Julian Stratenschulte / EPA

Ein Jahr „Dieselgate“

„VW hatte keine Angstkultur“

von Christoph Eisenring / 11.09.2016

VW-Chef Matthias Müller sieht das Überleben des Konzerns zwar nicht mehr gefährdet. Allerdings ist der Abgasskandal noch längst nicht bewältigt, wie das Geständis eines Ingenieurs in den USA zeigt.

Volkswagen glaubt das Heft des Handelns wieder in der Hand zu halten. VW-Chef Matthias Müller erklärte in der „Bild am Sonntag“, man sei nicht mehr Getriebener. Vielmehr würden sich die Image-Werte langsam wieder verbessern. Vor einem Jahr war bekanntgeworden, dass VW in den USA eine verbotene Software eingesetzt hatte, um Abgastests zu bestehen. Im Normalbetrieb emittierten die Autos dabei so viele Stickoxide, dass der Grenzwert um ein Vielfaches überschritten wurde. Bald stellte sich heraus, dass das Problem weltweit bestand. VW-Chef Winterkorn musste gehen und wurde vom damaligen Porsche-Chef Müller abgelöst.

Der 63-Jährige wehrt sich gegen den Eindruck, im Konzern habe eine „Angstkultur“ geherrscht. Er sei seit 42 Jahren bei VW und habe keinen Tag Angst gehabt, sagte er der „Bild am Sonntag“. Er habe oft Kritisches gesagt, was ihm nicht geschadet habe. Müller räumte indes ein, dass die Firma sehr zentralistisch organisiert gewesen sei und sich alles auf wenige Personen an der Spitze konzentriert habe. Bei der heutigen Themenvielfalt – Stichworte sind das autonome Fahren oder die Elektromobilität – habe ein solches Modell ausgedient. Müller hat deshalb die Verantwortung auf mehr Schultern verteilt. Wie er weiter sagt, hat VW Gespräche mit Google und Apple geführt, doch sei das Rollenverständnis zu unterschiedlich gewesen. Man wolle nicht zum reinen Zulieferer von Hardware degradiert werden.

Wie kurz gemeldet, hat am Freitag ein ehemaliger VW-Ingenieur in den USA zugegeben, eine verbotene Abschalteinrichtung („defeat device“) in der Motoren-Software verwendet zu haben. Der VW-Mitarbeiter hatte zuerst in Wolfsburg und dann in den USA gearbeitet. Laut dem Geständnis hat der Spezialist zusammen mit anderen im Jahr 2006 begonnen, einen neuen Dieselmotor zu entwickeln. Rasch sei ihnen klargeworden, dass sie nicht gleichzeitig die Kundenerwartungen erfüllen und die strengeren US-Grenzwerte für Stickoxide würden einhalten können. Alle Modelle der Jahre 2009 bis 2016 verstiessen deshalb gegen die US-Vorschriften.

Die Ingenieure sollen ziemlich unverfroren vorgegangen sein: Die Autos liefen jeweils auch auf der Strasse noch eine Weile im emissionsarmen Testmodus, bevor die Software umstellte. Deshalb häuften sich Reparaturen an der Abgasreinigung. 2014 wurde ein Software-Update gemacht, angeblich um die Autos zu verbessern. Dabei soll es aber auch darum gegangen sein, die Abschalteinrichtung zu optimieren. Der Angeklagte hat seine Kooperation zugesagt. Die Maximalstrafe liegt bei fünf Jahren Gefängnis und 250 000 $ Busse. Sofern die Mitarbeit zur Zufriedenheit der Amerikaner ausfällt, dürfte sich das Strafmass deutlich verringern.