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Weltwirtschaftsausblick

Währungsfonds warnt vor Populismus

von Martin Lanz / 04.10.2016

Der Internationale Währungsfonds (IMF) erwartet keine baldige Wachstumsbeschleunigung. Befürchtungen, dass populistische Reaktionen die Weltwirtschaft weiter zurückwerfen, nehmen zu.

Das Wirtschaftswachstum hat sich jüngst zwar nicht spürbar verlangsamt – aber auch nicht beschleunigt. Währungsfonds-Chefökonom Maurice „Maury“ Obstfeld sprach deshalb am Dienstag bei der Präsentation des neuen Weltwirtschaftsausblicks von einer Seitwärtsbewegung. Das derzeitige unterdurchschnittliche Wachstum von etwa 3% drohe zur Norm zu werden, wenn es weitere populistische Reaktionen gegen freien Handel und Migration auslöse, warnte er (Live-Stream der Pressekonferenz).

China und Indien stabil

Konkret veranschlagt der Internationale Währungsfonds (IMF) das diesjährige Weltwirtschaftswachstum auf 3,1% und das nächstjährige auf 3,4%. Nach dem schwachen ersten Halbjahr wird für die USA für 2016 gerade noch eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 1,6% erwartet. Dem stehen immerhin kleine positive Wachstumsüberraschungen in Europa gegenüber, sowie stark verbesserte Aussichten für Russland und Brasilien. Stabil geblieben sind die Erwartungen für China und Indien.

Einen Teil der Wachstumsschwäche schreibt der IMF demografischen Trends und früheren nicht-nachhaltigen Entwicklungen zu. Offensichtlich sei der ursprüngliche Produktivitätsschub als Folge der „Revolution“ in der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht aufrechterhaltbar gewesen, wie auch Chinas Wachstumsexplosion oder der globale Schuldenzyklus nicht, heisst es bei der Washingtoner Organisation.

Unter den Folgen davon – dem Schuldenüberhang, dem Berg notleidender Kredite in den Bankbilanzen, dem Deflationsdruck, den geringen Investitionen oder auch der Erosion von Humankapital – leide die Weltwirtschaft weiterhin, sagte Obstfeld.

Entgleisung möglich

Das schwache Wachstum wiegt laut IMF besonders schwer in Ländern, in denen die Einkommensverteilung ungleich ist und wo, wenn überhaupt, die Einkommensstärksten profitiert haben. In einigen reichen Ländern wie den USA, so Chefökonom Obstfeld, habe das zu einer politischen Bewegung geführt, die nun alles Übel der Globalisierung anzulasten versuche und die für Abschottung statt Kooperation einstehe. Der Brexit sei ein Beispiel dafür.

Diese Bewegung verheisst nichts Gutes, umso mehr als die Abwärtsrisiken in den Augen des IMF auch sonst schon überwiegen. Die bescheidene Wachstumsbeschleunigung im Jahre 2017 könnte laut den Ökonomen etwa entgleisen, wenn die Transition in China ins Stocken gerate, wenn Rohwarenpreise erneut stark fallen würden oder sich geopolitische Spannungen verschärften.

Kein Patentrezept

Was ist gegen das Malaise zu tun? Neue Rezepte hat der IMF nicht im Köcher. Immerhin sagte Obstfeld am Dienstag, dass sich die Welt zu stark auf die Zentralbanken und eine lockere Geldpolitik gestützt hätten. Ansonsten wiederholte er aber das Mantra von der Notwendigkeit von wachstumsfördernden Strukturreformen und, wo es Spielraum gibt, einer aktiven Fiskalpolitik. Unter den Strukturreformen sieht Obstfeld einen erneuerten und verstärkten Einsatz zum Abbau von Handelsbarrieren als besonders wichtig an.

Der Weltwirtschaftsausblick des IMF und mögliche wirtschaftspolitische Massnahmen zur Stimulierung des Wachstums sind die Hauptthemen der diese Woche in Washington stattfindenden Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds. Für die Schweiz werden Finanzminister Ueli Maurer und Nationalbankpräsident Thomas Jordan an der Tagung teilnehmen.