitive Fähigkeiten können am besten von Interventionen beeinflusst werden, die in den ersten drei Lebensjahren beginnen. Erfolgreiche Programme im späteren Kindes- und Jugendalter fokussieren sich hingegen häufig auf Motivations- und Selbstregulierungsfähigkeiten sowie nichtkognitive Fähigkeiten und die praxisorientierte Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. In einem wegweisenden theoretischen Modell erklärt Heckman die besondere Rolle von Schwangerschaftsbedingungen und frühen Bildungsinterventionen (Heckman 2007). Demnach wird zu Beginn des Lebens das kognitive Fundament gelegt, das für die erfolgreiche Verarbeitung von späteren Bildungsangeboten notwendig ist. Kommt ein Kind benachteiligt auf die Welt und wird seine kognitive Entwicklung in den ersten Lebensjahren vernachlässigt, können spätere Bildungsinterventionen auf keinen fruchtbaren Boden fallen.

Es braucht grosse Datensätze

Doch warum wurden viele dieser Erkenntnisse erst jüngst gewonnen, trotz der gesellschaftlichen und ökonomischen Relevanz einer erfolgreichen Kindesentwicklung? Eine zentrale, häufig übersehene Herausforderung in diesem Forschungsbereich ist das Huhn-Ei-Problem. Es war schon länger bekannt, dass sozial benachteiligte Mütter zu niedriggewichtigem und niedrigverdienendem Nachwuchs tendieren und dass unzureichende Kindererziehung mit späteren Einkommenseinbussen korreliert. Aber ob Geburtsgewicht und abendliches Vorlesen tatsächlich kausal das spätere Einkommen mitbestimmen oder ob die elterlichen Gene und das soziale Umfeld die verschiedenen Faktoren gleichzeitig beeinflussen, kann aus der einfachen Korrelation nicht herausgelesen werden.

Der 1982 in Hamburg geborene Gesundheits- undArbeitsmarktökonom gehört zu den jungen, bereits international anerkannten Forschern, die jüngst an die Uni Zürich gefunden haben. Er wechselte 2015 von der Universität Princeton an das Department of Economics und ist Inhaber der neuen (und vom Jacobs Center gestifteten) Assistenzprofessur für „Economics of Child and Youth Development“. Schwandt hat an der Universität München studiert, an der Universitat Pompeu Fabra in Spanien doktoriert und an der London School of Economics geforscht. Er wird am 3. Oktober um 17 Uhr an der Uni Zürich seine öffentliche Antrittsvorlesung halten.

Kontrollierte Experimente, die wir aus der medizinischen Forschung kennen, sind bei Bildungsinterventionen meist sehr teuer und deshalb nur für kleine, wenig repräsentative Fallgruppen möglich. In der Schwangerschaftsforschung können Experimente meist schon aus ethischen Gründen nicht durchgeführt werden (würden Sie am Experiment „häusliche Gewalt“ teilnehmen?). Arbeitsmarkteffekte könnten auch erst ein Vierteljahrhundert später gemessen werden. Um trotzdem eine kausale Wirkungskette zu ermitteln, braucht es detaillierte Zeitreihendaten und innovative Methoden, wie etwa den beschriebenen Geschwistervergleich, der den Einfluss des Elternhauses konstant hält und so dem gewünschten kausalen Effekt näher kommt. Da diese Methoden häufig nur einen kleinen Teil der Daten nutzen können, benötigt man in der Regel sehr grosse Datensätze mit Hunderttausenden oder Millionen von Beobachtungen.

Die Verfügbarkeit von umfangreichen Datensätzen hat sich in den vergangenen 15 Jahren enorm entwickelt, was einen starken Schub in der Forschung zur Kindesentwicklung ausgelöst hat.

Die skandinavischen Länder spielen in Bezug auf die Verfügbarkeit von Daten eine Vorreiterrolle. In Norwegen, Schweden und Dänemark werden alle im öffentlichen System gespeicherten Informationen zentral gesammelt, verknüpft und Forschern unter hohen Sicherheitsvorkehrungen zugänglich gemacht. Das hat für diese Länder enorme Vorteile – nicht nur im Bereich der Kindesentwicklung. Die grossen Datensätze ziehen internationale Top-Forscher an, die zusammen mit den einheimischen Kollegen die Wirtschaft und das Gesundheitswesen analysieren, soziale Brennpunkte identifizieren und Reformen evaluieren. Das Land wird so, quasi zum Nulltarif, von der internationalen Forschungsgemeinschaft auf Herz und Nieren geprüft. Die aufgedeckten Zusammenhänge avancieren nicht selten zum neuen Goldstandard einer ganzen Forschungsrichtung. So werden Frühstücksprogramme an norwegischen Schulen oder ein Rentenvorsorgemodell von dänischen Firmen plötzlich Gegenstand einer globalen Debatte.

Die Schweiz könnte von einer solchen Zusammenführung von Daten mit Zugang für Forscher profitieren. Das würde nicht nur den Wissenschaftsstandort stärken und den Spitzenplatz der Schweiz in der internationalen Forschungsgemeinschaft sichern. Die vielen Unterschiede zwischen den Kantonen böten die einmalige Möglichkeit, verschiedene Facetten eines erfolgreichen Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialsystems zu studieren. Schweizer Daten mit ihren kantonalen Unterschieden wären prädestiniert, um die kausale Wirkung von Politikmassnahmen zu identifizieren. So gewonnenes Wissen über die Schweizer Best Practice wäre auch für andere Länder von grossem Nutzen, die sich bei der Entwicklung von Institutionen an den besten Schweizer Kantonen orientieren wollen.

In den USA ist das skandinavische Niveau an Datenzentralisierung zwar noch nicht erreicht, aber einzelne grosse Datensätze wie der Mikrozensus, Sterbe- und Geburtenregister sowie repräsentative Monatsdaten stehen zur Verfügung. So können zum Beispiel Mikrodaten zu über 160 Mio. Geburten der letzten vier Jahrzehnte mit detaillierten Informationen zu der Schwangerschaft, dem Neugeborenen und den Eltern von der Website des Gesundheitsministeriums heruntergeladen werden. Politikmassnahmen sind in den USA denn auch in der Regel evidenzbasiert, und unter Forschern besteht geradezu ein Wettrennen, wer als Erstes die Auswirkungen einer Reform auf die Wirtschaft oder Gesundheit der Bevölkerung evaluiert.

Fortschritte in den USA

Faktenbasierte Diskussionen sind besonders wichtig in Zeiten von Populisten wie Donald Trump, die versuchen, Erfolge in der Sozialpolitik kleinzureden und ein düsteres Bild von der Zukunft der Gesellschaft zu zeichnen. Ein Blick auf die jüngsten Forschungsergebnisse zur Kindesentwicklung in den USA bietet ganz im Gegenteil positive Aussichten. Die Ausweitung der öffentlichen Krankenversicherung für sozial benachteiligte Familien wirkt sich bereits positiv auf die Gesundheit der neuen Generation aus, ebenso wie reduzierte Luftverschmutzung und die verringerte Ausbreitung von Krankheiten. All das sind Faktoren, denen die Unterschicht besonders ausgesetzt ist. „Head Start“, das grösste frühkindliche Bildungs- und Erziehungsprogramm des Landes, wurde seit der Gründung 1965 stetig ausgeweitet und fördert mittlerweile über eine Million Kinder und deren Familien. Und selbstverständlich wurden die kurz- und langfristigen Effekte des Programms in Hunderten von Forschungsarbeiten analysiert und mithilfe des erworbenen Wissens weiter verbessert.

Die positiven Veränderungen in der Kindesentwicklung spiegeln sich sogar bereits in der Lebenserwartung und den Sterberaten wider. In einer kürzlich in „Science“ erschienenen Studie haben Janet Currie und ich die Entwicklung der Lebenserwartung in allen US-Bezirken über die vergangenen 20 Jahre analysiert (Currie und Schwandt 2016). In Übereinstimmung mit vorherigen Analysen konnten wir zwar bestätigen, dass sich für ältere Amerikaner die Mortalitätsschere zwischen armen und reichen Gegenden weiter geöffnet hat. Für Neugeborene, Kinder und Jugendliche, die in bisherigen Studien nicht berücksichtigt worden waren, haben wir hingegen eine starke Abnahme in der Mortalität in allen Gegenden festgestellt. In den ärmsten Bezirken waren diese Verbesserungen am stärksten ausgeprägt. Die Ungleichheit in der Gesundheit der jüngeren Generationen hat sich stark verringert – und das im gleichen Zeitraum, in dem die ökonomischen Unterschiede in der amerikanischen Gesellschaft gestiegen ist. Das lässt hoffen, dass sich auch die ökonomische Ungleichheit verringern wird, sobald diese Generation an gesunden Kindern zu gesunden und produktiven Erwachsenen heranwächst.

Weiterführende Literatur David J. P. Barker (1992). Fetal and Infant Origins of Adult Disease. Environmental Epidemiology Unit Medical Research Council. British Medical Journal, London. Janet Currie and Douglas Almond (2011). Human capital development before age five. Handbook of Labor Economics, 4, 1315–1486. Janet Currie and Hannes Schwandt (2013). Within-mother analysis of seasonal patterns in health at birth. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110 (30), 12265–12270. Hannes Schwandt (2016). The Lasting Legacy of Seasonal Influenza: In-utero Exposure and Human Capital Development. Working Paper, University of Zurich. James Heckman (2007). The economics, technology, and neuroscience of human capability formation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 104 (33), 13250–13255. Janet Currie and Hannes Schwandt (2016). Inequality in mortality decreased among the young while increasing for older adults, 1990–2010. Science, 352 (6286), 708–712.