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Manipulation

VW wird am Abgasskandal nicht scheitern

von Christoph Eisenring / 11.12.2015

Hinter der Manipulation von Abgastests soll eine überschaubare Gruppe von VW-Ingenieuren stecken. Die Führung ist zuversichtlich, für den US-Markt bald eine Lösung vorstellen zu können, schreibt NZZ-Korrespondent Christoph Eisenring aus Berlin.

Die Panik, dass bei Volkswagen noch mehr Unerfreuliches auftauchen könnte, ist in Wolfsburg einem vorsichtigen Optimismus gewichen. Zwei Stunden lang gaben VW-Firmenleiter Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch am Firmensitz über den Abgasskandal Auskunft. Viele Fragen bleiben zwar weiterhin offen, etwa diejenige nach einzelnen Verantwortlichen. Gleichzeitig hatte man aber den Eindruck, dass der Konzern bei der Aufklärung vorankommt und sich Müller wieder stärker dem eigentlichen Geschäft zuwenden kann.

Hohe Bestellungen in China

Bei den Bestellungen gibt es bis jetzt keinen Einbruch. Vielmehr lief etwa der November laut Müller sehr gut, getrieben von der Nachfrage aus China. Vielversprechend war auch der Heimmarkt Deutschland. Die breite geografische Aufstellung hilft dem Konzern, Rückschläge in Ländern wie Spanien oder Großbritannien abzufedern. Nicht dramatisch, aber angespannt sei die Lage, lautete Müllers vorläufiges Fazit.

Bleibt die Großbaustelle USA, wo der Skandal seinen Ursprung nahm. Hier konnte Volkswagen am Donnerstag zwar keine Lösungen präsentieren, wie man die rund 500.000 Autos, die die Manipulations-Software enthalten, umrüsten kann. Der VW-Chef lobte aber die „hervorragende Zusammenarbeit“ mit den amerikanischen Behörden. Und er erwartet, dass sich VW mit ihnen „in den kommenden Tagen, vielleicht Wochen“ auf eine Lösung einigen werde. Im Januar wird Müller zur Automesse nach Detroit reisen und anschließend auch die Umweltbehörde besuchen.

Die Ursachenforschung geht derweil weiter. Nicht weniger als 450 Personen befassen sich mit der internen und externen Aufarbeitung der Abgasaffäre bei VW. Die amerikanische Anwaltskanzlei Jones Day analysiert Daten, die vom Umfang 50 Millionen Büchern entsprechen. Die Kanzlei führte 87 Interviews und sammelte 1.500 Smartphones und Laptops von 400 Mitarbeitern ein. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bekräftigte, dass hinter den Verfehlungen nach jetzigem Stand eine überschaubare Zahl von Mitarbeitern aus der Motorenentwicklung in Wolfsburg steckte. Der Grund für den Einbau der Manipulations-Software war dabei banal: Die Entwickler schafften es 2005 einfach nicht, dass der Motor EA 189 die einschlägigen amerikanischen Grenzwerte einhielt und griffen deshalb zur illegalen Methode der Abschalteinrichtung: Die Wirksamkeit des Katalysators zur Reduktion von Stickoxiden wird dabei im Normalbetrieb verringert.

Es wurde systematisch und über Jahre manipuliert. Gleichzeitig, so Pötsch, gebe es bis dato keinen Hinweis, dass Vorstände oder Aufsichtsräte von den Vorgängen gewusst hätten. Bisher wurden neun Personen aus dem Management freigestellt, da sie möglicherweise in die Affäre verstrickt sind. Pötsch kritisierte, es habe in Teilen des Konzerns die Haltung geherrscht, solche Regelverstöße zu tolerieren.

VW hat aus der Affäre erste Lehren gezogen. So gilt bei der Entwicklung von Software zur Motorsteuerung ab sofort das Vier-Augen-Prinzip. Es wird auch klar definiert, wer für die Freigabe dieser Software zuständig ist. Ferner werden Emissionstests künftig immer auch von externer Seite überprüft werden. Dazu kommen Stichproben, um Emissionen und Verbrauchswerte auch auf der Straße zu ermitteln und so Diskrepanzen zum Labor aufzudecken.

Lähmende Konzernbürokratie

Müllers Vortrag war eine gute Mischung aus Rückschau und kämpferischem Blick nach vorn. Das Denken in Hierarchien, das Verschweigen von Zielkonflikten, die Egoismen der Marken – damit müsse es vorbei sein, betonte er. Zum neuen Geist in Wolfsburg soll sich eine neue Bescheidenheit gesellen: Der firmeneigene Airbus wird verkauft, und bei Messen will man künftig nicht mehr so opulent auftreten. Nicht viel hält Müller von den vielen Arbeits- und Steuerkreisen im Konzern. Viel wichtiger sei es doch, dass die Mitarbeiter an Projekten nahe am Markt arbeiteten.

Hierin zeigt sich das grundsätzliche Problem großer Konzerne wie VW mit seinen 600.000 Mitarbeitern. Beim Autokonzern kommt der starke Einfluss des staatlichen Großaktionärs Niedersachsen und der Gewerkschaften dazu. An der Pressekonferenz war oft von der Überarbeitung von Prozessen die Rede, damit ein solcher Skandal nie wieder passieren kann. Müller muss aber gut aufpassen, dass sich nicht ein neuer Schleier an Bürokratie über den Konzern legt. Mit dem beschworenen Aufbruch wäre es dann rasch vorbei.