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Arbeitsmarkt

Warum der syrische Arzt keinen Job findet

von Leopold Stefan / 05.04.2016

Flüchtlinge finden weniger leicht Arbeit in Österreich als andere Migrantengruppen. Eine neue Studie bestätigt, dass Sprachkenntnisse für Flüchtlinge besonders wichtig sind, um ihr volles Potenzial im Erwerbsleben auszuschöpfen. Maßnahmen zur Integration müssen daher viel früher ansetzen.

Das WIFO lieferte am Dienstag ein bittersüßes Studienergebnis zur Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt. Das Positive: Fast 46 Prozent der Flüchtlinge, die 2014 nach Österreich kamen, haben einen mittleren Abschluss in Form einer Lehre oder Matura; beinahe ein Viertel hat sogar studiert.

Über mehrere Jahre betrachtet, geht der Trend aber in eine negative Richtung: 62 Prozent der zwischen 2005 und 2014 angekommenen Asywerber haben maximal einen Plichtschulabschluss, während weniger als 25 Prozent eine mittlere Qualifikation aufwiesen. Der Anteil Geringqualifizierter ist damit mindestens doppelt so hoch wie bei früheren Migrationswellen.

Aber das Bildungsniveau ist nur ein Teil der Geschichte. Ein Vergleich mit Arbeitsmigranten, wie EU-Bürgern und Gastarbeitern, zeigt, welche Probleme besonders Flüchtlinge bei der Integration haben.

Nach der Ankunft ist der Weg noch lang

Erfahrungen aus Deutschland und der Schweiz haben gezeigt, dass nach zehn Jahren Aufenthalt nur 60 Prozent der Asylwerber einen Job haben. In Österreich liegt die BeschäftigungsquoteAnteil der Beschäftigten an der erwerbsfähigen Bevölkerung. Die Arbeitslosenquote ist nicht das genaue Gegenstück, da verschiedene Gruppen wie Schulungsteilnehmer, Karenzierte oder Menschen in Rehabilitation nicht berücksichtigt sind. aller Asylwerber, die vor 2014 einreisten, ebenfalls bei rund 60 Prozent – bei einer Arbeitslosenquote von etwa 16 Prozent. Unter den Arbeitsmigranten liegt der Anteil der Beschäftigten bei knapp 72 Prozent und die Arbeitslosenquote bei rund 10 Prozent.

Der Vergleich vergangener Immigrationswellen zeigt, wie lange es mitunter dauert, bis Flüchtlinge am Arbeitsmarkt Fuß fassen: Zwischen 1989 und 1993 kam der Großteil der Asylwerber aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Österreich. Mit einer Beschäftigungsquote von rund 76 Prozent schneidet diese Gruppe heute sogar besser ab als die damals eingereisten Arbeitsmigranten.

Hingegen weisen die erst zwischen 2005 und 2014 – überwiegend aus Afghanistan und Tschetschenien – aufgenommenen Flüchtlinge nur eine Beschäftigungsquote von 21 Prozent auf. Bei den Arbeitsmigranten stieg die Quote im gleichen Zeitraum auf fast 84 Prozent.


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Die Defizite deuten auch darauf hin, dass Flüchtlingen die Integration anfänglich schwerer fällt. Schließlich verlassen sie ihre Heimat unfreiwillig und nicht aus der primären Motivation heraus, in der Fremde eine Arbeit zu suchen. Zusätzlich belasten traumatische Erlebnisse in den Krisengebieten und während der Flucht die psychische und physische Gesundheit.

Die Analyse des WIFO bestätigt, dass Asylwerbern bei der Jobsuche auch dann weniger erfolgreich als Arbeitsmigranten sind, wenn Faktoren wie Alter, Bildung oder Geschlecht herausgerechnet werden. Wie lange ein Flüchtling schon in Österreich lebt und wie gut er deutsch spricht, ist für die Chancen am Arbeitsmarkt wichtiger.

Unterschiedliche Erfolgsfaktoren

Eines gilt für alle: Die Wahrscheinlichkeit für Migranten, schneller Arbeit zu finden, steigt mit dem (erwerbsfähigen) Alter bei der Einreise.

Die Bedeutung von Bildung und Sprachkenntnissen ist bei der Jobsuche für Asylwerber und Arbeitsmigranten jedoch unterschiedlich: Die Höhe der Bildung beeinflusst die Jobaussichten von Arbeitsmigranten signifikant, während Deutschkenntnisse, abgesehen von der Wahrscheinlichkeit, überqualifiziert eingesetzt zu werden, kaum eine Rolle spielen.

Bei Flüchtlingen ist der Zusammenhang umgekehrt. Welchen Bildungsabschluss ein Asylwerber in seiner Heimat erworben hat, wirkt sich kaum auf die Wahrscheinlichkeit aus, einen Job in Österreich zu finden. Mangelnde Sprachkenntnisse halten Flüchtlinge, aber auch aus familiären Gründen nach Österreich Eingereiste, eher davon ab, überhaupt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, argumentieren die Studienautoren. Bei den Arbeitsmigranten ist die Absicht, am Erwerbsleben teilzunehmen, per Definition gegeben.

Unter anderem führen die geringen Sprachkenntnisse auch dazu, dass die Qualifikationen von Flüchtlingen von offizieller Seite und faktisch vom Arbeitgeber nicht akzeptiert würden. Im Jahr 2014 gaben fast drei Viertel der Asylwerber an, dass ihre Ausbildung in Österreich formal nicht anerkannt wurde.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Ergebnisse des WIFO geben wertvolle Impulse zur Gestaltung von Integrationsmaßnahmen. Zumal Asylwerber verhältnismäßig lange arbeitslos bleiben, wäre es sinnvoll, ihnen von Anfang an die gleiche Unterstützung zu bieten, wie sie Langzeitarbeitslosen zusteht.

Da Flüchtlinge nicht wie Arbeitsmigranten gezielt eine Region aussuchen, in der sie vermuten, gebraucht zu werden, ist eine möglichst frühe Erfassung ihrer Ausbildung wichtig, damit sie gleich entsprechend ihrer Qualifikation in Österreich verteilt werden, etwa in eine Tourismus- oder Industrieregion. AMS-Chef Johannes Kopf argumentierte jüngst sogar für eine Residenzpflicht für Asylwerber unter Berücksichtigung der landesweiten Jobchancen und ohne Familienvereinigungen zu blockieren.

Deutschkurse müssen auch umgehend starten, noch während das Asylverfahren läuft – eine Empfehlung, die auch von den Studienautoren Julia Bock-Schappelwein und Peter Huber hervorgehoben wird. Ansonsten hilft die beste Qualifikation als Arzt oder Ingenieur bei der Jobsuche wenig. Vorhandene Ausbildungsdefizite können auch erst in Angriff genommen werden, wenn die Kommunikation im Lehrbetrieb funktioniert.

Gleiches gilt für den Zugang zum Arbeitsmarkt. Derzeit dürfen Asylwerber nur sehr eingeschränkt, etwa in freien Gewerben wie der Prostitution, oder als Saisonniers arbeiten. Außerdem könnte mehr Flexibilität bei Löhnen die Beschäftigung erhöhen.

In den letzten Jahren kamen zunehmend junge Asylsuchende nach Österreich – sie haben automatisch eine geringere Qualifikation. Sie in ihren besten Jahren in der Warteschleife, ohne Fortbildung und Jobchancen zu lassen, raubt ihnen den Integrationswillen, belastet den Sozialstaat und bietet Anreize zur Schwarzarbeit.