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Walkthrough

VW baut einen Milliardenverlust und die Zentralbanken machen die Märkte verrückt

von Lukas Sustala / 28.10.2015

Die Anleihenmärkte fallen tiefer in den Kaninchenbau. In Österreich breitet sich der negative Ausblick von Moody’s aus. VW schreibt 3,5 Milliarden Euro Verlust.  Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Die Finanzmärkte fallen tiefer in den Kaninchenbau. Die zweijährigen Anleihenrenditen sind auf den niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen. Den Grund können wir bei Reuters nachlesen: Volkswirte gehen inzwischen fast sicher von einer weiteren Lockerung der EZB-Geldpolitik im Dezember aus. Mittlerweile taxieren sie die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Schritt der europäischen Währungshüter auf der Ratssitzung am 3. Dezember im Mittel auf 80 Prozent, wie aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter fast 60 Ökonomen hervorgeht.“ Die Eurozone fällt damit tiefer in das „Wunderland“ der Negativzinsen, dem wir uns in einem Video schon einmal intensiv gewidmet haben (NZZ.at). In Österreich und Deutschland liegen die zweijährigen Anleihenzinsen per heute bei -0,35 Prozent (Deutschland) und -0.28 Prozent (Österreich).

Und das Wunderland scheint ansteckend zu sein, sorgen doch die europäischen Negativzinsen auch für Länder außerhalb der Eurozone für einiges an wirtschaftlichem Stress. Die Schwedische Riksbank etwa hat sich zwar heute gegen eine weitere Lockerung der Geldpolitik ausgesprochen. Ihre Zinsprognosen der vergangenen Jahre aber zeigen, dass die schwedischen Währungshüter auch wegen der Vorgaben des europäischen Währungsraums länger mit niedrigen Zinsen rechnen.

Many other major central banks, meanwhile, are still on track for further policy easing.

Andrew Kenningham

Die US-Notenbank dürfte heute jedenfalls ihren ersten Zinsschritt weiter verschieben. Im Gegenteil: Die globalen Zeichen stehen aktuell auf Geldflut. Wie der Ökonomen Andrew Kenningham von Capital Economics schreibt: „The US Fed now looks likely to leave interest rates unchanged until next March before tightening policy more rapidly than the markets anticipate. Many other major central banks, meanwhile, are still on track for further policy easing. In particular, ECB President Mario Draghi has all but promised to loosen policy again in December and the Bank of Japan may well do the same this Friday. For its part, the People’s Bank of China will probably continue its easing cycle until well into 2016.“

Einigung bei den Metallern. Nach einem mehr als 24-stündigen Kollektivvertrags-Verhandlungsmarathon haben sich die Sozialpartner am Mittwoch in der dritten Runde auf einen Abschluss für die 120.000 Beschäftigten der Maschinen- und Metallwarenindustrie geeinigt. Ab November gibt es um 1,5 Prozent mehr Lohn (NZZ.at). Die KV-Abschlüsse in der Metallbranche gelten als Richtschnur für andere heimische Branchen. Geeinigt haben sich die Sozialpartner auch auf eine Freizeitoption – mehr Freizeit statt mehr Geld – und ein neuartiges „Zeitkonto“, das einer flexibleren Arbeitszeit führen soll.

Die US-Ratingagentur Moody’s hat nachgelegt. Nach dem „Daumen runter“ für die Republik Österreich wurden auch andere Schuldner in Österreich mit einer negativen Ausblick versehen (NZZ.at). Die Stadt Wien etwa, oder die Asfinag (NZZ.at). Das ist ein normaler Vorgang. Wenn der Spitzenschuldner eines Landes, in diesem Fall die Republik Österreich, mit einem schlechteren Rating versehen wird, dann fallen wie bei einem Dominospiel auch die übrigen Schuldner um ihre Spitzenbonität um

Wird die Armut überzeichnet? Eine vielfach zitierte Bertelsmann-Studie machte dieser Tage die Runde. In Europa sei jeder vierte von Armut betroffen. Doch das ist auch die Frage der Definition und wohl auch überzeichnet (NZZ.at). Wenn Armut nach dem „relativen“ Maßstab (60 Prozent des Medianeinkommen) definiert wird, kommt eine große Armutsgefährdung heraus. Wenn aber „nur“ die Fälle der schweren Entbehrung herangezogen werden, also wenn sich Menschen wichtige Dinge des täglichen Gebrauchs nicht leisten können, dann fällt die Armut auf ein Zehntel.

Die Zukunft der BA. In zwei Wochen wird die UniCredit ihre Strategie für die Bank Austria präsentieren. Bis dahin werden die italienischen Eigentümer wohl auch mit den Personalvertretern streiten (Der Standard). Denn die haben für den Verkauf von Geschäftsteilen wie auch die AVZ-Stiftung ein Mitspracherecht. Dabei waren es ja gerade auch die wenig ausgeprägte Flexibilität, beim Personal zu sparen, die wohl zu den italienischen Verkaufsplänen beigetragen haben (NZZ.at).

Volkswagen bleibt trotz Vollbremsung auf Kurs. Im dritten Quartal hat Volkswagen einen Milliardenverkauf verzeichnet. 3,5 Milliarden Euro operativer Verlust zeugen vom ersten spürbaren Effekt des Abgasskandals auf den Wolfsburger Konzern. Gleichzeitig aber hofft man in Wolfsburg für 2015 auf eine Steigerung des Umsatzes – auf einen Boykott nach dem Bekanntwerden der Abgasmanipulation stellt sich der Autobauer also nicht ein (NZZ.at).

Apple hat im abgelaufenen Quartal deutlich mehr verdient. Das wird den Marktwert des ohnedies wertvollsten Unternehmens der Welt weiter unterstützen. Der Umsatz wurde gerade auch beim neuen Launch des iPhone 6s von der Tatsache beflügelt, dass der Konzern in China richtig Fuß gefasst hat:

Free Lunch – Food for Thought

Ein Buchtipp: Das Midas-Paradox (via Marginalrevolution).

Die Alternative zur Bank (Handelsblatt).

Die Zentralbanken kämpfen im falschen Krieg, sie sollten das Inflationsziel fallen lassen (Project Syndicate).

Wie man die Flüchtlingskosten finanzieren könnte, ein Vorschlag (Ökonomenstimme).